Hochbegabung
Was tun unsere Schulen mit superschlauen Mädchen und Buben?

Ein Studium an der ETH geht nicht, wie es der 9-jährige Max Janisch aus dem Luzernischen wollte. Schulen und Kantone bieten aber viele Lösungen am.

Claudia Weiss
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Zwei bis drei Prozent der Kinder sind hochbegabt. Für sie gilt es, eine individuelle Lösung zu finden. Juergen Loesel

Zwei bis drei Prozent der Kinder sind hochbegabt. Für sie gilt es, eine individuelle Lösung zu finden. Juergen Loesel

Der 9-jährige Max Janisch aus dem luzernischen Immensee ist enttäuscht: Obwohl er soeben an seinem Gymnasium die Maturprüfung in Mathematik mit Bravour bestanden hat, will ihn die ETH nicht als jüngsten Studenten zum regulären Mathematikstudium zulassen. Stattdessen könne er als Hörer einzelne Fächer besuchen, lautete der Bescheid des Rektorats.

Tatsächlich ist es ungewohnt, sich einen neunjährigen Knirps an der Hochschule unter lauter zwanzigjährigen Kollegen vorzustellen. Doch Silvia Grossenbacher, Koordinatorin des Netzwerks Begabungsförderung, findet es nicht an sich unmöglich, dass ein Schulkind, das so eindeutig auf einem Fach hochbegabt ist, an einer Uni glücklich sein kann. «Viele Hochbegabte haben eine Affinität zu Älteren, die ihre Interessen teilen», sagt die Fachfrau.

Es kann vorkommen, dass gleich mehrerer Schuljahre übersprungen werden. Doch ein Kind im Primarschulalter an der Uni? In der Schweiz ist bisher kein solcher Fall bekannt geworden. «Es müssen solch spezielle Fälle immer individuell angeschaut werden», betont Grossenbacher. «Denn bei hochbegabten Kindern muss man nicht nur berücksichtigen, wie viel ‹geistiges Futter› sie benötigen, sondern auch, wie es um ihren Entwicklungsstand und ihre sozialen Beziehungen bestellt ist.»

Hochbegabte individuell fördern

Allgemein rechnet man mit zwei bis drei Prozent Hochbegabten und mit zehn bis fünfzehn Prozent überdurchschnittlich Begabten; für sie alle müssen eigene Lösungen gefunden werden. «Allgemeine Begabungen werden meist in der Schule oder in einem speziellen Atelier aufgefangen», erklärt Grossenbacher. Dabei ist wichtig, dass die Schulkinder nicht einfach die doppelte Portion Aufgaben erhalten, sondern dass ihre Interessen mit speziellen Trainings gefördert werden. «Enrichment», also Bereicherung, heisst diese Methode.

Eine andere Möglichkeit für Kinder, die in mehreren Fächern überdurchschnittlich schnell sind, lautet «Akzeleration», also Beschleunigung der Schulzeit, indem ein bis zwei Schulstufen übersprungen werden. Und als dritte Lösung bieten manche Kantone übergreifende Kurse in bestimmten Fächern an, in denen sich Gleichgesinnte einmal wöchentlich austauschen und austoben können.

Der Kanton Aargau beispielsweise bietet ein Mathematik-Atelier, ein Atelier «Litera» für Literaturbegeisterte, ein Atelier «BIG» für kreatives Gestalten, ein Atelier «Historia» für Fragen rund um geschichtliche Zusammenhänge und ein Atelier für Robotik, dessen Teilnehmer auch an internationalen Wettbewerben teilnehmen. «Für diese Ateliers müssen sich die Schülerinnen und Schüler via Portfolio qualifizieren», erklärt Urs Wilhelm, Beauftragter für Begabungsförderung des Kantons Aargau. «Dafür verzichten wir im Gegensatz zu anderen Kantonen auf eine schulpsychologische Abklärung, denn ein IQ von 132 kann zwar ein Hinweis auf eine schnelle Auffassungsgabe sein, sagt aber nichts über die Motivation aus.» Und die braucht es, um in solch spezialisierten Gruppen mitzureden.

Ohnehin, sagt Wilhelm, findet der erste «und wichtigste» Schritt jeweils im Unterricht in der eigenen Klasse statt: «Stellen Eltern oder Lehrkräfte bei einem Schulkind eine überdurchschnittliche Begabung fest, werden wir das in erster Linie mit besonderen Projekten, Recherchen oder anderen Angeboten auffangen.» Das laufe unter dem Titel «individualisierender Unterricht» und gehöre zur Aufgabe aller Lehrpersonen.

Besteht dann noch ein besonderer Bedarf, könne das unter Umständen auch mit eigenen Lösungen abgedeckt werden, etwa mit Instrumental- oder Sportunterricht. «Damit dafür genügend Zeit bleibt, gibt es die Möglichkeit, den regulären Schulunterricht zu verkürzen, wie das in den speziellen Sportförderungsklassen auch geschieht», erklärt Wilhelm.

Als weiteren Schritt gibt es auch im Aargau die Möglichkeit, Klassen zu überspringen. Im Jahr 2011 wurde diese gemäss Statistik 25 Mal genutzt. Überspringer sind damit wesentlich seltener als Repetenten: Fast jeder zwölfte aller Achtklässlerinnen und Achtklässler hat im Jahr 2012/13 die Klasse wiederholt.

Möglichst früh abklären

Am schwierigsten zu erfassen – da sind sich der Begabungsförderungs-Verantwortliche Urs Wilhelm und Silvia Grossenbacher vom Netzwerk Begabungsförderung einig – sind die sogenannten Underachiever: Jene Kinder und Jugendlichen, die vom regulären Schulstoff dermassen unterfordert sind, dass sie ganz abhängen und oft gar unterdurchschnittliche Schulleistungen erbringen. «Deshalb empfehlen wir Eltern und Lehrkräften, Auffälligkeiten möglichst früh mithilfe des schulpsychologischen Dienstes abzuklären», sagt Urs Wilhelm.

Auf der anderen Seite deckt sich die verbreitete Annahme, hochbegabte Kinder seien meist sozial minderbemittelt, absolut nicht mit den Erfahrungen von Netzwerkkoordinatorin Grossenbacher. «Die meisten von ihnen können sich sozial gut integrieren und erleben die Schule insgesamt als positiv und gut», sagt sie.

Sogenannte «Misfits» – das sind Situationen, die niemanden so richtig zufriedenstellen – können allerdings auftreten, wenn Eltern und Lehrpersonen die Situation unterschiedlich einschätzen und sich nicht einigen können. Oder dann, wenn Eltern ein überdurchschnittlich begabtes Kind zu einer Lösung drängen, die ihm nicht behagt, weil es beispielsweise unbedingt in seiner Klasse bleiben will.

«Eine geeignete Lösung für jedes Kind», sagt Grossenbacher deshalb, «sollte immer in einem Rundtisch-Gespräch zwischen allen beteiligten Lehrpersonen, den Eltern und dem Kind gefunden werden.»