Anschlag in Wien

Was passierte in Wien? Und wie gross ist die Terrorgefahr in der Schweiz? - Die Antworten des Islamismus-Experten

Lorenzo Vidino erforscht die Netzwerke der Islamisten und kennt auch die Szenen in der Schweiz. Er erklärt den Unterschied zu Österreich.

Pascal Ritter
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Österreichs Bundeskanzler trauert in Wien um die vier Todesopfer des Anschlages.

Österreichs Bundeskanzler trauert in Wien um die vier Todesopfer des Anschlages.

Bild: APA

Am Montagabend schoss ein islamistischer Terrorist in der Wiener Innenstadt um sich. Bei dem Anschlag gab es fünf Tote, darunter der Attentäter. Die Opfer des Anschlags sind ein älterer Mann und eine ältere Frau, ein junger Passant und eine Kellnerin.

Lorenzo Vidino ist Programmdirektor für Extremismus an der George Washington Universität und beschäftigt sich dort mit Islamisten. Er kennt die Lage in Österreich und der Schweiz. Er gehört dem wissenschaftlichen Beirat der österreichischen Dokumentationsstelle Politischer Islam an und unterrichtete am Zentrum für Sicherheitsstudien der ETH Zürich. Er ist ein international gefragter Experte.

Terror-Experte Lorenzo Vidino

Terror-Experte Lorenzo Vidino

FPRI

Herr Vidino, Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit Dschihadismus. Was sagen Sie zu den Anschlägen in Wien?

Wir wissen noch nicht viel. Ich kann Ihnen nur meinen ersten Eindruck schildern. Es handelt sich offenbar um einen Ortsansässigen oder ein lokales Netzwerk. Ob er oder sie internationale Verbindungen hatten, ist noch nicht klar.

In einem Video bekennt sich der Attentäter zur Terrortruppe «Islamischer Staat». Zeigt dies nicht eine Verbindung auf?

Das Video ist klar im Stile des IS. Das heisst aber noch nicht, dass es auch tatsächliche Verbindungen gab. Wir sehen immer wieder Terroristen, die sich in klassischer Manier zum «Islamischen Staat» bekennen, aber keine tatsächlichen Kontakte hatten.

Der Täter verbreitete seine Propaganda auf Instagram. Könnte es sein, dass er sich im Internet radikalisierte?

Jeder, der in den Dschihad involviert ist, ist im Internet. Und man findet das schnell heraus. Also neigt man dazu, zu glauben, die Radikalisierung finde im Internet statt. Tatsächlich sind dort aber die Spuren schlicht einfacher zu finden. Die Frage ist interessant, wie seine Aktivitäten ausserhalb des Internets aussahen. Es wäre sonderbar, wenn es solche nicht gäbe. Denn Wien hat eine fruchtbare salafistische Szene. Es gibt entsprechende Moscheen und Priester.

Warum wurde Wien zu einem Zentrum der Salafisten-Szene?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Warum wurde in der Schweiz Winterthur und nicht St. Gallen zum Salafisten-Zentrum? Es ist nicht so klar. Oft ist es so: Ein paar einflussreiche Personen lassen sich nieder und gründen Moscheen und Netzwerke. In den frühen 1990er Jahren war Wien ein Drehkreuz für dschihadistische Bosnien-Krieger. Bereits in den 1980er Jahren kamen politische Flüchtlinge, die Moscheen und Zentren gründeten. Mittlerweile radikalisieren sich in den entsprechenden Strukturen junge Menschen, die in Österreich aufgewachsen sind.

Wenn es in Wien so viele Salafisten gibt, warum gab es nicht früher schon Anschläge?

Es gab ein paar kleinere Vorfälle und Versuche. Ob sie erfolgreich sind, hängt zum Teil vom Zufall ab. Als der IS noch ein Territorium in Syrien und im Irak hatte, war dieses «Kalifat» Ziel der Dschihadisten. 300 Personen reisten von Wien nach Syrien. Ich habe gelesen, dass der Attentäter von Wien an einer solchen Reise gehindert worden sei.

Warum wurde Österreich Ziel des Attentats?

Grundsätzlich ist Österreich kein prioritäres Ziel der Dschihadisten. Frankreich oder das Vereinigte Königreich stehen im Zentrum. Es ist aber auch klar, dass jedes Land zum Ziel solcher Terroranschläge werden kann.

Wie besorgt muss man in der Schweiz sein?

Die Schweiz sollte im Vergleich nicht sehr besorgt sein. Es gibt zwar lokal eine salafistische Szene. Sie ist aber kleiner und weniger vernetzt als in anderen Ländern. Sie existiert aber und plante auch Attacken in der Vergangenheit. Und es gibt auch immer Einzelgänger, die zur Gefahr werden können. Generell gesehen, ist die Schweiz besser dran als andere Länder.

Die Schweiz hat Minarette per Volksinitiative verboten. Ist das ein Thema in der Islamistenszene?

Vom Minarett-Verbot wird nicht mehr viel gesprochen. Es war auch nie ein so grosses Thema wie etwa die Charlie-Hebdo-Cartoons in Frankreich. Es wurde mal aufgebracht, aber nur am Rande.

Auch in Österreich ging man davon aus, dass die Gefahr eines Anschlages relativ klein ist.

Das stimmt. Trotzdem gibt es Unterschiede. Die Islamisten-Szene ist in Österreich, etwa in Wien oder Graz, viel grösser als in der Schweiz.

Der Täter war mit einem Messer und einer Kalaschnikow AK47 unterwegs. Was schliessen Sie daraus?

Es ist nicht unmöglich eine automatische Waffe wie die AK47 zu bekommen, aber es kommt nicht sehr häufig vor. Das unterscheidet den Täter von denen, die nur mit einem Messer bewaffnet waren.

Was kann ein Land tun, um sich vor einem solchen Anschlag zu schützen?

Manche Dinge kann man nicht verhindern. Was sich in Wien abgespielt hat, haben wir schon oft gesehen. Der Attentäter war auf dem Radar. Die Polizei kannte ihn. Sie hatte aber keine rechtliche Handhabe, um ihn festzuhalten. Es gibt kein magisches Mittel gegen diese Form von Terrorismus. Manche Länder setzen auf die konsequente Ausschaffung von Gefährdern. Das hätte aber in diesem Fall nicht geholfen, da der Attentäter offenbar Staatsbürger war.

Die Schweiz ist dabei sich ein neues Anti-Terror-Gesetz zu geben mit präventiven Mitteln für die Polizei. Etwa Meldepflicht oder ein Kontakt- und Rayonverbot, noch bevor es zu Straftaten kam. Liberale und Linke kritisieren das Gesetz als nicht vereinbar mit Grundrechten. Was denken Sie darüber?

Ich kenne die Vorlage nicht im Detail und möchte nicht darüber urteilen. Aber es geht um ein schwieriges Thema: Leute, die radikal sind, aber noch keine Taten verübt haben. In einigen extremen Fällen wäre das Gesetz wahrscheinlich hilfreich. Wichtig ist aber, dass man solche massiven Mittel konservativ einsetzt. Die Frage ist heikel. Es gilt, ein Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Freiheiten zu finden.

Welchen Effekt hat Corona auf die Dschihadisten?

Dieser Effekt ist nicht sehr gross. Das Ende des IS-Kalifats war im Vergleich viel wichtiger. Die Netzwerke sind im Moment lokal. Dass es schwieriger ist zu Reisen, hat keinen grossen Effekt. Auf der Propagandaebene gibt es natürlich das ganze Programm von der «Strafe Allahs» bis zu den Juden als Sündenbock. Gleichzeitig hat der IS aber eine ziemlich pragmatische Anleitung erstellt, wie man sich vor dem Virus schützen soll.

Der Attentäter schoss in einem Gebiet in Wien um sich, in dem es eine Synagoge gibt. Sind jüdische Einrichtungen gefährdeter als christliche?

Ja, auf jeden Fall. Juden sind das Hauptziel der Islamisten. Sie sind überproportional gefährdet. In Wien ist es nicht ganz klar, ob die Synagoge das Hauptziel war, oder ob es eine Kombination aus der Synagoge und den umliegenden Restaurants und Bars war.

In den letzten Monaten gab es verschiedene Anschläge vor allem in Frankreich, nun in Wien. Ist das eine Anschlagswelle?

Über die letzten Jahre hatten wir jährlich etwa gleich viele Anschläge. Es waren vor allem kleinere Ereignisse. Nun ist in Wien wieder etwas Spektakuläres passiert. Es ist aber zu früh, um zu sagen, dass wir hier eine Anschlagswelle erleben. Ich bin da zurückhaltend.

Wie beurteilen sie die Arbeit der Sicherheitsorgane?

Die Sicherheitskräfte haben klar dazu gelernt. Das Phänomen Dschihadismus wird viel besser verstanden. Es gibt mittlerweile auch bessere Gesetze und die Informationen fliessen zwischen Ländern und Diensten. Verglichen mit dem Jahr 2015 sind wir viel besser dran.