Erneute Swisscom-Panne: Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten

Schon wieder funktionierten wegen eines Netz-Ausfalles wichtige Notrufnummern wie die 144 nicht. Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten.

Daniel Schurter / watson.ch
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Wenn die Notrufnummern nicht mehr funktionieren, ist guter Rat teuer ...

Wenn die Notrufnummern nicht mehr funktionieren, ist guter Rat teuer ...

watson.ch/Shutterstock

Was ist passiert?

Nach dem jüngsten Notrufnummern-Ausfall in der Nacht auf Mittwoch wird das bestehende Notrufsystem kritisiert und es werden technische Verbesserungen gefordert. Das zuständige Bundesamt hat eine vertiefte Abklärung angekündigt.

Laut Theo Flacher, Bereichsleiter Einsatz & Prävention bei Schutz & Rettung Zürich, liefen während des anderthalbstündigen Ausfalls 40 (echte) Notrufe ins Leere.

«Technisch sind uns die Hände gebunden. Wenn telefonisch nichts mehr geht, dann ist das der Super-GAU.»

Wo harzt es?

Die Swisscom hat einen gesetzlich vorgeschrieben Grundversorgungsauftrag. Darum können die Blaulichtorganisationen bei der technischen Umsetzung des Notrufnummer-Systems auch nicht einfach zur Konkurrenz wechseln.

Dass Verbesserungsbedarf besteht, wissen wir seit Jahren. Der Föderalismus erschwert einheitliche Lösungen, und der Bundesrat hatte sich gegen eine landesweite Priorisierung der europäischen Notrufnummer 112 ausgesprochen.

Das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) veröffentlichte schon 2013 einen Bericht mit einer Bestandesaufnahme zu den Notrufdiensten. Darin hiess es:

«Die heutige Lage der Notfalldienste mit ihren vielen verschiedenen Rufnummern und involvierten Anbieterinnen kann als chaotisch bezeichnet werden und erschwert beträchtlich die Hauptaufgabe dieser Dienste: rasch und effizient helfen.»

Kommt hinzu: Die Situation hat sich durch die fortschreitende Digitalisierung – Stichwort Voice over IP (VoIP) statt analoger Telefonleitungen – verkompliziert. Nicht auszudenken, was bei einem längeren Stromausfall, bzw. Blackout, wäre ...

Immerhin scheint die kantonsübergreifende Zusammenarbeit der Rettungs- und Sicherheitskräfte bei Ausfällen zu klappen. Entsprechende Notfallkonzepte haben sich bewährt.

Wie soll man sich auf den Notfall vorbereiten?

Wenn das Internet ausfällt, ob mobil oder stationär, dann muss man sich die Informationen über andere Kanäle holen, wie zum Beispiel über Radio oder die Nachbarn. Und es gilt auf ein funktionierendes Handynetz zu hoffen.

Wer ein Smartphone besitzt, sollte die folgenden Apps installieren, um sich für Notsituationen zu wappnen:

  • Alertswiss-App: Hier informiert der Bund zeitnah über gefährliche Situationen und gibt Verhaltenstipps.
  • Rega-App: Das ist ein bekanntes Beispiel für eine Anwendung, die es Smartphone-Nutzern ermöglicht, innert Sekunden die Rettungskräfte zu alarmieren und auch automatisch den eigenen Standort (GPS) zu übermitteln. Weiter unten ist ein Erklär-Video angefügt (siehe Quellen).

Wobei die Polizei Basel-Landschaft erklärte, dass die Alertswiss-App während der jüngsten Swisscom-Panne und dem Ausfall der Internet-Dienste nicht funktionierte.

Welche Notrufnummern sind wichtig?

In der Schweiz gibt es laut Bakom-Bericht sechs Kurznummern für die wichtigsten Notrufdienste:

  • 112 – Im Jahr 1997 eingeführte europäische Notrufnummer, mit der die Zentralen von Polizei, Feuerwehr und Ambulanz erreicht werden können
  • 117 – Polizeinotruf
  • 118 – Feuerwehrnotruf
  • 143 – Dargebotene Hand, Telefonhilfe für alle Menschen in Schwierigkeiten, unabhängig von Alter und kultureller oder konfessioneller Zugehörigkeit
  • 144 – Sanitätsnotruf
  • 147 – Telefonhilfe für Kinder und Jugendliche, anonymer und kostenloser Beratungsdienst von Pro Juventute
«Der Notruf muss, ob er nun über das Fest-, Mobil- oder Satellitennetz erfolgt, an die richtige Alarmzentrale am richtigen Ort geleitet werden.»

Bei den Beratungs-Hotlines 143 und 147 wird nicht automatisch versucht, den Standort zu bestimmen (über eine Abfrage bei der Swisscom-Tochterfirma directoriesDATA). Hier soll ja die Privatsphäre der Anrufenden geschützt werden.

Was muss sich ändern?

Wir haben ein gesetzlich festgeschriebenes Recht darauf, in einer Notsituation telefonisch Hilfe anfordern zu können. Sei dies bei Katastrophen, Unfällen oder Verbrechen.

«Der Zugang zu den Notrufdiensten vom Festnetz- oder Mobilfunktelefon ist ein Grundrecht des Bürgers. Es handelt sich dabei um das einzige Recht der gesamten Fernmelderegulierung, das seine Gesundheit und sogar sein Leben betrifft.»

Nachdem es in Österreich im Oktober 2019 einen stundenlangen und landesweiten Ausfall der Notrufnummern gab, wurden Krisenstäbe eingesetzt und die Verantwortlichen diskutierten Verbesserungen. (siehe Chronologie, unten).

Wie das Schweizer Notrufsystem krisenresistenter gemacht werden kann, darüber berät nun auch die Politik. Zunächst gilt es aber die Abklärungen des Bakoms abzuwarten.

Die Verantwortlichen in den Blaulichtorganisationen wollen sich auch ihre Gedanken machen. Schon bei früheren Ausfällen wegen technischer Pannen bei Swisscom hatte es kritische und ungeduldige Äusserungen gegeben.

Die Swisscom schreibt nun:

«Einzelne Notrufweiterleitung auf vordefinierte Alternativziele funktionierten, andere nicht. Wir schauen dies umgehend mit den Notruforganisationen an und überprüfen gemeinsam mit ihnen ihre alternative Erreichbarkeiten (zum Beispiel Mobile). Wir sind in engem Austausch mit den Behörden und Organisationen und bedauern den Ausfall ausserordentlich.»

Der Unternehmer und Politiker Fredy Künzler, Gründer des Internet-Providers init7, rät den zuständigen Stellen via Twitter, man solle sich nicht allein auf die Swisscom verlassen. «Würden die Notrufnummern auf zwei Provider verteilt, würde wenigstens eine Notrufnummer funktionieren.»

Vom grössten Schweizer Polizei-Corps, der Kantonspolizei Zürich, heisst es, «man wolle im Laufe des Tages eine Medieninformation über den Vorfall publizieren».

Von Swisscom werden nicht nur in technischer Hinsicht Verbesserungen gefordert. In Kommentaren bei Twitter wird die mangelhafte Krisenkommunkation kritisiert.

Wie häufig fallen Notrufnummern aus?

In den letzten Monaten gab's eine Häufung. Mit jedem Ausfall steigt das Risiko, dass Betroffene in einer Notsituation nicht rechtzeitig die Rettungskräfte alarmieren können.

11./12. Februar 2020: Der jüngste Ausfall betrifft alle Schweizer Notfallnummern und dauert nach Angaben der Swisscom von 22.33 Uhr am Dienstagabend bis 00.10 Uhr am Mittwoch.

Betroffen waren laut Angaben eines Swisscom-Sprechers internetbasierte Dienste, die Festnetz-Telefonie inklusive Notrufnummern, teilweise die Mobilfunktelefonie.

Zufall oder nicht? Seit den frühen Morgenstunden des 12. Februar traten auch in deutschen Mobilfunk-Netzen (der Betreiber Telekom, Vodafone und 1&1) grossflächige Störungen auf. Bei allestörungen.de gab's viele Meldungen.

17. Januar 2020: In mehreren Kantonen funktioniert an dem Freitagmorgen der Polizei-Notruf nicht. Auch jener der Feuerwehr und des Rettungsdienstes ist laut Medienberichten betroffen. Störungen und zum Teil ganze Netzausfälle vermelden die Kantone Uri, Obwalden, Zürich, Thurgau, Solothurn, Schwyz, Basel-Landschaft, Bern, Tessin, Luzern und Freiburg.

25. Oktober 2019: Wegen technischer Probleme sind die Notrufnummern 117 und 112 in der Stadt Zürich am Freitagvormittag teilweise nicht erreichbar. Grund für die Panne war ein technisches Problem bei der Swisscom. Laut einer Sprecherin wurde wegen einer geänderten System-Konfiguration ein Teil der Anrufe nicht mehr an die Notfallnummer 117 weitergeleitet.

14. Oktober 2019: Im Nachbarland Österreich funktionieren die offiziellen Notrufnummern während mehrerer Stunden nicht. Ein Hardware-Fehler bei einem Provider legt das System laut Medienberichten flächendeckend lahm. Für die Bevölkerung werden Mobilfunk-Telefonnummern als Ersatz kommuniziert.

Quellen