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Beten alleine reicht nicht mehr: Was der rapide Rückgang des Aletschgletschers bedeutet

Einst betete die Walliser Gemeinde Fiesch dafür, dass der Aletschgletscher nicht weiter ins Tal vorrücke. Heute betet sie für das Gegenteil. Seit dem Hangrutsch vor zwei Jahren ist die Gletscherschmelze im Aletschgebiet omnipräsent.
Gregory Remez, Riederalp
Im 17. Jahrhundert noch eine Bedrohung, heute ein schwindender Segen: Der Aletschgletscher hat in den vergangenen Jahrzehnten klimabedingt viel von seiner imposanten Grösse eingebüsst. (Anthony Anex/Keystone, Bettmeralp, 7. Juli 2018)

Im 17. Jahrhundert noch eine Bedrohung, heute ein schwindender Segen: Der Aletschgletscher hat in den vergangenen Jahrzehnten klimabedingt viel von seiner imposanten Grösse eingebüsst. (Anthony Anex/Keystone, Bettmeralp, 7. Juli 2018)

Am Dienstagvormittag ist es in Fiesch wieder so weit. Einen Tag vor dem Schweizer Nationalfeiertag hält die 1000-Seelen-Gemeinde im Nordosten des Wallis ihr inzwischen weit über die Kantonsgrenzen hinaus bekanntes Gletscher-Gelübde ab. Das Anliegen all jener, die an der jährlichen Prozession teilnehmen: Der Aletschgletscher, der grösste seiner Art in den Alpen und zugleich grösste Touristenattraktion der Region, soll wieder wachsen – oder zumindest nicht mehr vor ihren Augen wegschmelzen.

Dass die Fiescher den schweizweit fortschreitenden Gletscherrückgang, der an den beiden Walliser Riesen Aletsch- und Rhonegletscher am augenscheinlichsten wird, in ihre Gebete einschliessen, ist nicht selbstverständlich. Im Gegenteil. Vor rund 360 Jahren war der Aletschgletscher dem Dorf gefährlich nahe gekommen. Deshalb taten die Einwohner 1678 vor Gott und der Welt kund, ab sofort tugendhafter zu leben, damit der Gletscher sein Wachstum einstelle. Der damalige Pfarrer Johann Joseph Volken übermittelte das Gelübde an den Vatikan, wo es prompt beglaubigt wurde. Und so beteten die Fiescher fortan mit päpstlichem Plazet gegen die eisige Bedrohung.

Der Aletschgletscher in Zahlen

Länge: 23 Kilometer. Damit ist der Aletschgletscher der längste Eisstrom der Alpen.
Breite: Bis zu 1800 Meter.
Oberfläche: 86 Quadratkilometer. Der Konkordiaplatz, wo der grosse Aletschfirn, der Jungfraufirn, der Ewigschneefeldfirn und der Grüneggfirn zusammenfliessen, ist so gross, dass eine Stadt wie Chur oder Frauenfeld Platz fände.
Gewicht: 11 Milliarden Tonnen, was dem Gewicht von 72,5 Millionen Jumbo-Jets entspricht.
Eisdicke: Am Konkordiaplatz beträgt sie mehr als 900 Meter.
Fliessgeschwindigkeit: Das im Nährgebiet des Gletschers gebildete Eis fliesst wie eine zähflüssige Masse talwärts und liefert der Gletscherzunge ständig Eis nach. Die dabei zurückgelegte Strecke des Eises wird als Fliessgeschwindigkeit bezeichnet. Am Aletschgletscher beträgt sie 200 Meter pro Jahr auf Höhe des Konkordiaplatzes und bis zu 90 Meter pro Jahr auf Höhe des Aletschwaldes.
Wasserspeicher: Würde man den Eisriesen abschmelzen, könnte jeder Mensch auf der Welt 4,5 Jahre lang täglich mit einem Liter Wasser versorgt werden. (gr)

Ein Teil des Aletschgletschers, der für Touristen zugänglich ist, ist mit einem Fliess abgedeckt (Bild: René Meier (Oberwald, 15. Juni 2018))

Ein Teil des Aletschgletschers, der für Touristen zugänglich ist, ist mit einem Fliess abgedeckt (Bild: René Meier (Oberwald, 15. Juni 2018))

Dann aber drehte das Klima. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts hatte sich der Aletschgletscher nicht nur komplett aus dem Tal zurückgezogen, sondern begann auch dort zu schrumpfen, wo er für die Fiescher und die umliegenden Gemeinden keine Gefahr mehr darstellte. An die Stelle von Angst trat angesichts der rapide schwindenden Eismassen allmählich Wehmut. Oben am Gletscher sei er eines Tages gesessen und habe zugeschaut, wie dieser langsam schmelze, erzählt der Gomser Regierungsstatthalter Herbert Volken, ein später Verwandter des umtriebigen Pfarrers Johann Joseph. Er habe an die Trinkwasserversorgung gedacht und sich an die Vorfahren erinnert, «alles mutige und gescheite Leute, die auch ihre Probleme mit dem Aletschgletscher hatten».Also beschloss er, erneut beim Papst vorstellig zu werden, diesmal allerdings, um das Gelübde umzudrehen. Mit Erfolg. Zu seiner Überraschung zeigte Papst Benedikt XVI. im Jahr 2010 ein offenes Ohr für das klimapolitische Anliegen und ermächtigte die Pfarrei Fiesch-Fieschertal, die Gletscherschmelze in Zukunft in ihre Prozessionsfürbitten aufzunehmen.

Gletscherrückgang gibt Vermisste frei

Gefruchtet haben die Gebete der Fiescher bisher leider nicht. Aktuell verliert der Aletschgletscher an heissen Sommertagen bis zu 20 Zentimeter an Höhe. Zählt man die Abschmelzung im Winter dazu, verflüssigen sich jährlich bis zu 12 Höhenmeter Eis. Führt man sich noch dessen Breite von bis zu 1800 Metern vor Augen, kann man erahnen, welche Ausmasse die Gletscherschmelze inzwischen angenommen hat; beispielsweise war auch der grausige Fund von 2012, als Touristen auf dem Gletscher die Überreste dreier Bergsteiger fanden, die die Eismassen zuvor 86 Jahre lang verborgen hatten, nur wegen der Schmelze möglich. Und der Aletschgletscher ist nicht allein: Seit Beginn der Industrialisierung um 1850 haben die Gletscher in den Alpen etwa einen Drittel ihrer Fläche und die Hälfte ihrer Masse verloren. Glaziologen rechnen mit einem fast vollständigen Abschmelzen noch in diesem Jahrhundert. Grössere zusammenhängende Eisflächen wie der Aletsch- oder der Rhone­gletscher würden zwar überleben, so die Lehrmeinung, allerdings nur in höheren Lagen.

Der Biologe Laudo Albrecht, Leiter des Pro-Natura-Zentrums Aletsch auf der nahen Riederfurka, kann sich noch gut daran erinnern, wie weit der Aletschgletscher seine Zunge früher herausstrecken konnte. Seit Albrecht den Gletscher 1978 das erste Mal fotografierte, hat dieser wieder 1,3 Kilometer an Länge eingebüsst. Unzähligen Gästen hat er die Schönheit des Weltnaturerbes Aletsch gezeigt. Oft machte er mit ihnen auch beim Kalkofen im Aletschwald Halt und erzählte, wie dort vor knapp 150 Jahren die Einheimischen den Kalk brannten, den der Gletscher aus der Jungfrauregion ins Tal transportiert hatte.

«In unserer Region wurde von jeher auf die Umwelt geachtet. Das nützt aber herzlich wenig, wenn hier dauernd Flugzeuge drüberdonnern.» Peter Albrecht, Gemeindepräsident Riederalp

Heute ist das Gebiet gesperrt. Im Oktober 2016 rutschte unterhalb der Moosfluh ein Hang weg und zerstörte mehrere Wanderwege. «Dieses Ereignis hat die Menschen hier stark für das Thema Gletscherschwund und Klimawandel sensibilisiert», sagt Albrecht. Denn über den Grund für den Erdrutsch sind sich die Forscher in der Region inzwischen einig: Ähnlich wie beim letztjährigen Bergsturz am Piz Cengalo oberhalb von Bondo war der Hangrutsch bei der Moosfluh eine direkte Folge der Gletscherschmelze – und somit eine indirekte Folge der Erderwärmung. Der rasante Rückzug des Aletschgletschers hatte die Bergflanke freigelegt und liess Fels sowie Ofen hinter sich zusammenbrechen. «Nirgends sonst in den Alpen verzeichnen wir so grosse Rutschgeschwindigkeiten wie im Aletschgebiet», sagte jüngst Geologe Hugo Raetzo vom Bundesamt für Umwelt (Bafu). Seit langem wird die Region von Experten der ETH beobachtet. Sie rechnen mit weiteren Felsstürzen und warnen: Würde der ganze Hang abbrechen, käme es zu einem riesigen Bergsturz, der noch viel grösser wäre als jener von Bondo.

Nach wie vor ein Touristenmagnet

Glücklicherweise würde ein Bergsturz in das vom Aletschgletscher geformte Tal stürzen und das Dorf Riederalp nicht direkt gefährden. Gemeindepräsident Peter Albrecht nimmt dennoch eine wachsende Besorgnis unter den Einheimischen wahr. «Es kommen vermehrt Leute zu mir, die mich fragen, ob man im Aletschwald noch wandern könne oder ob das Besteigen des Gletschers noch sicher sei», sagt der 69-Jährige, der im Dorf Greich unterhalb der Riederalp aufgewachsen ist und schon als Kind auf den Aletschgletscher kletterte. «Ja, alles kein Problem, wenn man gute Schuhe hat», entgegne er dann immer. «Was jedoch viele in der ganzen Diskussion nicht auf dem Radar haben und was mir weit mehr Sorgen bereitet, ist das Thema Wasser.» Wegen des Gletscherrückgangs werde die Versorgung der Dörfer mit Trinkwasser künftig zur Herausforderung, weshalb die Gemeinde Rieder­alp bereits heute Millioneninvestitionen in diesem Bereich tätige. «Es ist schon komisch. In unserer Region haben die Menschen von jeher auf die Umwelt geachtet, beispielsweise waren wir schon immer autofrei. Das alles nützt aber natürlich herzlich wenig, wenn hier dauernd Flugzeuge drüberdonnern.»

Doch auch wenn der Rückgang des Aletschgletschers den Menschen in der Region zunehmend Kopfschmerzen bereitet und so manchem einheimischen Beizer, Hotelier und Verkäufer aufs Gemüt schlägt – dem für die Region so wichtigen Tourismus scheint die Gletscherschmelze bisher nichts anhaben zu können. Auf den drei grossen Aussichtsplattformen Moosfluh, Bettmerhorn und Eggishorn offenbart sich der schrumpfende Riese nach wie vor als Publikumsmagnet: An sonnigen Tagen ist in der angenehm kühlen Brise, die der Gletscher dort seinen Bewunderern entgegenhaucht, unentwegt ein munteres, multinationales Stimmengewirr zu hören. «Wir verzeichnen seit Jahren einen Zuwachs von ausländischen Gästen. Der Rückgang des Gletschers hat bisher nicht zu einem Rückgang der Touristen geführt», sagt Valentin König, Direktor der Aletsch Bahnen AG. Das Aletschgebiet gehöre nach wie vor zu den Top-Ten-Destinationen der Schweiz. «Für mich persönlich steht aber fest: Unter den Schweizer Sehenswürdigkeiten ist der Aletschgletscher nach dem Matterhorn die Nummer zwei.»

Ein Weg führt zum Aletschgletscher. Im Hintergrund ist ein kleiner See mit Schmelzwasser vom Gletscher zu sehen (Bild: René Meier (Oberwald, 15. Juni 2018))

Ein Weg führt zum Aletschgletscher. Im Hintergrund ist ein kleiner See mit Schmelzwasser vom Gletscher zu sehen (Bild: René Meier (Oberwald, 15. Juni 2018))

Grosse Bedeutung für die Region

Auch Martin Nellen, der seit 40 Jahren Gletschertouren in der Region organisiert, nimmt keinen Besucherrückgang wahr. «Der Aletschgletscher hat nichts von seiner Faszination verloren», sagt der 65-Jährige. «Mit seinen eleganten Formen gibt er bereits aus der Ferne ein gewaltiges Bild ab. Wenn man aber einmal drauf ist, ist das nochmals eine ganz andere Geschichte. Dann hat er fast etwas Mystisches.» Das langsame Sterben des Gletschers, wie Nellen es nennt, tue ihm im Herzen weh. Aber: «Er ist immer noch der grösste der Alpen und immer noch ein unfassbares Naturphänomen.» Dass Menschen dieses Naturphänomen nun seit über drei Jahrhunderten in ihre Gebete einschliessen, hänge auch mit dessen Bedeutung für die Region zusammen. «Der Aletschgletscher ist für die Leute hier mehr als einfach ein Eisklotz.» Die Änderung des Gelübdes sei ein netter PR-Gag gewesen, «eine Mischung aus Frömmigkeit und Schlitzohrigkeit». Es mache eine gute Geschichte her, doch sollte man sich nicht alleine aufs Beten verlassen. Das sieht auch Nellens langjähriger Freund, der Geologe Laudo Albrecht, so: «Das Gletscher-Gelübde gehört zum katholischen Wallis, das ist gut so. Doch sollten sich die Menschen hier auch Gedanken machen, wie sie sich dafür einsetzen können, dass ihre Enkel ebenfalls noch etwas vom Aletschgletscher haben.»

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