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Das GA soll massiv teurer werden: Was darf eine Fahrt à discrétion kosten?

Mitten in der Klimadiskussion sorgt ein Vorstoss des Verbands CH Direct für Aufsehen: Die Zugreise für Generalabonnementkunden soll ­teurer werden. Dabei dürfte es nicht bleiben.
Benjamin Weinmann
Die Preis-Schere zwischen Schienen- und Strassenverkehr wird immer grösser. (Quelle: Preisüberwacher, Foto: Keystone, Grafik: Micha Wernli)

Die Preis-Schere zwischen Schienen- und Strassenverkehr wird immer grösser. (Quelle: Preisüberwacher, Foto: Keystone, Grafik: Micha Wernli)

Bahnbetreiber haben derzeit gut lachen. In der Klimadebatte steht ihr Verkehrsmittel als ökologisch sinnvolle Alternative zum Strassen- und Luftverkehr da. So begründeten die SBB diese Woche denn auch ihre Angebotsausweitung im internationalen Streckenangebot. Der Tenor: Der Klimabewusste reist im Zuge, der Flugpassagier soll sich schämen. SBB-Chef Andreas Meyer ist stets bemüht, die Botschaft zu vermitteln, dass Zugbillette in absehbarer Zeit nicht teurer werden.

Umso überraschender ist ein Vorstoss des Branchenverbands CH Direct, dem rund 250 Transportfirmen des öffentlichen Verkehrs angehören. Gleich mit mehreren Massnahmen will er das Reisen per Zug verteuern, wie das Magazin «Beobachter» berichtet. Im Visier ist gemäss einem internen Dokument das Generalabonnement.

Jeder 17. Einwohner – eine halbe Million – besitzt die Karte, mit der zum fixen Preis von 3860 Franken die freie Fahrt auf dem nationalen Schienennetz möglich ist. Für Angestellte, die täglich zur weitentfernten Arbeit pendeln müssen; für Wandergruppen, die es an Wochenenden in die Berge zieht; für Verliebte, deren Partner in einer anderen Stadt wohnt. Das GA – eine nationale Institution.

Doch mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2021 soll laut dem Papier das GA zehn Prozent teurer werden. Ein Jahresabo würde somit 4250 Franken kosten – rund doppelt so viel wie vor 30 Jahren (siehe Grafik oben). In diesem Zeitraum betrug die allgemeine Teuerung 31 Prozentpunkte. Das GA wurde jedoch um 79 Prozent teurer. Der Kostenanstieg des Autoverkehrs blieb vergleichsweise tief. Allerdings bleibt ein Auto ab einer gewissen Kilometerzahl deutlich teurer als ein GA.

Widerstand aus der Politik

CH Direct schlägt zuhanden seines strategischen Ausschusses weitere Massnahmen vor. Im Ausschuss sitzen ranghohe Vertreter von SBB, BLS, Postauto oder vom Zürcher Verkehrsverbund. Sie entscheiden über die Vorschläge. Dazu gehört auch, dass es nicht mehr möglich sein soll, das GA für bis zu 30 Tage zu hinterlegen. Die populäre Gemeindetageskarte soll per Dezember 2020 abgeschafft werden.

Die happigsten Preisaufschläge drohen jedoch der jungen Kundschaft. Studierende über 25 profitieren heute bis zum 30. Altersjahr von einem Junioren-GA und bezahlen nur 2650 Franken. Dieser Rabatt soll per Ende Jahr gestrichen werden. 26'000 Kunden müssten dann den regulären Preis bezahlen, was einer Verteuerung von 45 Prozent entspricht.

Der Verband nennt im Schreiben Gründe für die Offensive: «Gegenüber dem restlichen ÖV-Sortiment ist der GA-Preis verhältnismässig tief beziehungsweise das Preis-Leistungs-Verhältnis zu gut.» Vor allem die häufigen Benutzer sind dem Verband ein Dorn im Auge. Denn diese Vielreisenden haben ihren GA-Preis je nach Nutzung bereits nach wenigen Monaten amortisiert. Laut «Beobachter» generieren sie pro gefahrenem Kilometer bloss einen Erlös von 13,8 Rappen in der zweiten und 19,2 Rappen in der ersten Klasse.

Wann der strategische Ausschuss über die Preiserhöhung berät, ist laut einer Sprecherin von CH Direct nicht bekannt. Sie betont auf Anfrage, es sei noch nichts beschlossen, und die im Papier erwähnten Massnahmen hätten vorderhand «Ideencharakter». Das Hauptziel sei, das allgemeine Preisniveau stabil zu halten. «Gewisse Angebote gilt es aber anzupassen.» Für grosse Tarifänderungen, wie zum Beispiel die vorgeschlagenen Preiserhöhungen beim GA und Junioren-GA, sei zudem eine Abstimmung bei den rund 160 Transportunternehmen nötig, die vom GA-Verteilschlüssel profitieren. Besonderes Gewicht dürfte das Wort der SBB haben.

Widar von Arx, Professor für Verkehr und Mobilität an der Hochschule Luzern, erachtet es als «sehr heikel», am GA-Tarifwerk herumzuschrauben, da es im ÖV-System stark verankert ist. Die Flatrate sei zudem einfach zu kommunizieren. «Wenn es plötzlich zu viele Angebote gibt, so wie bei den Krankenkassen oder Handyabos, verlieren die Kunden die Übersicht.»

Dennoch zeigt von Arx Verständnis für die Pläne:

«Zahlreiche Vielfahrer, die täglich den Zug benutzen, kommen heute mit ihrer Rechnung zu billig davon. So mancher wäre wohl bereit, das Doppelte für sein GA zu bezahlen.»

Dass die Branche nun versuche, mehr von dieser Zahlungsbereitschaft abzuschöpfen, sei nachvollziehbar.

Irritiert zeigt sich der Mobilitäts­experte indes von der Absicht, das GA für Studierende zu verteuern. «Viele Junge dürften bei einem knappen Budget auf ein Occasionsauto umsteigen und sich langfristig an den Strassenverkehr gewöhnen.» Diese Idee stehe nicht nur angesichts der aktuell geführten Klimadebatte quer in der Landschaft. Die Jungen Grünen lancierten am Mittwoch denn auch sofort eine Onlinepetition, da Preiserhöhungen beim GA der Klimapolitik schaden würden. Nationalrat Michael Töngi (Grüne) reichte dazu beim Bundesrat eine Interpellation ein.

Dynamische Preise via Handy

Laut von Arx kommt der Wunsch nach höheren GA-Tarifen vor allem von den kantonalen Verkehrsverbänden. Ein renommierter Bahnmanager, der nicht genannt werden will, pflichtet ihm bei: «Das GA ist für viele ein Bremsklotz.» Solange dieses den Höchstpreis für die nationale Flatrate definiere, seien Preiserhöhungen in den Kantonen nur begrenzt möglich.

Wer beispielsweise ein Jahr lang im ganzen Zürcher Verkehrsverbund den ÖV à discrétion benutzen will, bezahlt rund 2200 Franken. Für 1600 Franken mehr wäre die freie Fahrt in der ganzen Schweiz möglich. «Bei solchen Abo-Vergleichen braucht es einen gewissen Preisabstand, und da fungiert das GA quasi als Deckel.»

Preisanpassungen seien in vielen Kantonen nötig für eine bessere Kostendeckung, sagt der Brancheninsider. Eine pauschale Erhöhung um zehn Prozent bezeichnet er allerdings als Salamitaktik, die das Grundproblem nicht löse. In Zukunft führe kein Weg daran vorbei, das Zugfahren verursachergerechter abzurechnen. «Die Preise müssen dynamischer werden.» Das sogenannte Mobility Pricing, bei dem die tatsächlich gefahrene Strecke zum Beispiel über das Handy abgerechnet wird, sei eine Möglichkeit. «Oder man führt ein GA mit Bonus-Malus-System ein.» Heisst: Wer überdurchschnittlich viel fährt, bezahlt am Ende des Jahres mehr für das GA.

Ueli Stückelberger, Direktor des Verbandes öffentlicher Verkehr, sagt, man lehne ein «umfassendes Mobility Pricing» ab (siehe Interview unten). Die Verkehrsströme gelte es aber besser zu lenken.

Das Bundesamt für Verkehr, das im strategischen Ausschuss von CH Direct vertreten ist, will zu den Plänen des Verbandes keine Stellung nehmen. Die Tarife im öffentlichen Verkehr seien Sache der Firmen. Die SBB äusserten sich via Communiqué: Beschlüsse gebe es keine. Die Branche prüfe viele mögliche Massnahmen, und die SBB würden sich für stabile, möglichst sinkende Preise einsetzen.

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