Warum Grossveranstalter viele Anlässe noch nicht absagen – obwohl sie am liebsten würden

Der Bundesrat soll sein Anlassverbot lieber heute als morgen verlängern, fordern Grossveranstalter. Aus finanziellen Überlegungen.

Sven Altermatt und Maja Briner
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Nach dem Aufbau ist vor dem Abbau: Auch der diesjährige Autosalon in Genf  musste abgesagt werden.

Nach dem Aufbau ist vor dem Abbau: Auch der diesjährige Autosalon in Genf  musste abgesagt werden.

Bild: Salvatore di Nolfi/Keystone 

Abgesagte Konzerte, leere Messehallen und ausgefallene Sportmatches: Das Corona-Virus trifft die Veranstaltungsbranche hart, ihr wirtschaftlicher Schaden ist immens. Verlängert der Bundesrat sein Verbot von Veranstaltungen mit über 1000 Personen über den 15. März hinaus? In ihrer letzten Sitzung am vergangenen Freitag wollte die Landesregierung dazu noch keinen Entscheid fällen; auch mit Rücksicht auf die arg gebeutelten Veranstalter. Erst diesen Freitag will sie das tun. Dabei rechneten in Bundesbern angesichts des sich rasch ausbreitenden Corona-Virus schon in der vergangenen Woche die meisten Beobachter damit, dass das Verbot verlängert wird.

Doch gut gemeint ist nicht für alle gut. Denn insbesondere die Veranstalter von grossen – und damit kostspieligen – Events hätten sich lieber einen klaren, frühzeitigen Entscheid des Bundesrats gewünscht. Was auf den ersten Blick erstaunt, hat einen finanziellen Hintergrund: Die Veranstalter von Grossveranstaltungen verfügen oft über eine Epidemieversicherung. Wenn sie einen Anlass nach dem 15. März nun aber vorsorglich absagen, gilt das als freiwillige Absage – die Versicherung muss für den Schaden nicht aufkommen.

Eine Deckung gibt es nämlich bloss, wenn die zuständigen Behörden aufgrund von gesetzlichen Bestimmung entsprechende Massnahmen angeordnet haben; so wie es der Bundesrat mit seiner Corona-Verordnung getan hat. Für die Veranstalter heisst das: Sie müssen Anlässe, die in den Wochen nach dem 15. März stattfinden, weiterhin vorbereiten. Auch wenn sie wissen, dass diese höchstwahrscheinlich nicht stattfinden dürfen.

Wenn die Versicherung nicht zahlt

Auf dieses Dilemma verweist CVP-Nationalrat Nicola Paganini. Er ist Direktor der Olma-Messen in St. Gallen, die einige der grössten Publikumsmessen des Landes durchführen und in den vergangenen Tagen schon einige Anlässe absagen mussten. «Bis am Freitag weiss ein Veranstalter nicht, ob eine Veranstaltung am Montag verboten sein wird», sagt er:

«Kippt er den Anlass von sich aus wegen gesundheitlichen Überlegungen, zahlt die Versicherung nicht. Sein finanzieller Schaden ist immens, ebenso jener von Ausstellern, Caterern und Handwerkern.»

Am 20. März hätte in St. Gallen die Immo-Messe Schweiz losgehen sollen. «Viele Aussteller machten Druck und wünschten sich lieber früher als später eine Absage», berichtet Paganini. Eine erfolgreiche, sichere Durchführung hätte ohnehin kaum gewährleistet können. Die Versicherung erklärte sich dann ausnahmsweise auch ohne behördliche Verfügung bereit, den Schaden des Messebetreibers zu decken.

Mehr Planungssicherheit, das wünschen sich vor allem Grossveranstalter. Andere Exponenten der Branche warnten dagegen frühzeitig davor, dass Veranstaltungsverbot voreilig zu verlängern. «Weil das Gros der Besucher unserer Veranstaltungen nicht der gefährdeten Altersklasse angehört und die Eigenverantwortung greift, fordern wir den Bundesrat auf, die laufenden Auflagen keinesfalls zu verschärfen», schreiben die in der Swiss Music Promoters Association zusammengeschlossenen Veranstalter von Konzerten, Shows und Festivals in einer neuen Stellungnahme.

Viele kleinere und mittlere Veranstalter haben nie eine Epidemieversicherung abgeschlossen, und selbst Betriebsausfallversicherungen greifen in diesem Fall üblicherweise nicht. Beim Corona-Virus handelt es sich um «höhere Gewalt». In den beiden vergangenen Wochen strichen die Versicherer ihre Epidemieversicherungen reihenweise aus dem Angebot. Zu gross ist für sie die Wahrscheinlichkeit eines zu versichernden Schadens geworden. Nur bei bestehenden Verträgen wird Schutz gewährt.

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