Gesundheitskosten
Warum die Schweizer Medikamentenpreise einer Baustelle gleichen

Während tiefpreisige Medikamente immer günstiger werden, kosten die teuren immer mehr.

Anna Wanner
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Nur 4,3 Prozent aller verkauften Medikamentenpackungen kosten mehr als 100 Franken.. (Symbolbild)

Nur 4,3 Prozent aller verkauften Medikamentenpackungen kosten mehr als 100 Franken.. (Symbolbild)

Keystone/GAETAN BALLY

Ein Schmerzmittel kostet in der Schweiz kaum mehr als eine Packung Kaugummi: 168 Rappen verlangt der Hersteller für 12 Tabletten Dafalgan (Paracetamol), wenn es die Fabrik verlässt. Mit Vertriebskosten und Steuern, die zum Fabrikabgabepreis hinzukommen, zahlt der Konsument in der Apotheke weniger als drei Franken pro Packung. Auf der anderen Seite der Preisskala stehen Medikamente für Krebs und Immunsystem: Diese verursachten gemäss einer Studie von Helsana 2014 mit 1,3 Milliarden Franken die grössten Kosten – bei kaum 200 000 Patienten.

Trotz unterschiedlicher Ausgangslage stehen die Preise aller Medikamente unter stetem Druck: Sie sollen weiter purzeln – und helfen, die hohen Gesundheitskosten zu entlasten. Diese stiegen 2014 auf satte 71,2 Milliarden Franken, plus 2,8 Prozent.

Altes Modell neu verpackt

Medikamente machen gut zehn Prozent dieser Kosten aus. Trotzdem liegt es auf der Hand, politisch dort anzusetzen: Im Unterschied zu anderen Gesundheitsbereichen kann direkt etwas bewirkt werden. Denn Medipreise folgen nicht den Gesetzen der Marktwirtschaft, sondern den Vorgaben des Bundesrats. Er legt über einen Mechanismus fest, wie die Preise zu bestimmen sind. 2012 hat er entschieden, diese hauptsächlich auf den Vergleich mit dem Ausland abzustützen. Dank des starken Frankens konnten die Preise gesenkt und innerhalb von drei Jahren gut 600 Millionen Franken gespart werden. Doch: 2015 schob das Bundesgericht der Praxis einen Riegel und erklärte das Preissystem für gesetzeswidrig. Neben dem Auslandpreis- sei ein Nutzenvergleich zu machen: Der Preis eines Medikaments muss im Verhältnis zu einem Präparat mit vergleichbarem Nutzen stehen.

Quelle: IG Pharma KMU, Grafik: NCH/SSA

Die ausgepresste Zitrone

Nach dem Urteil hat der Bundesrat eine Mischrechnung vorgeschlagen, wie sie bereits zuvor bestanden hatte, wie sie seit Jahren in immer wieder angewandt wird. Weil die Grosspharma und die Versicherer mehr oder weniger einverstanden sind, wird der Bundesrat abermals nur ein wenig an den Preisen herumschrauben.

Das ärgert Gesundheitsexperte Andreas Faller, der beruflich kleinere und mittlere Pharmaunternehmen vertritt. Er weist auf zwei gegenläufige Trends hin: Während bei den günstigeren Medikamenten (unter 100 Franken pro Packung) die Preise zurückgehen, steigen sie bei den teureren deutlich an – namentlich bei jenen, die mehr als 1000 Franken pro Packung kosten (siehe Tabelle). Für teure Medis wurden 300 Millionen zusätzlich ausgegeben, bei allen anderen konnten in zwei Jahren 70 Millionen gespart werden. Die Zitrone sei ausgepresst, sagt Faller. «Der Kostenzuwachs kann nicht weiter über die billigeren Medikamente kompensiert werden.» Sonst wandere die Produktion ins Ausland ab oder werde ganz eingestellt. Mit den bisherigen Preisvergleichen komme man nicht weiter, es müssten neue Lösungsansätze diskutiert werden, fordert Faller. «Aber alleine der Wille, ein Pilotprojekt zu starten, fehlt.» Dabei sind die Baustellen im Pharma-Markt bekannt:

  • Hochpreisige Medikamente: Nur 4,3 Prozent aller verkauften Medikamentenpackungen kosten mehr als 100 Franken. Doch dieser kleine Teil macht fast die Hälfte der Medikamentenkosten von über 6,3 Milliarden Franken aus. Und: Die Kosten wachsen in diesem Bereich ungleich stärker. Wie damit umgegangen werden soll, ist unklar. Die Pharma hat vorgeschlagen, dass teure Therapien nur bezahlt werden müssen, wenn diese auch wirken («pay for performance»). Doch wer entscheidet über die Wirksamkeit? Faller hält hingegen Public-Health-Programme für geeignet, bei denen die beteiligten Akteure über den Preis verhandeln.
  • Generika: Die Preisvergleiche mit dem Ausland legen es offen: Generika sind im Schnitt anderswo fast halb so teuer wie in der Schweiz. Und sie gehen in hiesigen Apotheken auch viel seltener über den Ladentisch: Die Marktdurchdringung beträgt nur 17 Prozent. Der Bundesrat hat längst versprochen, sich dem Thema anzunehmen. Je nach Schätzung liegt ein Sparpotenzial von mehreren hundert Millionen Franken vor. Preisüberwacher und Versicherer verlangen ein Festpreissystem, bei welchem Krankenkassen bei Medikamenten mit identischem Wirkstoff nur noch jenes vergüten, das am billigsten ist. Die Pharma will das nicht, weil es die Preise allgemein drückt. Im Gegenteil: Preise von Medikamenten, die bereits weniger als zehn Franken kosten, müssten eingefroren, dem Preisdruck ein Ende gesetzt werden, fordert Faller. Stattdessen müsste es Anreize geben, günstige Medikamente zu verkaufen. Das funktioniere nur, wenn die Marge für Apotheker und Ärzte nicht mehr vom Medikamentenpreis abhänge.

Eine gemeinsame Lösung liegt in weiter Ferne. Und der Bundesrat schiebt die heisse Kartoffel weiter vor sich her.

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