Warum ändern, was gut ist?

Hans Anderegg ist 77 Jahre und sagt, dass seine Generation die glücklichste sei. Er macht sich zwar Sorgen um die Umwelt, doch wenn er an die Urne geht, wählt er trotzdem die FDP – weil er es seinem Vater versprochen hat.

Dominic Wirth
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«Wenn es an die Urne geht, dann zählt die Tradition», ist Hans Anderegg überzeugt. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Wenn es an die Urne geht, dann zählt die Tradition», ist Hans Anderegg überzeugt. (Bild: Hanspeter Schiess)

ST. GALLEN. Eigentlich gibt es nicht vieles, das Hans Anderegg Kummer bereitet. 77 Jahre ist er jetzt alt, und wenn er zurückblickt, dann kommt er zum Schluss, dass es eigentlich immer besser wurde in seinem Leben. Nur dass er jetzt von «Zukunftsbäumen» sprechen muss, die bald in seinem geliebten Wald im Neckertal stehen werden, damit tut er sich schwer. Sehr sogar. Die Zeit der Tannen ist bald vorbei, das hat Anderegg vor kurzem an einem Waldseminar erfahren. Und er will bereit sein, wenn es so weit ist. Er hat deshalb angefangen, Douglasien, Lärchen und Eichen zu pflanzen, Zukunftsbäume eben. Die sind genügsamer und kommen besser zurecht mit den trockenen Zeiten, die auch hierzulande immer häufiger werden. Doch Anderegg will nicht nur selber etwas machen. Er erwartet auch von der Politik, dass sie etwas unternimmt. Und zwar solange es noch etwas nützt. «Man muss jetzt ernst machen», sagt Anderegg. Schliesslich spüre man den Klimawandel ja schon, die Hitze dieser Tage ist ihm Beweis genug. Wenn man ihm so zuhört, klingt er ein wenig wie einer, der die Grünen wählt. Doch das wird sich noch als Fehlschluss herausstellen.

Lehrern das Lehren beigebracht

Anderegg sitzt an diesem Sommertag am Stubentisch, eine Doppelhaushälfte im Wolfgangquartier, seit 1971 wohnt er mit seiner Frau Elisabeth schon hier. Neunzig Franken kostete der Quadratmeter damals nur gerade. Es war eine gute Gelegenheit, die Schwiegereltern lebten ganz in der Nähe, und beim Innenausbau durfte man mitreden. Im Erdgeschoss das Wohnzimmer und die Küche. Dazu ein Büro, Andereggs Reich, dort hängen seine Jagdtrophäen, Rehgeweihe zumeist. Und dort stehen all die Bücher aus der Zeit, als er angehenden Lehrern beibrachte, wie man unterrichtet. Über 30 Jahre tat er das, bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2001. Im zweiten Stock vier Schlafzimmer, alle waren sie einst bewohnt. Mittlerweile sind die Kinder – drei Mädchen, ein Junge – ausgezogen, doch da sind sie trotzdem noch: Ganz in Weiss vor dem Kinderfest etwa, an einer Wand im Treppenhaus. Oder später, als sie keine Kinder mehr sind, sondern selber Eltern. Sieben Enkel haben die Andereggs. Manchmal begleiten sie den Grossvater, wenn es im Choltobel Bäume zu pflanzen gibt oder sonst etwas zu tun.

Die Natur schützen

Überhaupt, das Choltobel. Der Wald, mit 23 Hektaren einer der grössten im Kanton, begleitet Hans Anderegg schon sein ganzes Leben. Aus ihm stammte das Holz, mit dem einst das Elternhaus erbaut wurde; aus ihm stammte der Honig, den ihm die Eltern als Baby an den Nuggi schmierten, wenn er nicht zur Ruhe fand. Heute gehört das Choltobel Anderegg, und wenn man ihn fragt, was er denn von der Politik erwartet, dann spielt dieser Wald eine wichtige Rolle. «Er ist der Grund für meine Naturverbundenheit», sagt Anderegg, der sich fragt, warum die Leute das Auto nehmen, wenn sie doch eigentlich den öffentlichen Verkehr nutzen könnten. Warum immer neue Strassen und Tiefgaragen entstehen – und damit Anreize, das Auto zu nutzen. Anderegg selber tankt sein Fahrzeug lediglich einmal im Monat, und er nutzt es eigentlich nur, um in seinen Wald in Brunnadern zu fahren. Hier wuchs Anderegg einst auf, ehe er die Gemeinde verliess, weil er es als einziger aus seinem Jahrgang an die Kantonsschule nach St. Gallen schaffte.

Alte nicht als Last sehen

Die Natur und ihr Schutz ist das eine Thema, bei dem sich Anderegg mehr von den Politikern erhofft. Das andere sind die alten Menschen und ihre Bedürfnisse. Vor kurzem hat er gelesen, dass sich der Anteil der Über-80-Jährigen bis 2040 verdoppeln wird. In den Medien sprechen sie in diesem Zusammenhang gerne von der Überalterung, doch Anderegg gefällt dieses Wort nicht; er findet, dass das etwas despektierlich klingt. Er, der selber Präsident einer Seniorenorganisation in der Stadt St. Gallen ist, würde sich wünschen, dass man die alten Menschen nicht als Last sieht. Sondern als das, was sie in seinen Augen eben auch sind: Eine Chance, auch für die Wirtschaft, «ein zukunftsträchtiger Zweig».

«Es ging immer aufwärts»

Die Natur und die Bedürfnisse der alten Leute, das sind also die Themen, die Anderegg beschäftigen. Sie sind das eine. Die Entscheidung an der Urne ist das andere – und in ihr spiegeln sich die Probleme, die Anderegg sieht, nur bedingt. Schon sein Vater war in der FDP, und «ihm zuliebe» sei er einst auch beigetreten, sagt Anderegg. «So, wie wir leben durften, ist man eher auf der bürgerlichen Seite.» Schliesslich habe man immer alles gehabt, der Staat habe zu einem geschaut. Warum also etwas anders machen? «Ich bin der Meinung, dass wir die glücklichste Generation sind, es ging für uns immer aufwärts», sagt Anderegg, und dann noch diesen Satz: «Wenn es an die Urne geht, dann zählt die Tradition. Und das ist bei vielen Leuten in meinem Alter so.» Das sind schlechte Nachrichten für die Parteien, für alle eigentlich, denn zu Ende gedacht heisst das: Es kommt gar nicht drauf an, was sie in ihre Parteiprogramme schreiben, zumindest nicht für die Senioren. Und die sind wichtig, auch diesen Herbst wieder. Denn keine Altersgruppe geht fleissiger an die Urne als sie.