Warnung vor Selektion bei Babies

Künstlich gezeugte Embryos sollen auch auf Trisomie 21 getestet werden dürfen. Dies hat gestern der Nationalrat entschieden – und löst damit heftige Kritik aus. Nun ist wieder der Ständerat am Zug.

Kari Kälin
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Laut Schätzungen wird heute in rund 90 Prozent der Fälle bei einem Trisomie-21-Befund abgetrieben. (Bild: ap/Gregory Bull)

Laut Schätzungen wird heute in rund 90 Prozent der Fälle bei einem Trisomie-21-Befund abgetrieben. (Bild: ap/Gregory Bull)

Das Reagenzglas ist ihre letzte Hoffnung. Mehr als 6000 Frauen lassen sich in der Schweiz jedes Jahr künstlich befruchten. Der Kinderwunsch kommt Paare teuer zu stehen. Rund 5000 bis 8000 Franken kostet die sogenannte In-vitro-Fertilisation. Längst nicht immer lohnt sich die aufwendige Prozedur. 2012 wurden nur knapp 36 Prozent aller Frauen, die sich auf diese Weise behandeln liessen, schwanger. Und nur drei Viertel aller Schwangerschaften führten zur Geburt eines Kindes.

Chromosomen-Test möglich

Gestern hat nun der Nationalrat die Voraussetzungen für eine höhere Erfolgsquote geschaffen. Mit 119 zu 65 Stimmen sprach sich die grosse Kammer dafür aus, bei der der Präimplantationsdiagnostik (PID) auch das sogenannte Aneuplodie-Screening zu erlauben. Das bedeutet: Alle Frauen, die auf die medizinisch unterstützte Fortpflanzung setzen, dürfen untersuchen lassen, ob eine Chromosomenstörung vorliegt, bevor der Embryo in die Gebärmutter eingepflanzt wird. Der Nationalrat entschied zudem, die Zahl der im Reagenzglas erzeugten Embryos nicht zu begrenzen. Der Bundesrat und der Ständerat hatten vorgeschlagen, maximal drei künstliche Embryos zuzulassen («Dreierregelung»), wenn das Erbgut nicht untersucht wird. Bei einer Untersuchung des Erbguts sollten es höchstens acht sein.

Abbrüche werden reduziert

Professor Michael Hohl, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe am Kantonsspital Baden, begrüsst die Beschlüsse des Nationalrats. «98 Prozent aller Embryos mit chromosalen Störungen sterben ab», sagt er. Dank des Chromosomen-Tests und des Verzichts auf die Dreierregelung könnten nicht nur Fehlgeburten verhindert werden. Man könne den Frauen auch das Leid ersparten, trotz künstlicher Befruchtung vielleicht nicht einmal schwanger zu werden. «Bei der heutigen Gesetzeslage werden die Embryos quasi im Blindflug eingepflanzt», gibt Hohl zu bedenken. Auch Christian De Geyter, Chefarzt der Reproduktionsmedizin am Frauenspital der Uni Basel, ist überzeugt, dass nun die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nach künstlicher Befruchtung reduziert werden kann.

Der Ständerat zeigte sich in der Frühlingssession restriktiver als der Nationalrat. Zwar hiess auch die Kleine Kammer die Präimplantationsdiagnostik gut. Die Kantonsvertreter wollten sie aber Paaren vorbehalten, die eine Veranlagung für eine schwere Erbkrankheit wie zystische Fibrose oder Muskelschwund aufweisen. Davon wären etwa 50 bis 100 Paare pro Jahr betroffen gewesen. Voraussichtlich in der Herbstsession wird der Ständerat die Differenzen zum Nationalrat behandeln.

Kontroverse um Trisomie 21

Für eine Kontroverse sorgt der Chromosomen-Test, weil damit auch Trisomie 21 (Down-Syndrom) entdeckt wird. Der Thurgauer CVP-Nationalrat Christian Lohr kam ohne Arme und mit verkürzten Beinen zur Welt. Lohr warnte, dass mit der «unbegrenzten Zulassung der Präimplantationsdiagnostik» die Weichen auf Selektion gestellt würden. Für Menschen mit Trisomie 21 werde der Platz in einer normierten Gesellschaft eng und enger. «Soll es sie in Zukunft nicht mehr geben? Dazu sage ich deutlich: Nein!», so Lohr.

Insieme, die Vereinigung der Elternvereine für Menschen mit einer geistigen Behinderung, zeigte sich in einem Communiqué «bestürzt» über die Zulassung des Chromosomen-Tests. Dieser ziele auf die Aussonderung von Embryonen mit abweichendem Chromosomensatz, wie etwa bei Trisomie 21. «Dies zwingt zu einer Unterscheidung von lebenswertem und lebensunwertem Leben und kann zu einer schwindenden Akzeptanz von Menschen mit einer Behinderung führen.»

Ethisch schwieriger Entscheid

Der Waadtländer FDP-Nationalrat Fathi Derder sieht dies ganz anders. «Wegen des Chromosomen-Test werden nicht weniger Kinder mit dem Down-Syndrom geboren. Dafür werden weniger Frauen abtreiben», sagte er. Frauenarzt Hohl teilt diese Ansicht. Die heraufbeschworene Gefahr einer Selektion von gesunden Kindern sieht er nicht. Denn bei der Präimplantationsdiagnostik gehe um die Auswahl eines Embryos. Für Hohl wäre es unethisch, die ChromosomenTests zu verbieten. Der Grund: Sollte sich im Verlauf der Schwangerschaft herausstellen, dass das künstlich befruchtete Baby Trisomie 21 haben wird, würde sich die beklemmende Frage stellen: Abtreiben ja oder nein? «Dieses Dilemma müssen wir den Frauen ersparen.»

Anders als die Präimplantationsdiagnostik sind Tests während der Schwangerschaft schon heute erlaubt. Und diese stellen die Frauen vor ethisch schwierige Entscheide. Die Bereitschaft, ein Kind mit Trisomie 21 aufzuziehen, scheint gering. Zeigt der Test an, dass ein Kind mit Down-Syndrom heranwächst, treiben es laut Schätzungen 90 Prozent ab. Kamen 1976 in der Schweiz noch 103 Kinder mit Trisomie 21 auf die Welt, waren es 2009 nur noch 43 und ein Jahr später 77, wie Zahlen des Bundes zeigen.

Wachsender Beliebtheit erfreut sich hierzulande der Bluttest des deutschen Herstellers Lifecodexx, mit dem unter anderem Trisomie 21 erkannt wird. Der Test ist seit August 2012 auf dem Markt. Bis Ende April dieses Jahres wurde er in der Schweiz 2500mal verkauft, wie Lifecodexx-Sprecherin Else Decker sagt.

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