Die Frauen sind die Verliererinnen, die grüne Welle geht weiter: Fünf Erkenntnisse aus den Wahlen im Aargau

Andreas Glarner schadet der SVP nicht. Die CVP hat wenig von der BDP. Es ist ein schwarzer Tag für die Frauen, aber ein sehr guter für die GLP. Und die SP verliert ausgerechnet wegen ihrer Grünen Freunde: Dies sind die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Aargauer Wahlsonntag.

Lucien Fluri
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Der Aargauer Regierungsrat bleibt ein Männergremium. Gewählt wurden gestern (v.l.): Jean-Pierre Gallati (SVP), Alex Hürzeler (SVP), Markus Dieth (CVP), Dieter Egli (SP) und Stephan Attiger (FDP). Staatsschreiberin Vincenza Trivigno ist die einzige Frau an den Besprechungen des Gremiums.

Der Aargauer Regierungsrat bleibt ein Männergremium. Gewählt wurden gestern (v.l.): Jean-Pierre Gallati (SVP), Alex Hürzeler (SVP), Markus Dieth (CVP), Dieter Egli (SP) und Stephan Attiger (FDP). Staatsschreiberin Vincenza Trivigno ist die einzige Frau an den Besprechungen des Gremiums.

Bild: Alexandra Wey/Keystone (Aarau, 18. Oktober 2020)

Die Spannung war gross: Schlägt das Formtief der SVP auf kantonaler Ebene durch? Kann sich der grüne Trend halten? Wiederholt sich das «Frauenwahljahr 2019» auch in den Kantonen? Und wie schneidet die neue Mitte aus CVP und BDP ab? Im Mittelland gab es am Sonntag einen Stimmungstest zu all diesen Fragen.

Fast ziemlich genau ein Jahr nach den nationalen Wahlen hat der Aargau sein Kantonsparlament neu gewählt. Er wurde damit zum Gradmesser, ob die Entwicklungen der nationalen Wahlen 2019 nur ein Strohfeuer waren oder ob sie längerfristig halten. Dies sind die wichtigsten Erkenntnisse.

1. Die SP gilt nicht als Klimapartei - sie verliert

Ja: Die Grüne Welle ist auch ein Jahr nach den nationalen Wahlen nicht abgeebbt. Unübersehbar ist der Zuwachs im Lager von Grünen und Grünliberalen. Die Grünen haben im Vergleich zu den Wahlen 2016 drei Prozent dazugewonnen und sind nun auf 10 Prozent. Sie haben ihre vier neuen Sitze auf Kosten der SP geholt, die 2,37 Prozent Wähleranteil verliert und neu bei 16,55 Prozent liegt. Die Sozialdemokraten sind zwar noch immer zweitgrösste Partei, haben künftig aber nur noch 23 statt 27 Sitze. Im Heimkanton des neuen SP-Co-Präsidenten Cédric Wermuth sieht man die Grünen offenbar als die Partei an, die erfolgreich gegen den Klimawandel kämpfen kann. Die SP, die teils dieselben Positionen hat, profitiert nicht davon.

2. Zersplitterung in der Mitte: Die GLP wird grösser, die FDP kleiner

Grosse Siegerin ist die GLP. Sie hat ihre Sitzzahl fast verdoppelt: Statt wie bisher mit sieben wird sie künftig mit 13 Parlamentarierinnen und Parlamentariern im 140-köpfigen Grossen Rat sitzen. Die GLP bietet sich offensichtlich für bisherige BDP oder FDP-Wähler als Alternative an. Dies führt insgesamt zu einer zersplitterten Mitte aus CVP, EVP, FDP und GLP: Denn die CVP kam der serbelnden FDP etwas näher. Die Grünliberalen stossen mit etwas Abstand nach. Die EVP hielt sich mit sechs Sitzen wacker. Auch wenn die Mitte zersplittert ist, lässt sich ein leichter Trend von den Parteien rechts hin in die Mitte feststellen.

3. Die BDP-CVP-Zusammenarbeit wirkt nur bedingt

Zu denken geben müssten die Aargauer Wahlen der CVP-Parteizentrale in Bern – mit Blick auf die Fusionspläne zwischen BDP und CVP. Die BDP, die 2016 vier Sitze geholt hatte, trat im Aargau nämlich nicht mehr an; ihre Mandatsträger waren auf CVP-Listen. Zwar holte die CVP nun einen Sitz mehr und gewann 0,7 Prozent. Aber damit hatte sie nur einen der einst vier BDP-Sitze hinüberretten können. Die Partei ist mit 12,8 Prozent allerdings nicht mehr weit von der FDP weg. Diese verlor einen Sitz und 1,29 Prozent Wähleranteil (neu 14,71 Prozent). Trotz des geringen Zuwachses ist CVP-Nationalrätin Marianne Binder überzeugt: «Die Strategie, uns für Wählerinnen und Wähler des politischen Zentrums zu öffnen, ging auf. Wir haben als einzige Regierungspartei zulegen können.» Insbesondere sei die CVP in Bezirken erfolgreich gewesen, wo sie es vorher nicht unbedingt war. Binders Fazit: «Wir sind auf dem richtigen Weg.»

4. Die SVP: Ist alles halb so schlimm?

Und die SVP? Sie hat zwar etwas verloren, aber weniger stark als im Voraus angenommen wurde. Sie muss zwei Sitze abgeben und büsst 1,63 Prozent Wähleranteil ein. Sie bleibt allerdings unangefochten der Platzhirsch - mit 30,31 Prozent Wähleranteil und42 Sitzen im Parlament. Auch der Wirbel, den ihr Kantonalpräsident, SVP-Nationalrat Andreas Glarner, mit unflätigen Aussagen ausgelöst hatte, schadete der Partei offenbar nicht. Sie kann auf eine treue Stammwählerschaft zählen.

5. Frauenfrage spielt für die Aargauer keine Rolle

Während grün weiterhin zulegen konnte, wiederholte sich ein anderes Merkmal der nationalen Wahlen nicht mehr: Der Frauenanteil sank nämlich im Aargau. Gewählt wurden ins 140-köpfige Parlament 44 Frauen, sieben weniger als 2016. Keinen Schwung aus dem Frauenjahr gab es auch bei den Aargauer Regierungsratswahlen: In den nächsten vier Jahren sitzt keine Frau im Gremium. Die grüne Kandidatin verpasste die Wahl, auch wenn sie ein respektables Resultat vorweisen kann. Sie lag rund 10000 Stimmen hinter SP-Mann Dieter Egli, der frisch gewählt wurde und den einzigen SP-Sitz verteidigen konnte. Ansonsten wurden Alex Hürzeler (SVP), Jean-Pierre Gallati (SVP), Markus Dieth (CVP) und Stephan Attiger (FDP) wiedergewählt. «Weitere vier Jahre Männerherrschaft – 50 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts», twitterten die Grünen. «Die anderen Parteien haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht.»