Von der Formel-E elektrisiert

Sie sehen aus wie Formel-1-Boliden, sind aber keine: Formel-E-Rennwagen werden mit einem Elektromotor angetrieben. 2017 könnte das erste Rennen in der Schweiz stattfinden. Das Umweltlager ist gespalten.

Chrstian Kamm
Drucken
Teilen
Vor dem Kreml auf Punktejagd: Der Schweizer Formel-E-Pilot Sébastien Buemi unterwegs in der Moskauer Innenstadt. (Bild: ap/Alexander Zemlianichenko)

Vor dem Kreml auf Punktejagd: Der Schweizer Formel-E-Pilot Sébastien Buemi unterwegs in der Moskauer Innenstadt. (Bild: ap/Alexander Zemlianichenko)

Der 11. Juni 1955 war auch für den Motorsport in der Schweiz ein schwarzer Tag. 82 Menschen starben damals im französischen Le Mans bei der bisher schwersten Motorsport-Katastrophe. Seither sind in der Schweiz Rundstreckenrennen verboten. Die Formel 1 musste draussen bleiben. Sämtliche Versuche, dieses politische Stopschild zu überfahren, blieben erfolglos – bis die Rennserie mit Elektroautos, Formel-E genannt, auf der Bildfläche erschienen ist.

Politisch bereits am Ziel

Politisch ist das Rennen für die Stromflitzer bereits gelaufen, die es in drei Sekunden auf Hundert schaffen und bis zu 250 km/h schnell fahren können. Der National- und dann auch der Ständerat im letzten März haben grünes Licht für eine Lockerung des Verbots gegeben. Formel-E- Rennen, die seit September 2014 als internationale Meisterschaft und in der Regel auf Stadtstrecken stattfinden, sollen auch in der Schweiz gestartet werden dürfen. Der hiesige Austragungsort stünde in einer illustren Reihe mit Peking, Miami, Moskau, Berlin. Zudem hat die Schweiz mit Sébastien Buemi einen Spitzenfahrer in der Formel-E (Gesamtzweiter letzte Saison).

Die Anhörung für eine entsprechende Ausnahmeregelung hat diesen Sommer begonnen und wird noch bis am 16. Oktober dauern. Im federführenden Bundesamt für Strassen (Astra) rechnet man aber nicht mehr mit einem Inkrafttreten noch im laufenden Jahr. Es dürfte 2016, werden, sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach auf Anfrage.

Werbung für Elektroautos

Die Genugtuung über diesen Durchbruch nach Jahrzehnten des motorsportpolitischen Stillstands war schon unter der Bundeshauskuppel gross. «Das sind saubere Rennen», feierte etwa Georges Theiler (FDP/LU) die Formel-E im Ständerat. Sie unterscheide sich bezüglich Lärm und Umweltbelastung massiv von herkömmlichen Autorennen. Zudem erhofft man sich für den Standort Schweiz und die Elektrofahrzeugbranche einen Innovationsschub.

Das ist mit ein Grund, weshalb diesmal auch Kreise mit an Bord sind, die man nicht in einem Rennwagen erwarten würde. «Das würde ich unterstützen: Die Formel E Rennen in Züri», twitterte etwa der Grünen-Nationalrat Bastien Girod (ZH) im letzten März. Und auch die Co-Präsidentin der Grünen, Regula Rytz, kann mit diesem Gedanken leben, wie sie dem «Blick» sagte: «Wenn solche Rennen auf bestehenden Strassen und mit erneuerbarem Strom stattfinden, sind sie eine gute Werbung für Elektroautos.»

Besser anders profilieren

Doch das Umweltlager war und ist in dieser Frage gespalten. VCS-Präsidentin und SP-Nationalrätin Evi Allemann (BE) bleibt bei der schon früher geäusserten Kritik: «Ich bin nach wie vor der Meinung, dass sich die Schweiz im Automobil-Bereich nicht mit der Durchführung von Formel E-Rennen profilieren soll. Sondern mit Innovationsträchtigerem wie etwa der Forschung zum Thema Fahrassistenzsysteme, die einen echten Gewinn an Verkehrssicherheit auf unseren Strassen bringen würden.» Zwar seien Rennen mit Elektroautos sicher bedeutend umweltfreundlicher, räumt auch die SP-Verkehrspolitikerin ein. Sie sieht aber gleichzeitig noch andere Interessen am Werk: «Es ist offensichtlich, dass die Rennsportkreise so mit Salamitaktik doch noch ihren Formel-1-Traum verwirklichen wollen.»

Und der Sicherheitsaspekt? Die Formel-E hat sich als vergleichsweise unfallträchtig entpuppt. Schon die Premiere im September 2014 in Peking war von einem Horrorunfall überschattet, bei dem sich das Auto von Nick Heidfeld mehrfach überschlug und in die Leitplanken krachte. Der mehrfache Formel-1-Weltmeister Alain Prost warf Heidfeld anschliessend ein «Selbstmordmanöver» vor. Wie Piloten berichten, gehören die Formel-E-Flitzer zu den anspruchsvollsten Rennautos, die sie je gefahren haben.

Geschwindigkeit festlegen

Nicht von ungefähr sieht der Bund bei der Erteilung einer Bewilligung für ein Formel-E-Rennen zwingend die Festlegung einer Höchstgeschwindigkeit vor. Evi Allemann will noch weitere Vorschriften: «Denkbar wäre etwa, auch Auflagen bezüglich Umwelt- und Stadtverträglichkeit von solchen Grossveranstaltungen einzufordern.»

Wo der Schweizer Grand-Prix dereinst stattfinden könnte, ist offen. Das Rennen aber ist eröffnet. Im Moment streiten sich Lugano und Zürich um die Pole-Position. Die Tessiner Metropole hat sich anfangs Juli zur offiziellen Kandidatin küren lassen und mit dem Veranstalter der Rennen eine Absichtserklärung unterzeichnet. In Zürich hat sich ein privater Verein konstituiert.

Über Sieg und Niederlage entscheiden wird nicht zuletzt das liebe Geld. Allein Sponsorengelder im Umfang von 10 Mio. Franken sind nötig, um die Formel-E ins Land zu holen.