VISIONEN: «Im Berggebiet fehlen die starken Ideen»

Die Ablehnung der Bündner Olympiabewerbung und das Nein zum geplanten Naturpark Adula machen ratlos: Was wollen die Einheimischen wirklich? Der Thinktank Avenir Suisse bringt neue Vorschläge zur Zukunft der Berggebiete. Fragen an den renommierten Architekten und ETH-Professor Gion A. Caminada.

Gottlieb F. höpli
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Erhalten und erneuern im Berggebiet: der Architekt Gion A. Caminada in Valendas in der Surselva, wo er die Entwicklung des Ortes projektiert. (Bild: GIAN EHRENZELLER (KEYSTONE))

Erhalten und erneuern im Berggebiet: der Architekt Gion A. Caminada in Valendas in der Surselva, wo er die Entwicklung des Ortes projektiert. (Bild: GIAN EHRENZELLER (KEYSTONE))

Gion A. Caminada, Nein zum Park Adula, Nein zur Bündner Olympiabewerbung: Jetzt wissen wir, was die Bündner Stimmbürgerinnen und Stimmbürger nicht wollen. Aber was wollen sie eigentlich?
Wenn wir der Frage nachgehen, warum in kurzer Zeit zwei voneinander völlig unterschiedliche Projekte gescheitert sind, bringt es vielleicht eine Klärung. Beim Projekt Adula befürchteten die Einheimischen zu viel Schutz und einen Verlust von Freiheit und Autonomie, bei Olympia unter anderem zu viel Rummel, und es gab eine Angst vor Umweltzerstörung. Wenn wir nun versuchen zu verstehen, was die Menschen bewegt hat, so gibt es etwas Gemeinsames, etwas Verbindendes bei diesen beiden Projekten: einerseits Sorge um das Territorium, andrerseits ein starkes Interesse und damit die Bereitschaft für die Übernahme einer gewissen Verantwortung für das eigene Territorium. Das steht über den oftmals ökonomisch ausgerichteten Prinzipien der Initianten. In diesem Verhalten erahnt man etwas fast Ontologisches, etwas, das über dem Zeitgeist steht. Das gibt Hoffnung.

Aber nochmals: Was wollen die Einheimischen konkret? Dass alles so bleibt, wie es ist – trotz rückläufigem Tourismus, Abwanderung, drohender Entvölkerung von Bergdörfern und ganzen Tälern?
Ob die angesprochene Abwanderung mit diesen Projekten hätte gestoppt werden können, darf man bezweifeln. Dieses Phänomen scheint mir viel komplexer. Mit Subventionen wurde der Rückgang auch nicht gestoppt, nur etwas verlangsamt. Und den Grund für die Krise des Tourismus ausschliesslich in den Regionen zu suchen, scheint mir etwas gar einfach. Ohne eine realistische Sicht auf den Weltmarkt – und daraus einen Paradigmawechsel zu vollziehen – glaube ich, wird der Tourismus ewig in der Krise bleiben. Gerade die Regionen im Alpenraum bleiben, solange die Ökonomie diese Relevanz hat, nichts anderes als ein Ableger des Weltgeschehens. Was mich vor allem bei der Debatte des Adula-Projekts geschmerzt hat, ist das fehlende Bewusstsein für das ziemlich gut funktionierende System in unserem Land und der Respekt vor Menschen, die daran arbeiten. Die Art wie die Diskussion geführt wurde, war zum Teil ziemlich schlimm.

Sie haben als Architekt und Raumplaner des Berggebiets schon viele Erfolge und auch einige Misserfolge erlebt: Ihr Heimatort Vrin im Val Lumnezia hat dank Ihres Einsatzes den Wakker-Preis für vorbildlichen Ortsbildschutz erhalten. Der Park Adula, wurde abgelehnt, auch von den Vrinern.
Ich sehe das Adula-Projekt nicht unbedingt als etwas Gescheitertes. Meine Position war weder eine der strikten Ablehnung noch einer Forcierung des Projektes. Ich hatte von Anfang an eine etwas andere Absicht. Wir wollten in unseren Studien eine Idee zum Ausdruck bringen, die über den Extrempositionen «Schutz» und «Markt» stand. Wir sahen drei Arten von Beziehungen: eine Beziehung zwischen dem alpinen Raum und den städtischen Räumen, eine innere Beziehung zwischen den Tälern des Territoriums und eine neue Beziehung zwischen Mensch und Natur. Die Intention «Park» hätte die zündende sein können für solche Beziehungen und für ein anderes Territorium. Ich werde diese Grundsätze bei anderen Projekten weiterverfolgen. Wenn wir die Geschichte und die Entwicklung vieler Bergdörfer anschauen, so verstehen wir auch das Verhalten vieler Bewohner zu diesen Projekten. Vor gar nicht so langer Zeit herrschte noch eine ziemliche Armut. Von aussen ist dann ein bescheidener Wohlstand gekommen, und nun herrscht eine Art Sättigung. Viele meinen, dass die existenzielle Basis gesichert sei, andere wiederum sind der Ansicht, dass die Entwicklung zu forcieren sei. Nicht allen ist bewusst, dass ein Leben in dieser Qualität nur dank des föderalistischen Systems möglich ist. Die frenetischen Entwickler und viele mahnende Ratgeber sollten wissen, dass einzig mit einer Kapitalvermehrung der gute Lebensraum nicht zu erreichen ist.

War das denn im Berggebiet schon einmal anders?
Das war vor 20 Jahren ganz anders. Die Grösse des Empires, die grosse Welt wirkt auch in den Bergen und lässt Spuren zurück. Diese Grösse und ihre Wirkungen sind kaum überschaubar, und damit sinkt das Vertrauen in das Eigene. Und ohne Vertrauen ist der Mensch nicht fähig, Verantwortung zu übernehmen. Wir müssen wieder zum Lokalen zurückfinden – der Nähe zu den Dingen. Nur darin sind wir wirkungsfähig. Selbstverständlich darf die Sicht auf den Kosmos, das grosse Ganze, trotz Fokus auf dem Spezifischen, nicht fehlen. Wir müssen Grenzen ziehen, auch wenn der Zeitgeist Grenzen überschreiten will. An anderen Orten müssen wir sie auflösen.

Welches sind denn aus Ihrer Sicht die Hauptprobleme, die sich heute stellen?
Die fehlende Sicherheit, das zu geringe Selbstbewusstsein und vor allem das fehlende Interesse für das Gemeinsame. Um das zurückzuerlangen, braucht es die Kraft tragender Ideen. Starke Ideen vermögen auseinandergehende Intentionen und einzelne Vorstellungen aufzulösen und in ein neues Ganzes zu überführen. Mit einer starken Idee meine ich nicht diesen überall propagierten Fantasie- und Innovationszwang, der in der Regel nur dem Selbstzweck dient. Die Kraft und die besonderen Möglichkeiten aus den Eigenschaften bestimmter Territorien müssen in diesen Ideen zum Ausdruck kommen. Dafür müssen wir Grenzen ziehen, auch wenn der Zeitgeist Grenzen überschreiten will. An anderen Orten müssen wir sie auflösen. Es geht bei diesen Grenzen nicht um den Ausschluss von Menschen, sondern darum, gezielte Ideen zu ermöglichen.

Wo sehen Sie denn noch Chancen für die Berggebiete?
Ich betrachte beispielsweise das Handwerk, nebst der Landwirtschaft und dem Tourismus, als eine nicht ausgeschöpfte Möglichkeit der Existenz im Berggebiet. Dieses Verständnis von Handwerk umreisst jedoch ein weites Feld. Ein solches Handwerk bezeichnen wir als die geduldige Art, etwas Wertvolles zu machen. Wir arbeiten bei verschiedenen Projekten in dieser Richtung. Zum Beispiel an einem neuen Bildungsgang für Handwerker oder an einem Projekt für die Produktion hochwertiger Möbel im Berggebiet für eine Kundschaft in der Stadt. Die Werkstatt als Ort der Produktion und das Handwerk erhöhen nicht nur die Attraktivität des Lebensraumes Dorf, sie sind auch für den Tourismus anziehend. Einzig mit der Schaffung von interessanten Lebensräumen bleiben junge Menschen in den Talschaften, oder andere kommen dazu. Daraus entstehen Werte und Bedeutungen. Kultur entsteht aus Bedeutungen. Wichtig scheint mir, dass die Unterschiede des Berggebietes und der Stadt erhalten werden. Differenzen entstehen durch die Stärkung des Ausserordentlichen und Spezifischen. Dazu braucht es eine grössere Sensibilität. Differenz ist das Leitmotiv meiner Arbeit, als Architekt und in politischen Angelegenheiten.

Der Thinktank Avenir Suisse hat soeben neue Vorschläge zum Strukturwandel im Berggebiet veröffentlicht. Unter anderem geht es um Strategien zum Thema Zweitwohnungen und dem Einbezug der Eigentümer: Deren Finanzkraft, Wissen und Engagement sollten für das Gemeinwesen im Berggebiet mobilisiert werden. Ist das ein fruchtbarer Ansatz?
Darüber muss man diskutieren. Wenn jedoch nur ein ökonomischer Ansatz dahintersteckt, dann wird auch das scheitern. Der Berg gab aus ökonomischer Sicht schon immer zu wenig her. Das wird so bleiben. Wir leben in Abhängigkeiten, sind nicht abgeschottet, sondern finden uns als Berggebiet in vielfältigen Beziehungen mit ökonomisch starken Zentren wieder. Aus dieser Sicht ist der Vorschlag durchaus interessant.

Aber was hat das Berggebiet davon?
Die Chance besteht nicht in einer einseitigen Perspektive, indem man sagt, die Zweitwohnungsbesitzer haben mehr Finanzkraft und mehr Wissen. Es muss vor allem gelingen, die Unterschiede zwischen diesen Parteien zueinander in Beziehung zu bringen. Und nicht zu versuchen sie aufzulösen. In der Konfrontation von Differenzen werden diese produktiv. Der Bergler wird immer anders bleiben als der Städter. Ich hoffe es für die Kultur unseres Landes. Das grösste und zukünftige Potenzial des Berggebietes liegt in seiner Differenz zur Stadt, in seiner Einzigartigkeit. Das Berggebiet muss Teil eines Ganzen sein, muss mehr sein als ein Ergänzungsraum und mehr als eine Projektionsfläche für die kaum zu erfüllenden Sehnsüchte und Vorstellungen der Städter. Dieses Ganze heisst Stadt und Berg. Für meine Arbeit ist die Dialektik von Utopie und Realität wichtig. Ähnlich sehe ich auch die Entwicklung des Berggebietes: Es braucht Veränderungen, aber ohne das Bewährte zu untergraben. Wenn wir ernsthaft über die Zukunft der Schweiz nachdenken wollen, dann wird und muss der Berg in diesen Überlegungen eine wesentliche Rolle spielen.

Warum man im Berggebiet so gerne Nein sagt

Die Gemeinde Medel am Lukmanierpass zählt rund 400 – fast ausschliesslich romanischsprachige – Einwohner, hat aber einen Zürichbieter als Gemeindepräsidenten. Doch die Fortschrittlichkeit hat ihre Grenzen. Obwohl bekannt ist, dass das Gestein hier, auf dem kargen, unproduktiven Gemeindegebiet, einen hohen Goldgehalt aufweist, lehnte die Dorfbevölkerung 2012 mit 181:90 Stimmen das vom Gemeinderat unterstützte Gesuch ab, die Wirtschaftlichkeit des Abbaus von Gold auch nur prüfen zu lassen. Als Ablehnungsgründe wurden der Schutz des Bodens und die geplante Schaffung des Naturparks Adula genannt. Das hinderte die Gemeindebevölkerung aber nicht, vier Jahre später das Projekt Adula – zusammen mit vier anderen Gemeinden der Surselva – bachab zu schicken.

Ein Stillstand, der zum Ausbluten führen könnte
Das Beispiel Medel steht sinnbildlich für eine Haltung der Berggebiete: Man sagt Nein zu teuren Infrastrukturprojekten ebenso wie zum Schutz der Landschaft. Nein zur touristischen Ausbeutung des einzigen Kapitals, das man hat: der Bergwelt. Aber auch Nein, siehe Park Adula, siehe Zweitwohnungs-Initiative, zum besseren Schutz dieses einzigartigen Kapitals. So wird das Rundum-Nein zum Ja zum Stillstand. Ein Stillstand, der zu einer Ausblutung des Berggebiets führen könnte. Zur Entleerung ganzer Talschaften, zum Verlottern von Häusern, ganzen Weilern. Zur Verwilderung und Vergandung der bisher noch landwirtschaftlich genutzten Flächen. Was dagegen unternommen werden soll, darüber besteht heute nicht mehr Klarheit als vor zwei, drei Jahrzehnten. Vielleicht sogar weniger, wie Gion A. Caminada im Interview (links) meint, weil bescheidener Wohlstand zu einer gewissen Saturiertheit der Bevölkerung geführt habe.

Höchste Zeit also, die Debatte über den Strukturwandel im Alpenraum wiederzubeleben. Nicht nur im betroffenen Berggebiet selbst. 2014 hat die Regierungskonferenz der Gebirgskantone Uri, Obwalden, Nidwalden, Glarus, Graubünden, Tessin sowie Wallis eine Strategie «für einen lebensfähigen Alpenraum» zur Diskussion gestellt – mit bescheidenem Echo. Zentraler Punkt war die Stärkung der Zentren in jeder Talschaft. Alpine Zentren sollten die von der Raumplanung definierten Zentren des Mittellandes ergänzen. Gleichzeitig kritisierte die Konferenz die Überregulierung, welche die nationale Politik dem Berggebiet angedeihen lässt – auch dort, wo es keineswegs nötig ist. Man traue den Bergkantonen anscheinend «keinen Spielraum für massgeschneiderte Lösungen» zu. Was ja auch nicht immer ganz ungerechtfertigt war: In der Vergangenheit gab es durchaus bauliche Auswüchse – quantitativ und qualitativ – denen niemand im Berggebiet einen Riegel schob.

Das ist wohl einer der Gründe für die ablehnende Haltung der Berggebiete gegenüber neuen Projekten aus dem Unterland: Die negativen Erfahrungen mit zu vielen Regulierungen machen gegenüber neuen Vorschlägen misstrauisch. Weil allzu oft solchen Vorschlägen ein Rattenschwanz von Vorschriften folgte, zu denen man nichts zu sagen hatte. Das war, wenn man sich in der Surselva umhört, eines der Hauptargumente gegen das Adula-Projekt.

Avenir Suisse mit eigenen Vorschlägen
Inzwischen hat der Thinktank Avenir Suisse den Ball aufgenommen und im Februar eigene Vorschläge zur Bewältigung des Strukturwandels im Berggebiet vorgestellt. Ergänzend zu den Vorschlägen der Konferenz der Bergkantone, legt Avenir Suisse den Fokus auf die Handlungsmöglichkeiten Privater. Mit dem Bergtourismus und der Bauwirtschaft sind zwei tragende Säulen der alpinen Ökonomie in der Krise. Deshalb müssten bestehende Wertschöpfungsquellen gestärkt und neue aktiviert werden.

Zweitwohnungsbesitzer als Innovatoren
Hauptthema der Vorschläge sind die Zweitwohnungen, wo nach Annahme der Zweitwohnungs-Initiative nicht mehr einfach weitergebaut werden kann. Der grosse Bestand von 35 000 bis 40 000 Zweitwohnungen bietet aber laut Avenir Suisse neue Wachstumsmöglichkeiten: innovative Vermietungsmodelle etwa und die Sanierung älterer Immobilien. Vor allem aber muss das Potenzial der vielen Zweitwohnungsbesitzer besser genutzt werden: «Ihre Finanzkraft, ihr Wissen und ihr Engagement gilt es für das Gemeinwesen im Berggebiet zu mobilisieren.» Berggemeinden und -kantone müssten sie als Partner einbinden, zum Beispiel über politische Mitspracherechte oder «durch eine Beziehungspflege nach Vorbild der Alumni-Organisationen an Hochschulen». Die neue Diskussion über die Zukunft des Berggebiets ist lanciert. Sie geht nicht nur die Menschen im Alpenraum etwas an. (gfh)