Vincent Ducrot: Ein wenig Meyer, ein wenig Weibel – so tickt der neue SBB-Chef

Vincent Ducrot ist der Mann, den die SBB jetzt brauchen. Die Erwartungen an ihn sind hoch – so hoch, dass es für ihn schwierig sein dürfte, diese alle zu erfüllen.

Sven Altermatt
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Vincent Ducrot folgt am 1.April 2020 auf Andreas Meyer.

Vincent Ducrot folgt am 1.April 2020 auf Andreas Meyer.

Bild: KEY

Er klingt wie die helvetische Version einer eierlegenden Wollmilchsau: Der ideale Chef der Bundesbahnen, wie er in den vergangenen Wochen immer wieder beschrieben worden ist. Ein profunder Kenner des Landes und des hiesigen Bahnsystems sollte er sein, sagte SBB-Verwaltungsratschef Monika Ribar im Sommer. Denn: «Die SBB sind eine Ikone in diesem Land, keine normale Firma.» Der Neue hat einen der prestigeträchtigsten Posten des Landes inne. Er muss ein Unternehmen mit über 30000 Angestellten führen und – so hat es die NZZ formuliert – «in einem Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Zwängen sowie politischen und gesellschaftlichen Ansprüchen» bestehen können.

Der Neue darf das Werk von Noch-CEO Andreas Meyer fortführen. Unter ihm haben sich die SBB vom reinen Service-Public-Betrieb zu einem integrierten und digitalisierten Mobilitätsdienstleister entwickelt, die Passagierzahlen nahmen in seiner fast 13 Jahre dauernden Ära um 60 Prozent und die gefahrenen Zugkilometer um 30 Prozent zu. Gleichzeitig wurde Meyer vorgeworfen, dass die SBB ihr Kerngeschäft aus den Augen verloren hätten. Die steten Reorganisationen haben vielen Bähnlern zugesetzt.

Der neue SBB-CEO Vincent Ducrot ist für Verwaltungsratschefin Monika Ribar der richtige Mann zur richtigen Zeit.
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Unter Benedikt Weibel (r.) stieg Ducrot 1993 bei den SBB ein.
Andreas Meyer (r.) ist der Vorgänger Ducrots bei den SBB.

Der neue SBB-CEO Vincent Ducrot ist für Verwaltungsratschefin Monika Ribar der richtige Mann zur richtigen Zeit.

Bild: Anthony Anex/Keystone (Bern, 10. Dezember 2019)

Tatsächlich tat sich der Manager Meyer im Gegensatz zu seinem legendären Vorgänger Benedikt Weibel schwer, den Draht zum einfachen Bahnarbeiter und zur Politik zu finden. Kein Wunder, wünschten sich viele eine Art Mischung aus dem aktuellen und dem früheren SBB-Chef an der Spitze.

Der Wunsch könnte in Erfüllung gehen. Die Redaktion von CH Media enthüllte am Dienstagmorgen, was kurz nach dem Mittag dann offiziell wurde: Der SBB-Verwaltungsrat bestimmt den 57-jährigen Vincent Ducrot zum Nachfolger von Andreas Meyer. Den Freiburger hatten nur Brancheninsider auf dem Radar. «Zu alt» sei er für den Posten, kokettierte er kürzlich noch. Zu stark drehte das Personalkarussell in der Deutschschweiz. Dabei ist Ducrot – bei genauer Betrachtung – die logische, ja vielleicht die idealtypische Personalie: Er steht für viele Begriffe, mit denen das Profil des neuen SBB-Chefs belegt worden war.

In Freiburg führt Ducrot schon eine SBB im Kleinen

Mit der Ernennung Ducrots verbindet der Bahn-Verwaltungsrat ein Narrativ, das da lautet: Der Freiburger ist der Mann, den der Konzern nun braucht. Er ist die Antwort auf das Wachstum und die Unruhe der vergangenen Jahre, er soll die Sehnsucht nach Konsolidierung und Sicherheit befriedigen. Als Verwaltungsratschefin Monika Ribar am Dienstagnachmittag mit Ducrot in der Berner SBB-Zentrale vor die Medien tritt, spricht sie von einer «idealen Persönlichkeit». Ducrot kenne «die integrierte Bahn à fond» und sei «in der Verkehrsbranche, in der Politik und mit den Sozialpartnern sehr gut vernetzt». Einerseits solle er das Kerngeschäft stabilisieren und verbessern, sagt Ribar, andererseits «Weiterentwicklungen sorgfältig angehen». Ein wenig Meyer, ein wenig Weibel also.

Vincent Ducrot selbst bezeichnet sich als «Eisenbahner im Herz». Als Prioritäten sieht er «Sicherheit, Pünktlichkeit und Sauberkeit». Im Bahnbetrieb sei es zentral, mit Qualität zu überzeugen. Damit belässt es Ducrot bei seinem ersten Auftritt in der Konzernzentrale noch bei Allgemeinplätzen. Eines jedoch betont er mehrfach: Er weiss, wie die Exponenten der Branche ticken, welche Ansprüche die Politik stellt und was die öffentliche Hand als Geldgeber sowie Besteller der Bahnleistungen erwartet.

Ducrot startet im April 2020

Sein Amt wird Ducrot im April antreten. Bis dahin bleibt der Elektroingenieur mit ETH-Abschluss bei den Freiburgischen Verkehrsbetrieben TPF, die er seit acht Jahren führt. Zuvor arbeitete der Romand, der auch ausgezeichnet Deutsch spricht, in der Division Personenverkehr bei den SBB. Zuletzt war er gar deren interimistischer Chef. Der Vater von sechs Kindern ist verwitwet. Als Milizler präsidiert er bisher in seiner Wohngemeinde Echarlens die kommunale Finanzkommission.

SBB-Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar und Vincent Ducrot am Dienstag bei der Präsentation.

SBB-Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar und Vincent Ducrot am Dienstag bei der Präsentation.

Bild: KEY

Vincent Ducrot wird von Weggefährten gleichwohl als Bähnler klassischer Prägung und als Digitalisierungsturbo beschrieben; zwei Attribute, von denen man gemeinhin annahm, dass sie nicht zusammenpassen. Die Freiburger TPF gelten in der Branche als «kleine SBB». In einem der schnellst wachsenden Kantonen konnten sie die Passagierzahlen in den vergangenen Jahren massiv steigern und die Infrastruktur ausbauen. Die TPF waren Pioniere im elektronischen Ticketverkauf. Zu den weiteren Innovationen, die Ducrot prägte, gehörten ein Whats­app-Trafficdienst, eine der ersten autonomen Buslinien des Landes und die Billett-App «Fairtiq», die mittels Tracking automatisch das günstigste Billett auswählt.

Geprägt vom Zeitalter der Liberalisierung

Der Schiene ist Ducrot seit Jahrzehnten verbunden. Noch vor der Bahnreform in den 1990er-Jahren stiess er zu den SBB, ursprünglich arbeitete er in der Informatik. Dort sei er schnell mit seinem «ausgesprochenen analytischen Geschick» aufgefallen, erinnert sich der langjährige SBB-Chef Benedikt Weibel. «Er hört zu, wägt ab, überdenkt die Konsequenzen und trifft dann einen austarierten Entscheid. Wenn er etwas sagt, dann hat es Hand und Fuss.» Überdies habe er es vermocht, Projektgruppen mit verschiedensten Persönlichkeiten zu leiten und eine gemeinsame Begeisterung zu schaffen. Ducrot verstehe den Bahnbereich auch deshalb so gut, weil er ihn im Zeitalter der Liberalisierung und des wachsenden Wettbewerbs kennen gelernt habe, sagt Weibel. «Das schärft den Blick.»

Graue Maus? Man sollte Ducrot nicht unterschätzen.

Graue Maus? Man sollte Ducrot nicht unterschätzen.

Bild: KEY

Sein eigentliches Gesellenstück lieferte Ducrot als Delegierter für den öffentlichen Verkehr an der Expo 02. «Die SBB konnten damals demonstrieren, dass sie einen Grossanlass dieser Grösse stemmen können, dass es ohne verstopfte Strassen geht. Das war gegen innen und aussen von grosser Bedeutung», weiss Weibel. Ducrot habe dabei eine entscheidende Rolle gespielt. «Er entwickelte flexible, mehrstufige Fahrpläne und setzte Massstäbe mit ausgefeilten Kundenkonzepten.»

Danach verantwortete Ducrot den Bereich Fernverkehr innerhalb der Division Personenverkehr. Am Ende seiner Amtszeit bereitete er die grösste Fahrzeugbeschaffung in der Geschichte der SBB vor – der Kauf jener Doppelstockzüge, die inzwischen als «Pannenzüge» für Schlagzeilen sorgen. «Manchmal holt einen die Vergangenheit ein», meint Verwaltungsratschefin Ribar dazu. Und Ducrot gibt sich überzeugt, dass er die Züge auf die Schienen bringen werde. Schliesslich habe er sich auch schon mit anderen Problemzügen wie dem Cisalpino befasst.

Vincent Ducrot verkörpert keinen Generationenwechsel

Gefragt, welches aus seiner Sicht die weiteren grossen Baustellen seien, will sich Ducrot noch nicht im Einzelnen äussern. Verspätungen, überfüllte Züge und Rückstände beim Unterhalt. Lokführermangel, Wirren um Beschaffungen und im Sommer der tragische Unfall eines Zugbegleiters, der zur Frage geführt hat, ob die Bundesbahnen zu wenig in die Sicherheit investiert haben: Die SBB schlagen sich derzeit mit vielen Problemen herum. «Wir wissen, dass das System etwas an die Grenzen gekommen ist», erklärt Ribar. Die Erfahrung, die Ducrot mitbringe, sei genau das, was die SBB jetzt bräuchten.

Die Reaktionen auf seine Wahl fallen durchwegs positiv aus. Verkehrspolitiker von links bis rechts begrüssen den Entscheid. Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga spricht in einer Stellungnahme von einer Persönlichkeit, welche die Bahnlandschaft kenne und sich der Bedeutung des Service public und der Sozialpartnerschaft bewusst sei. Und selbst die Bahngewerkschaft SEV, die zuletzt scharf gegen die SBB geschossen hat, sieht einen Entscheid «in die richtige Richtung» und ein «positives Signal an die Mitarbeitenden». Angesichts all der Vorschusslorbeeren sind die Erwartungen an Ducrot hoch – so hoch, dass es für ihn schwierig sein dürfte, diese alle zu erfüllen.

Eines erwartet keiner von Ducrot, der nur ein Jahr jünger ist als Vorgänger Meyer: Dass er einen Generationenwechsel verkörpert. Das macht auch Monika Ribar deutlich. Ducrot ist immerhin eine Garantie dafür, dass nach einer Konsolidierungsphase wieder eine Phase der Visionen kommen kann. Eine seiner Aufgaben wird sein, intern einen Kandidaten für den CEO-Posten aufzubauen. Seinen Nachfolger.