Vielen reicht die AHV nicht

Die Zahl der Ergänzungsleistungsbezüger unter den Rentnern steigt kontinuierlich – auch in der Ostschweiz.

Richard Clavadetscher
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Von wegen alles reiche Rentner! Weil die Zahl der älteren Menschen, die Ergänzungsleistungen benötigen, in der Schweiz stetig zunimmt, hat die Fach- und Dienstleistungsorganisation Pro Senectute nun Alarm geschlagen. Zwar treffe es zu, dass die Schweiz immer mehr Millionäre zähle – auch solche im AHV-Alter, so Pro Senectute. Wahr sei aber auch, dass immer mehr AHV-Rentner Ergänzungsleistungen beziehen müssten, um überhaupt über die Runden zu kommen.

Pro Jahr 5000 mehr

Laut Pro Senectute gab es 2013 264 000 Millionäre im Land, 55 720 mehr als 2008. Rund 53 Prozent davon seien im AHV-Alter. Dem stünden aber schweizweit 185 000 Rentner gegenüber, die Ergänzungsleistungen beziehen mussten, weil sie sonst nicht genug zum Leben gehabt hätten. Verglichen mit dem Jahr 2008 sei dies eine Zunahme von 26 801 Personen. Aufs Jahr umgerechnet kämen also alle zwölf Monate 5000 Arme im AHV-Alter hinzu.

«Der Trend ist ungebrochen, und die Schere zwischen arm und reich öffnet sich weiter», schreibt Pro Senectute zur Einkommens- und Vermögenssituation im Alter.

Unsichtbare Altersarmut

Das vorherrschende Bild des reichen Rentners sei einseitig und entspreche nicht den Erfahrungen, die seine Organisation in der Sozialberatung mache, sagt Werner Schärer, Direktor von Pro Senectute. Er schätzt, dass in der reichen Schweiz jeder achte ältere Mensch armutsbetroffen ist. Da sich diese Menschen aus Scham oft zurückzögen, bleibe Armut im Alter unsichtbar, so Schärer. Scham ist auch der Grund, dass die Zahl der Bezüger nicht noch höher ist: Es gibt nicht wenige ältere Menschen, die zwar berechtigt wären, Ergänzungsleistungen zu beziehen, jedoch darauf verzichten. Pro Senectute schätzt deren Zahl auf sechs Prozent.

Prozentual am meisten Bezüger von Ergänzungsleistungen leben im Kanton Tessin. Es sind 15 063 Personen oder 19,4 Prozent der Pensionierten. Am wenigsten Ergänzungsleistungsbezüger zählt der Kanton Zug: Die 1432 Personen machen gerade einmal 7,2 Prozent aller Rentner aus. Hohe Bezugsquoten haben laut Pro Senectute hingegen fast alle Westschweizer Kantone sowie Luzern und Basel. Niedrige Bezugsquoten das Wallis, Appenzell Innerrhoden und Nidwalden.

Zahlen in der Ostschweiz

Die Zahlen für die Ostschweizer Kantone: In St. Gallen bezogen 2008 11,5 Prozent aller Rentner Ergänzungsleistungen, 2013 waren es bereits 12,7 Prozent. Im Thurgau stieg die Zahl ebenfalls – von 9,6 Prozent im Jahr 2008 auf 10,4 Prozent im letzten Jahr. Appenzell Ausserrhoden hatte 2008 8,8 Prozent aller Rentner, die Ergänzungsleistungen bezogen, im letzten Jahr aber 9,6 Prozent. Lediglich in Innerrhoden stieg die Zahl von 7,1 Prozent (2008) relativ bescheiden auf 7,5 Prozent im letzten Jahr.

Wie erklären sich die Fachleute diese Zunahme? Reto Pfändler von der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen relativiert zuerst einmal den von der Pro Senectute gebrauchten Begriff arm. Zutreffender finde er hier den Begriff finanzschwach. Die betroffenen Personen können jedoch mit der finanziellen Unterstützung ein angemessenes Leben innerhalb unserer Gesellschaft führen. Als Hauptgründe für den steten Anstieg nennt er die im Zuge des Neuen Finanzausgleichs erfolgte Aufhebung der Maximalgrenze bei den Ergänzungsleistungen und die Demographie. Die Zahl alter Menschen nehme zu. Zudem sei der Vorbezug von Pensionskassengeldern möglicherweise ein Grund für zu wenig verfügbares Geld im Alter. Dies sei jedoch faktisch nicht erhärtet. Eine weitere Ursache sieht Pfändler bei den ausländischen Arbeitskräften, die vor Jahren in die Schweiz geholt worden seien, hier während ihres Arbeitslebens vergleichsweise wenig verdienten und nicht ausreichend lange in die AHV einbezahlt hätten, was tiefe Renten sowohl bei der AHV als auch der zweiten Säule zur Folge habe. Aber auch hier lägen keine gesicherten Werte vor.

Abnehmende Vorsorgefähigkeit

Anders Stokholm, Chef des Sozialversicherungszentrums Thurgau, nennt zwei Haupttreiber als Grund für den Anstieg der Zahl der Ergänzungsleistungsbezüger in seinem Kanton: Da seien einmal die gesetzlichen Anpassungen und die steigenden Kosten im Gesundheitswesen. Auch die Demographie spiele hinein, sei aber alleine kein ausreichender Grund, um die Zunahme zu erklären.

Rodolphe Dettwiler, Geschäftsführer der Ausgleichskasse und IV-Stelle Appenzell Ausserrhoden vermutet neben den erwähnten Gründen, die Vorsorgefähigkeit der Leute nehme allgemein ab. Dies durch den Vorbezug von Geldern aus der zweiten Säule. Man habe in Ausserrhoden zwar keine entsprechende Statistik, die Praxis weise jedoch auf eine solche Ursache hin.

Eine untergeordnete Rolle spielt in den Ostschweizer Kantonen offenbar der Missbrauch: Entsprechenden Versuchen – etwa durch einen Scheinwohnsitz im Kanton – sei man durch verstärkte Kontrollen auf die Schliche gekommen, heisst es.