«Viele Hindernisse waren weg»

Renzo Simoni managt das Milliardenprojekt Neat. Der Geschäftsführer der Alptransit AG verrät, wie er den Tag der Eröffnungsfeier für den Gotthard-Basistunnel verbringen wird – und wo die wirklichen Probleme beim Bau des längsten Eisenbahn-Tunnels der Welt lagen.

Kari Kälin
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Simoni wird am 1. Juni nicht durch den Gotthard-Basistunnel fahren. (Bild: ky/Alexandra Wey)

Simoni wird am 1. Juni nicht durch den Gotthard-Basistunnel fahren. (Bild: ky/Alexandra Wey)

Renzo Simoni, am 1. Juni wird der Gotthard-Basistunnel nach rund 16 Jahren Bauzeit für die Hauptarbeiten eingeweiht. Trainieren Sie für einen Marathon?

Renzo Simon: Nein. Wie kommen Sie darauf?

Im November 2010 haben Sie den New-York-Marathon absolviert. War das nicht quasi die Belohnung für den Durchstich am Gotthard, der drei Wochen zuvor erfolgte.

Simoni: Es war ein Geschenk, das ich mir zu meinem 50. Geburtstag gemacht habe. Ich habe zweimal einen Marathon bestritten, um herauszufinden, ob ich das schaffe. Das Gesündeste daran ist das Training. Mit 95 Kilogramm Körpergewicht bin ich nicht unbedingt der prädestinierte Langstreckenläufer.

Aber für ein Milliardenprojekt wie die Neat braucht es einen langen Atem. Welches waren die grössten Schwierigkeiten?

Simoni: Ich hatte eine hervorragende Ausgangslage. Als ich am 1. April 2007 mein Amt als Geschäftsführer der Alptransit AG antrat, waren viele Schwierigkeiten überwunden. Alle wesentlichen politischen Entscheide – jene zur Finanzierung und Linienführung – waren gefällt. Es blieben die baulichen Herausforderungen. Aber wir wussten: Das sind alles technisch lösbare Probleme. Die fundamentalen und viel unberechenbareren Risiken lagen auf der politischen Ebene.

Als Laie geht man eher davon aus, dass das Graben eines 57 Kilometer langen Tunnels unvorhergesehene Probleme birgt.

Simoni: Viele Fragezeichen warf ursprünglich die 150 Meter lange Pioramulde auf. Es gab Befürchtungen, sie sei wegen der Geologie undurchdringbar. Das Sondiersystem Piora kostete rund 100 Millionen Franken. Das war der Preis dafür, dass mit nahezu 100prozentiger Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden konnte, dort auf zuckerförmigen Dolomit und Wassereinbrüche zu treffen. Wir brauchten diese Sicherheit. Und tatsächlich: Die Mineure stiessen in der Pioramulde auf harten, massiven Dolomitmarmor. Das war baulich keine grosse Herausforderung mehr.

Die Anfänge der Neat waren begleitet von endlosen Kostendiskussionen. Ihr Vorgänger Peter Zbinden stand unter Dauerdruck. In den letzten Jahren verstummten die Polemiken. Alles Ihr Verdienst?

Simoni: Ich habe es vorher schon angedeutet: Viele Hindernisse waren aus dem Weg geräumt, auch der langwierige Rechtsstreit um die Vergabe des Bauloses Erstfeld. Peter Zbinden hat den Zug durch viele Widerstände hindurch auf die Spur gebracht, ich muss ihn jetzt noch ans Ziel steuern. Rekurse gegen Vergabeentscheide fielen aber auch in meine Amtszeit, zum Beispiel beim 1,7-Milliarden-Auftrag für die Bahntechnik im Gotthard-Basistunnel.

Ist es typisch schweizerisch, an den Kosten herumzumäkeln, anstatt sich über eine Pionierleistung zu freuen, für die wir im Ausland bewundert werden?

Simoni: In meinem ersten Interview, noch vor Amtsantritt, habe ich sinngemäss gesagt, dass wir ein bisschen ein Volk von Nörglern mit kleinkrämerischer Mentalität sind, das nur immer das Negative und die Probleme sieht. Inzwischen hat sich viel verändert, auch in Bezug auf die öffentliche Wahrnehmung. Das Ausland betrachtet die Neat als Musterbeispiel für ein Milliardenprojekt, bei dem man die Kosten und Termine im Griff hat. Auch im Inland herrscht mittlerweile eine positive Stimmung. Das hat einerseits mit dem gradlinigen Baufortschritt zu tun. Zum anderen trug die Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels im Dezember 2007 zu einer wohlwollenden Haltung bei. Man hatte den Beweis: Die Neat funktioniert – und sie verkürzt die Reisezeit ins Wallis massiv. Das wird auch bei der Fahrt durch den Gotthard der Fall sein.

Hohe Staatsgäste wie Bundeskanzlerin Angela Merkel werden an der Einweihung am 1. Juni teilnehmen. Haben Sie Angst, dass jetzt noch etwas schiefgehen könnte?

Simoni: Ich bin nicht nervös. Die Tests verlaufen bis jetzt wie geplant. Beim grossen Festakt liegt die Federführung beim Bund, die Alptransit Gotthard AG und die SBB helfen mit. Meine Person steht dabei nicht im Vordergrund. Der Anlass bietet vielmehr unseren Politikern eine Möglichkeit, die bilateralen Beziehungen zu vertiefen. Das Verhandlungsklima dürfte an einem solchen Freudentag gut sein.

Zur Rettung der bilateralen Verträge?

Simoni: Es liegt nicht an mir, Diplomat zu spielen. Es gibt neben der Zuwanderung sicher andere Themen, bei denen man einen Schritt vorwärtskommen kann.

Am 1. Juni übergibt die Alptransit AG den Gotthard-Basistunnel zum Betrieb an die SBB – mit einer Lebensdauer von 100 Jahren. Eine gewagte Prognose?

Simoni: Ingenieure rechnen immer mit sehr hohen Sicherheitsmargen. Ich gehe davon aus, dass der Tunnel wesentlich länger hält. Die 100 Jahre beziehen sich auf die Haupttragstruktur des Tunnels, die einen geregelten Bahnbetrieb erlaubt. Etwas salopp formuliert: Wir garantieren, dass der Tunnel in den nächsten 100 Jahren nicht zusammenbricht. Selbstverständlich müssen viele Komponenten und Ausrüstungsteile im Laufe der Zeit ersetzt werden.

Fahren Sie am Eröffnungstag durch den Gotthard-Basistunnel?

Simoni: Nein. Ich werde bereits am Tag davor ins Tessin reisen und die Eröffnung in Pollegio feiern. Wahrscheinlich fahre ich dann mit dem Zug bis zur Multifunktionsstelle Faido und wieder zurück nach Pollegio.

Der Bauherr darf das Jahrhundertwerk an diesem grossen Tag nicht einmal als Passagier durchqueren?

Simoni: Der Bauherr steht an der Eröffnung auch nicht im Mittelpunkt.

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