Viele bitten um den Gnadenakt

Überraschung auf den Steuerämtern: Die Zahl der reuigen Steuerzahler, die von einer straflosen Selbstanzeige ihres Schwarzgelds Gebrauch machen, nimmt erneut zu. Einzelne Kantone planen eine grosszügige Steueramnestie.

Denise Lachat
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BERN. Diese Chance erhalten Schwarzgeldbesitzer nur einmal im Leben: Wenn sie nicht deklariertes Einkommen und Vermögen freiwillig den Steuerbehörden melden, müssen sie zwar Nachsteuern auf maximal zehn Jahre zurück bezahlen, werden aber nicht gebüsst. Möglich macht es die Mini-Steueramnestie, welche der Bund auf Anfang 2010 eingeführt hat. Damit schweizweit sichergestellt werden kann, dass dieselbe Person nicht mehrfach von der straflosen Selbstanzeige Gebrauch macht, melden die kantonalen Steuerverwaltungen die Nachsteuerverfügungen an die eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV); gemäss Statistik waren es bisher insgesamt 15 000.

«Es geht weiter»

Nach drei Jahren zeichnete sich eine allgemein erwartete Abnahme der Selbstanzeigen ab, seit 2013 scheint der Trend aber wieder zu kehren. «So viele Selbstanzeigen wie noch nie», meldete die Finanzdirektion des Kantons Zürich, der gestern als erster die Zahlen für 2014 bekanntgab. 1500 neue Selbstanzeigen wurden registriert, im Jahr zuvor waren es 1300, 2012 nur 850. «Wir hatten nicht mit einer so grossen Resonanz gerechnet», sagt Marina Züger, die Chefin des Zürcher Steueramtes. Vermutlich sei die Zunahme eine Folge der intensiven öffentlichen Diskussion über nicht deklarierte Einkommen und über geplante Gesetzesanpassungen wie die Revision des Steuerstrafrechts oder den Entwurf für ein Bundesgesetz über Finanzinstitute.

Diese Feststellung wird auch in anderen Kantonen geteilt. St. Gallen gibt die definitiven Zahlen zwar erst Mitte Januar bekannt, doch der Chef des Steueramts, Felix Sager, spricht von einem anhaltenden Trend: «Vor zwei Jahren hätte ich gesagt, die Zahl der Anzeigen nehme jetzt ab, doch es scheint weiterzugehen.» Keine Spur von Rückläufigkeit auch in Luzern, wie Erwin Marti von der kantonalen Steuerverwaltung bestätigt.

Zürich hat im letzten Jahr 1400 Selbstanzeigen erledigt und so Vermögen von gut sieben Milliarden Franken aufgedeckt. Bei den nicht deklarierten Einkommen wie Alimenten, Renten oder Nebenbeschäftigungen waren es 203 Millionen Franken. Insgesamt wurden 73 Millionen Franken Nachsteuern verbucht, 31 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Laut Marina Züger kommt es vor, dass reuige Steuerzahler in ihrem Brief an die Behörden schreiben, es tue ihnen leid. Andere schrecken vielleicht einfach vor der Busse zurück, die happig ausfallen kann, wenn Steuerhinterziehung auffliegt; bei dreistem Vorsatz bis zum Dreifachen des normalen Steuerbetrags.

Jura und Freiburg: Diskretion

Einzelne Kantone machen reuigen Steuerzahlern den Gnadenakt besonders einfach. So schaltete der Jura 2010 im Internet ein Formular, auf dem die Steuerzahler ihr nicht deklariertes Vermögen angeben können; im Unterschied zu anderen Kantonen werden keine Belege verlangt und keine Fragen gestellt. Zudem werden fixe Steuersätze angewandt: 4 Prozent für Erben, 13 Prozent für Lohnempfänger, 23 Prozent für Aktionäre, Landwirte und Selbständige. «Nach zwei Monaten ist die Rechnung da», sagt Nicolas Cuenat vom jurassischen Steueramt. Da der Jura seine eigene Amnestie auf Ende 2014 befristete, nutzten viele in den letzten Wochen noch die Möglichkeit zur Selbstanzeige. Insgesamt war mit rund 300 Millionen Schwarzgeld gerechnet worden, tatsächlich werden es wohl fast 500 Millionen Franken sein. Die Nachsteuern bringen Kanton und Gemeinden rund 30 Millionen Franken ein. Das sind stolze Beträge, was nun auch Freiburg zum gleichen Modell animiert; das Parlament gab im November grünes Licht.

Tessin und Wallis: Ablasshandel

Noch weiter geht das Tessin und nach jüngstem Beschluss auch das Wallis. Reuige Walliser Steuersünder sollen 2016 nur 20, ein Jahr später dann wie die Tessiner noch 30 Prozent der ursprünglichen Steuerschuld bezahlen müssen. Das vom Volk bewilligte Tessiner Modell ist allerdings durch einen Rekurs am Bundesgericht blockiert.