Viel Lärm um den Fluglärm

Nicht nur laute Flugzeuge bereiten den Fluglärm-Gegnern momentan schlaflose Nächte, sondern auch der heftige Verteilkampf, der zwischen ihnen tobt. Die Zürcher mobilisieren gar für eine Grossdemonstration.

Marina Winder
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Unüberhörbar: Ein Flugzeug im Landeanflug über der Stadt Kloten. (Bild: ky/Patrick B. Krämer)

Unüberhörbar: Ein Flugzeug im Landeanflug über der Stadt Kloten. (Bild: ky/Patrick B. Krämer)

ZÜRICH. Schwamendingen liegt nicht weit von der Uni Irchel und dem Milchbucktunnel entfernt, vom Zürcher Hauptbahnhof sind es etwa 20 Minuten Tramfahrt. Ab dem Schwamendingerplatz sind Wanderwege signalisiert, ein freilaufender Hund begrüsst die Gäste eines Restaurants. Stadtzürcher bezeichnen die Gegend als «Pampa». Der Grossstadtlärm ist hier nicht mehr zu hören, dafür liegt ein sanftes Rauschen in der Luft, verursacht von den in Kloten startenden und landenden Flugzeugen. Es ist nicht störend, nicht besonders laut. Am frühen Morgen aber, da reisse sie der Fluglärm aus dem Schlaf, eine Stunde Nachtruhe stehle er ihnen, sagen die Einwohner.

Zürcher auf den Barrikaden

Im Juni hat der Bundesrat im Sachplan Infrastruktur der Luftfahrt für den Zürcher Flughafen die sogenannten «Südstarts geradeaus» als Möglichkeit vorgesehen. Demnach biegen die Flugzeuge beim Start Richtung Süden nicht wie bis anhin nach Osten ab, sondern fliegen weiter geradeaus über den unteren Teil des Zürichsees. Laut Bundesrat soll dieses Konzept allerdings nur zur Stabilisierung der Kapazität bei Nebel und Bise zur Anwendung kommen. Dennoch gingen die davon betroffenen Zürcher Gemeinden, darunter auch Schwamendingen, auf die Barrikaden. Für den 21. September planen sie nun eine Grossdemonstration in Zürich, laut Organisatoren sollen mindestens 5000 Menschen teilnehmen.

Freude bei den Thurgauern

Weiter östlich von Zürich findet diese Variante hingegen Anklang. Namentlich der Thurgauer Bau- und Umweltdirektor Jakob Stark machte von Anfang an klar, dass der Osten für die zusätzlichen Anflüge, wie sie im Fluglärm-Staatsvertrag mit Deutschland vorgesehen sind, angemessen entlastet werden müsse. Als mögliche und aus seiner Sicht faire Lösung propagiert er ein modifiziertes Nordkonzept mit Südstarts geradeaus: Damit würde der Süden von morgendlichen Anflügen komplett entlastet. Im Gegenzug hätte er eine grössere Anzahl von Südstarts geradeaus zu übernehmen, womit wiederum der Osten entsprechend entlastet würde.

Seit der Aufnahme der Südstarts geradeaus haben die Emotionen der Fluglärmgegner eine neue Intensität erreicht. Zwischen den Vereinigungen von Fluglärmgegnern in Zürich und in der Ostschweiz ist ein gehässiger Schlagabtausch entstanden. Man wirft sich gegenseitig Zahlenschummelei vor und spricht sich das Recht ab, über Fluglärm klagen zu dürfen. Thomas Morf, Präsident des Vereins Flugschneise Süd – Nein, rief in der NZZ zur Vernunft auf. Die Schlammschlacht der Regionen bringe nichts, im Gegenteil: «Wenn der Osten die Energie, die er für den Kampf gegen den Süden braucht, für gemeinsame Anliegen einsetzen würde, hätten wir dem Flughafen längst Schranken gesetzt.»

«Symbolkraft gegenüber Bern»

Gestern luden die Zürcher Stadträtin Claudia Nielsen (SP) und der Präsident des Fluglärmforums Süd in Schwamendingen zu einer gemeinsamen Pressekonferenz mit, wie sie meinten, «Symbolkraft gegenüber Bundesbern» ein. Sie seien «vehement gegen die Südstarts geradeaus», betonten beide, und sie forderten den Bund auf, diesbezüglich noch einmal über die Bücher zu gehen.

Wo denn nun die Symbolkraft sei, fragte eine der zahlreich angereisten Journalistinnen und Journalisten. «Es ist sehr selten, dass sich so viele so unterschiedliche Gemeinden und die Stadt Zürich zusammentun und ein gemeinsames Interesse vertreten», antwortete Nielsen. «Zusammen haben wir eine Stimmkraft von 500 000 Stimmen. Das kann man in Bern nicht ignorieren.» Gut reagiert, signalisierte ihr der Kommunikationsstratege mit kräftigem Kopfnicken. Die Journalistin vermochte die Antwort aber nicht zu überzeugen. Nicht jeder Zürcher sei Fluglärmgegner, sagte sie.

Nielsens Anspielung auf die Stimmkraft hat ihren Grund: Soll der Staatsvertrag so umgesetzt werden, wie er vorliegt und zumindest von Schweizer Seite unterschrieben ist, muss eine Verlängerung der Ost-West-Piste stattfinden. Über dieses Bauvorhaben wird das Zürcher Stimmvolk befinden können. Nielsen zeigte sich überzeugt: «Mit dieser Abstimmung erhält unser Wort viel Gewicht.»