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Verstehen allein genügt nicht

Kenntnisse der Landessprachen der Schweiz blieben wichtig, sagt Corina Casanova, die neue Präsidentin des Forums Helveticum. Nur durch sie gewännen wir Zugang zum Denken der anderen Sprachregionen.
Richard Clavadetscher

Mrs Casanova, how are you?

Corina Casanova: Thank you, I'm fine. And how are you?

Sehen Sie, wir haben nun genau das gemacht, was heute viele junge Schweizerinnen und Schweizer machen, wenn sie sich über die innerschweizerischen Sprachgrenzen hinweg verständigen: Wir haben uns des Englischen bedient und uns prima verstanden. Einige finden das schlimm. Sie auch?

Casanova: In der Tat, wir haben uns verstanden, konnten kommunizieren. Wichtig ist, dass Leute über die Sprachgrenzen hinweg miteinander reden. Das allein dient aber noch nicht der Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften.

Warum denn nicht?

Casanova: Es gehört mehr dazu als lediglich sich zu verstehen. Verständigung bedeutet eben auch, dass man den Hintergrund des andern, seine Kultur sowie das, was die Menschen dort beschäftigt und bewegt, kennt und es mit der Person verbindet, mit der man spricht.

Nun präsidieren Sie ab Herbst das Forum Helveticum (FH). Was war denn Ihre Intention, sich für dieses Präsidium zur Verfügung zu stellen?

Casanova: Ich interessierte mich immer schon für Sprachen und Sprachgemeinschaften. Was nun unser Land angeht, ist es von mir aus gesehen sehr wichtig, dass Menschen sich verstehen – «verstehen» aber eben in dem von mir erwähnten umfassenden Sinne. Wir sollen Verständnis und Interesse aufbringen für die anderen Sprachgemeinschaften unseres Landes.

Das FH verfolgt gerade dieses Ziel seit bald einem halben Jahrhundert. Dieses Ziel, ist es nicht etwas gar hoch gesteckt?

Casanova: Nein, das Ziel ist nicht zu hoch gesteckt! Wenn wir nicht Verständnis füreinander haben, verstehen wir uns nicht mehr – und dann driftet dieses Land auseinander. Im Verlaufe meines Berufslebens habe ich erfahren, wie wichtig das Verständnis füreinander ist. Nehmen Sie Bundesbern: Es ist von Bedeutung für unser Land, dass man sich dort in das Leben der Menschen aus den anderen Sprachregionen hineinversetzen kann, wenn man politische Entscheidungen fällt. Das gegenseitige Verständnis ist wichtig, wenn man eine gemeinsame Zukunft gestalten will.

Wir haben den Eindruck, dass die allgemeine Stimmung im Land eher in die Gegenrichtung geht.

Casanova: Ich sehe da nicht so schwarz wie Sie. Ich meine, es gibt auch eine Gegenbewegung zu der von Ihnen genannten Stimmung. Sie kommt unter anderem von Seiten der sprachlichen Minderheiten. Diese machen sich bemerkbar – mehr denn je bemerkbar.

Das FH setzt sich seit bald 50 Jahren mit mannigfaltigen Aktivitäten für die von ihm deklarierten Ziele ein. Der Erfolg ist aber überschaubar. Haben Sie sich da auf einen Kampf gegen Windmühlen eingelassen?

Casanova: Auch wenn die jungen Menschen heute teilweise vielleicht lieber Englisch lernen, die anderen Landessprachen sind attraktiv und wichtig in unserem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben. Dass junge Menschen auch andere Landessprachen lernen, dafür setzen wir uns ein, daran arbeiten wir. Mit einem Kampf gegen Windmühlen hat das nichts zu tun. Die Frage der verschiedenen Sprachen und Kulturen beschäftigt unser Land ja schliesslich seit 1848, es ist also keine Erfindung des FH. Wir bleiben deshalb am Ball. Es geht um die Sensibilisierung der Menschen, sie war und ist notwendig.

Man steht also nicht generell auf verlorenem Posten, wenn man sich gerade im sprachlichen Bereich der allgemeinen Entwicklung entgegenstemmt?

Casanova: Entgegenstemmen würde ich das nicht nennen. Das Forum Helveticum thematisiert etwas, das wichtiger ist denn je. Das Englische mag seine Bedeutung haben in der Wirtschaft und in der Wissenschaft. Die Schweizerinnen und Schweizer aber leben in diesem Land mit seinen vier Sprachen und Kulturen, und sie müssen deshalb wissen, was hier läuft – was im ganzen Land läuft, und nicht nur in ihrer Sprachregion.

Ein schönes Beispiel für diese vergebene Liebesmüh gibt doch gerade Ihre Muttersprache, das Rätoromanische, her: Was da nicht alles erdacht, investiert und gar getrickst worden ist für dessen Erhalt! Gleichwohl druckt der Kanton Graubünden nun wieder Schulbücher in den rätoromanischen Idiomen. Die Bevölkerung folgte der Elite also nicht.

Casanova: Wie man das auch immer sehen und beurteilen mag, das Rätoromanische ist vielschichtig. Man darf da nicht nur das Rumantsch Grischun sehen. Es werden zum Beispiel Jahr für Jahr einige Bücher auf Rätoromanisch veröffentlicht, es gibt viele kulturelle Aktivitäten. Von einem Misserfolg kann also nicht die Rede sein. Die Förderung des Rätoromanischen ist wichtig und richtig. Ich habe Verständnis dafür, dass die Bevölkerung ihre Meinung kundtut. Und von dort her gesehen, ist nachvollziehbar, dass den Menschen ihr Idiom näher ist als das Rumantsch Grischun.

Die Bevölkerung einbeziehen: Auch da gibt es ein Beispiel in Ihrer Muttersprache: Bis ins 20. Jahrhundert hinein galt das Rätoromanische als unvollständige, deshalb auszumerzende Sprache. Dann kam der Poet Peider Lansel und hauchte dieser Sprache wieder Leben ein. Er schaffte dies, weil er die Bevölkerung für seine Sache zu begeistern wusste. Wäre Peider Lansel nicht ein Vorbild für das hochkarätig besetzte und dadurch vielleicht etwas lebensferne FH?

Casanova: Das FH ist ja eine Dachorganisation von 30 politisch, kulturell, konfessionell, wirtschaftlich und gemeinnützig tätigen Organisationen. Es übernimmt dabei Aufgaben der Information, der Beratung, der Sensibilisierung und des Networkings. Aber nehmen Sie von allen unseren vielen Aktivitäten nur «Linguissimo», den Sprachwettbewerb für Jugendliche! «Linguissimo» bringt Jugendliche aus allen Sprachregionen zusammen. Das ist alles andere als lebensfern. Die Bevölkerung einzubeziehen, ist auf jeden Fall sehr wichtig. Der von Ihnen erwähnte Peider Lansel aus Sent gehörte übrigens zur Elite.

Ab Herbst also übernehmen Sie als erste Frau überhaupt das Ruder beim Forum Helveticum. Was haben Sie sich denn als Erstes vorgenommen?

Casanova: Ich muss mir zuerst einmal ein Bild machen vom Forum Helveticum. Was ich bis jetzt von meinem Vorgänger Roy Oppenheim erfahren und mir auch angelesen habe, deutet darauf hin, dass das FH gut aufgestellt ist. Sodann werde ich schauen, ob und allenfalls inwieweit und mit wem Synergien möglich wären; vielleicht kann man Kräfte und Anstrengungen ähnlicher Art vermehrt bündeln. Dabei kann es durchaus auch darum gehen, das FH etwas näher an das reale Leben zu führen.

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