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Verspätungen im öffentlichen Verkehr: Bund und SBB streiten über die richtige Statistik

Wie erfasst man die Pünktlichkeit? Unterschiedliche Statistiken geben unterschiedliche Antworten. Das sorgt für einen Streit zwischen dem Bund und den SBB. Es geht um die Vermessung einer Schweizer Identitätsfrage.
Andreas Maurer, Philipp Felber
Pendlerandrang am Bahnhof Bern. (Bild: Keystone)

Pendlerandrang am Bahnhof Bern. (Bild: Keystone)

Eine Spezialität der berühmten Schweizer Bahnhofsuhr ist, dass sie meistens ungenau ist. Der rote Sekundenzeiger des Designklassikers geht zu schnell und ist nur zu Beginn jeder Minute pünktlich. Der Erfinder der Uhr hatte damit 1944 eine Lösung für ein technisches Problem seiner Zeit gefunden. Indem er auf den Sekundenimpuls verzichtete, vereinfachte er die Mechanik. So verlängerte er die Lebensdauer der behäbigen Bahnhofsuhr. Mit ihrem eigensinnigen Sekundenzeiger symbolisiert sie, dass man die Pünktlichkeit auf unterschiedliche Arten messen kann. So ist es auch mit den Statistiken zur SBB-Pünktlichkeit.

Wenn sich wie in den vergangenen Tagen aufsehenerregende Verspätungen auf dem SBB-Netz häufen und sich die Medien fragen, ob der Vorzeigebetrieb der Schweizer Pünktlichkeit aus dem Takt geraten ist, dann kommunizieren die SBB eine Zahl: 90 Prozent. Das ist die sogenannte Kundenpünktlichkeit. Sie bedeutet, dass neun von zehn Passagieren auf dem Schweizer Netz ihr Ziel mit weniger als drei Minuten Verspätung erreichen. Die PR-Botschaft dahinter: Subjektiv mag der Ärger über jede Verspätung gross sein, doch objektiv betrachtet haben die SBB kein Problem mit der Pünktlichkeit. Ende der Diskussion.

Das sind die Problemstrecken

Doch die Diskussion geht eben doch weiter. Denn es gibt auch differenzierte Zahlen zur Pünktlichkeit der SBB. Der Informatiker Andreas Gutweniger betreibt die Plattform pünktlichkeit.ch, auf der er öffentlich zugängliche Zahlen zur Zugpünktlichkeit aufbereitet. Im Gegensatz zur Kundenpünktlichkeit erfasst er nicht, wie viele Passagiere, sondern wie viele Züge Verspätung haben. Diese Methode hat den Nachteil, dass ein leerer Zug gleich gewichtet wird wie ein voller. Der Vorteil ist, dass sich die Zahlen für jede Strecke angeben lassen. Denn was nützt einem Bahnkunden die Botschaft, dass neun von zehn Passagieren pünktlich ihr Ziel erreichen, wenn auf seiner täglichen Pendlerstrecke nur sieben von zehn Zügen fahrplanmässig ankommen?

Eine Auswertung der Zahlen der Intercity-Strecken zeigt für die vergangenen 365 Tage: Auf der Strecke Basel–Zürich haben 28 Prozent der Intercitys eine Verspätung von mehr als drei Minuten. Auf den Pendlerstrecken Zürich–Bern und Olten–Luzern sind die Verspätungen mit 25 und 21 Prozent der Züge seltener, aber immer noch häufiger, als die SBB-Zahl vermuten lässt. Rot leuchtet die Karte in der Ostschweiz: Auf der Strecke St. Margarethen–St. Gallen sind vier von zehn Zügen verspätet. Dunkelrot sind die Werte in der Westschweiz, wo die 50-Prozent-Grenze überschritten wird. Auf den Strecken Sion–Montreux (68 Prozent) und Brig–Sion (73 Prozent) ist eine Verspätung von mehr als drei Minuten der Normalfall.

Doch die SBB halten diese Zahlen nicht für aussagekräftig. Nach den Pannen auf der Paradestrecke Zürich–Bern wies die «NZZ am Sonntag» mit den Daten von pünktlichkeit.ch nach, dass sich die Verspätungen auf dieser Strecke in jüngster Zeit häuften. Die SBB hielten aber an ihrer Darstellung fest, wonach nur ihre Zahl – die 90-prozentige Kundenpünktlichkeit – das Gesamtbild adäquat wiedergeben würde. Die Pünktlichkeits-Plattform scheint einen Nerv getroffen zu haben. Der Zeitungsbericht generiert auf der zuvor kaum bekannten Plattform so viel Verkehr, dass sie diese Woche mehrmals zusammenbrach.

Auch im Bundesamt für Verkehr, der Aufsichtsbehörde über die SBB, stiess die Website auf Interesse. Direktor Peter Füglistaler griff auf der Social-Media-Plattform Linkedin in die Tasten und lobte die Website dafür, für Transparenz zu sorgen. Wer sich selber ein Bild über die Pünktlichkeit im Schweizer ÖV machen wolle, habe nun jederzeit die Möglichkeit dazu. Füglistaler schrieb: «Nur statistisch erhobene Werte, ganz ohne Schönreden der Kommunikationsabteilungen.» Auf Nachfrage erklärt Füglistaler: «Der Seitenhieb gegen die Kommunikationsstellen ist dahin zu deuten, dass die Kunden nicht Erklärungen wollen, sondern pünktliche Züge.»

Hoffen auf die Digitalisierung

Die SBB arbeiten jedoch daran, in Zukunft noch mehr Erklärungen zu liefern. In einer internen Präsentation, welche unserer Zeitung vorliegt, legen die SBB dar, wie sie ihre Kommunikationsstrategie verbessern wollen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müsse das Image gesteigert werden, heisst es. Dazu gehöre die Wahrnehmung der Pünktlichkeit durch die Bahnkunden. Die SBB versuchen allerdings, nicht nur die gefühlte, sondern auch die effektive Pünktlichkeit zu verbessern.

Potenzial sieht die Bahn in der Digitalisierung. Mit dem Programm Smart­rail 4.0 will sie die nächste Technologiestufe erreichen. Das geht von neuen Abläufen in Stellwerken bis hin zu Überlegungen, automatisches Fahren zu fördern. Der Autopilot soll die menschlichen Fehler korrigieren. Dieses System wurde letztes Jahr erstmals getestet. Der Zug fährt damit zum Beispiel automatisiert in den Bahnhof ein und aus. Dadurch sind kleine Verschiebungen beim manuellen Bremsen und Beschleunigen ausgemerzt, was die Fahrt planbarer und damit pünktlicher machen soll. Noch ist die Bahn aber nicht so weit, die Technologie flächendeckend einzusetzen.

Heute ist die Digitalisierung auch eine der Ursachen der Unpünktlichkeit. Probleme im Computersystem können einen ganzen Bahnhof lahmlegen. Den Stellenwert der Digitalisierung symbolisieren die SBB mit der grössten Bahnhofsuhr der Welt. Vor dem SBB-Hauptsitz in Bern-Wankdorf steht ein runder Bildschirm, auf dem die analoge Uhr digital dargestellt wird. Bei der Einweihung des Kunstwerks sprach SBB-Chef Andreas Meyer 2014 von einem Mahnmal. Es erinnere daran, dass bei allem, was die SBB leisteten, nur zähle, was bei den Kunden ankomme.

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