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Verlogene Debatte zu Terror und Islam

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Giuseppe Gracia Schriftsteller und Medien­beauftragter Des Bistums Chur

Kürzlich gab es in Zürich ein Podium zu meinem neuen Roman «Der Abschied». Saida Keller-Messahli vom «Forum für einen fortschrittlichen Islam» und CVP-Präsident Gerhard Pfister diskutierten mit mir über Religion und Gewalt, Extremismus und Liberalismus. Dabei wurde mir bewusst: Es ist nach wie vor heikel, die religiösen Hintergründe des Terrors von London, Manchester oder Paris zu benennen. Öffentlich zu sagen, dass uns die Terroristen nicht wegen Buddha, Jesus oder Karl Marx töten, sondern wegen Mohammed und Allah. Sie steuern nicht Flugzeuge in Hochhäuser oder Lastwagen in Menschenmengen, weil wir es verpasst haben, ihnen bessere Jobs und Wohnungen zu geben. Sie sprengen nicht Flughafenhallen und U-Bahn-Stationen, weil sie die sozialistische oder kapitalistische Weltherrschaft anstreben, sondern die islamische.

Diese Zusammenhänge spielen bei der Berichterstattung über den Terror kaum eine Rolle. Als gelte unter westlichen Politikern und Medien eine Sprachregelung, wonach die Begriffe «Terror» und «Islam» auseinanderzuhalten sind. Um die Vorstellung zu retten, dass wir es mit einem Missbrauch des Islams zu tun haben, mit einer «extremen Auslegung» oder «Pervertierung». Das ist für mich eine Verhöhnung der Opfer, die augenscheinlich im Namen Allahs abgeschlachtet werden. Opfer, denen die eigene Regierung nicht einmal zugesteht, dass man die religiösen Grundsätze öffentlich anprangert, die zu ihrem Tod geführt haben. Es ist ausserdem ein einmaliger Vorgang im Umgang mit Terror. Während des Nordirlandkonflikts, der von 1969 bis 1998 dauerte, wäre es undenkbar gewesen, die religiös-politischen Hintergründe auszublenden: die englisch-schottischstämmigen Protestanten, die gegen irisch-nationalistische Katholiken kämpften.

Ein anderes Beispiel: während des Terrors der RAF in den 1970er-Jahren haben die deutsche Regierung und die Medien die Ideologie der Terroristen offen thematisiert (Antiimperialismus, Kommunismus). 1974 liess man sich sogar von Intellektuellen beraten, um die Weltanschauung der Gewalttäter besser zu verstehen. Man wusste: die ideologische Wurzel einer Bewegung treibt immer neue Blüten, wenn man sie nicht offen thematisiert. Warum scheut man das beim Terror aus dem Islam? Wieso wird nicht breit thematisiert, welches die geistigen Grundlagen sind, die zum Selbstmordattentat führen? Wollen wir das Gewaltproblem um keinen Preis im Islam verorten, um friedliche Muslime vor Diskriminierung zu schützen? Aber wollen diese Muslime wirklich, dass wir keine Aufklärung über die Gedankengrundlagen des Terrors zulassen? Haben sie kein Interesse an einem besseren Verständnis der Vorgänge? Und ist es gut, wenn uns Regierungen und Medien nicht mehr vollständig informieren, sondern nur noch beruhigen und kleinreden wollen?

Abgesehen davon ist das alles am Ende doch ziemlich verlogen. Denn bei der Gewalt von rechts werden, völlig zu Recht, die ideologischen Wurzeln des Faschismus offen benannt und angeprangert. Gegen rassistische oder christlich- fundamentalistische Kräfte kämpfen wir mit klaren, ehrlichen Worten, nicht zuletzt deshalb, weil wir wollen, dass junge Menschen darüber im Bilde sind, bevor Extremisten versuchen, sie zu beeinflussen. Es ist also nicht nur verlogen, dies beim Terror aus dem Islam zu unterlassen, sondern unverantwortlich. Dies zeigt auch eine aktuelle Arte-Dokumentation: «Europas Muslime» mit dem Islamkritiker Hamed Abdel-Samad wirft einen ernüchternden Blick auf die Lebensrealität der Muslime mitten unter uns. Sehr empfehlenswert!

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