VERKEHRSSICHERHEIT: Keine Kopfhörer auf dem Velo

Ulrich Giezendanner will Velofahrern das Musikhören mit Kopfhörern untersagen. Der Aargauer SVP-Nationalrat argumentiert mit der Sicherheit – und stösst auf viel Zustimmung. Was denken Sie dazu?

Richard Clavadetscher
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Weniger Reaktionszeit: Kopfhörer beim Velofahren sind gefährlich. (Bild: Martial Trezzini/KEY)

Weniger Reaktionszeit: Kopfhörer beim Velofahren sind gefährlich. (Bild: Martial Trezzini/KEY)

Richard Clavadetscher

Kein Wunder, dass da der Vorwurf der Ungleichbehandlung aufkommt: Noch nicht lange ist es her, da musste ein Autolenker bis vor Bundesgericht, um freigesprochen zu werden. Die Polizei hatte ihn verzeigt, weil er während seiner Fahrt kurz auf das Display seines Handys geblickt, nicht aber telefoniert oder am Gerät herummanipuliert hatte.

Demgegenüber fahren täglich dutzendfach Velofahrer ungestraft mit Kopfhörer im städtischen Strassenverkehr, akustisch abgeschottet von den Geräuschen der Motorfahrzeuge – und sich deshalb über Gebühr einer Unfallgefahr aussetzend.
 

Geht es nach Nationalrat Ulrich Giezendanner (SVP/AG), soll damit bald Schluss sein. Wie am Wochenende bekannt geworden ist, bereitet er einen Vorstoss vor, um ein Kopfhörerverbot für Velofahrer im Strassenverkehrsgesetz zu verankern. «Achtzig Prozent der Reaktionen, die ich dazu erhalten habe, sind positiv», so der Politiker gestern, nachdem die «Schweiz am Wochenende» über seine Absicht berichtet hatte.

Vor vier Jahren im Parlament gescheitert

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der Transportunternehmer und Nationalrat für ein Kopfhörerverbot im Strassenverkehr einsetzt. Vor ziemlich genau vier Jahren scheiterte er im Parlament mit einem ersten Vorstoss.

Inzwischen habe sich das Übel akzentuiert, so Giezendanner. Deshalb nimmt er sich der Sache nun erneut an, will aber diesmal seine Fraktion ins Vorhaben einbinden. «Es ist notwendig, die Velofahrer vor sich selber zu schützen», zeigt er sich überzeugt, denn diese gefährdeten sich und andere mit dem Tragen von Ohrstöpseln.

Da ist etwas dran. «Aus den Untersuchungen unserer Akustikexperten im Jahr 2011 wissen wir, dass ein Velofahrer ohne Kopfhörer ein mit 50 km/h von hinten nahendes Fahrzeug auf 16 Meter Distanz wahrnimmt. Dem Velofahrer bleiben so zwei Sekunden Reaktionszeit», sagt Suva-Sprecherin Barbara Senn. Wenn der Velofahrer aber Kopfhörer trage und mit den üblichen 80 Dezibel Lautstärke Musik höre, nehme er das Fahrzeug erst auf drei Meter Distanz wahr. Für eine Reaktion blieben dann lediglich noch 0,3 Sekunden.

Die Suva begrüsse es deshalb, wenn Velofahrer ohne Kopfhörer unterwegs seien, so Senn. «Als Versicherung liegt es jedoch nicht in unserer Kompetenz, ein Verbot zu fordern, wir appellieren aber an die Eigenverantwortung der Velofahrer.»

Ähnlich äussert sich auch die Polizei. «Wir stehen allem positiv gegenüber, was die Verkehrssicherheit erhöht», sagt Dionys Widmer von der Stadtpolizei St. Gallen stellvertretend für alle Polizeikorps.

Ganz generell gegen Ablenkung

«Es ist gut, dass das Thema Kopfhörer aufgenommen wird», ist auch Marc Bächler von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) überzeugt. Man sei zwar hier bisher nicht aktiv geworden, aber dies liege lediglich daran, dass die bfu Kampagnen gemacht habe, die sich generell auf Ablenkung und Unaufmerksamkeit als Unfallursache bezogen hätten. Und dazu gehöre ja auch das Tragen von Kopfhörern. Zudem sei im Strassenverkehrsgesetz bereits festgehalten, ein Fahrzeugführer habe dafür zu sorgen, «dass seine Aufmerksamkeit insbesondere durch Tonwiedergabegeräte sowie Kommunika­tions- und Informationssysteme nicht beeinträchtigt wird».

Bei den Verkehrsverbänden schliesslich stösst Giezendanner ebenfalls auf Verständnis – mindestens zum Teil: Weil Musik via Kopfhörer Geräusche übertöne und Aufmerksamkeit absorbiere, beeinträchtige sie die Wahrnehmung des Verkehrsgeschehens, sagt TCS-Sprecher David Venetz. Im Interesse aller Verkehrsteilnehmer brauche es darum auch in diesem Bereich klare Regeln. Deshalb sei Giezendanners geplanter Vorstoss «sicher sinnvoll». Im Grundsatz geht auch Matthias Müller vom VCS damit einig. Er findet jedoch, mit reinen Verboten komme man nicht weit. Mehr Platz und eine bessere Infrastruktur für Velos wären nicht minder wichtig, sagt er.

Angesichts von so viel Zuspruch darf Giezendanner diesmal sicher auf mehr Wohlwollen für seinen Vorstoss hoffen als damals vor vier Jahren.