Verbündete sein statt Gegenspieler

Die Warnrufe nehmen zu: Der hohe Frankenkurs gefährde den Fertigungsstandort Schweiz. Der Unternehmer Michael Girsberger stösst ins selbe Horn. Er fordert deswegen gar eine neue Sozialpartnerschaft zur Rettung des Werkplatzes Schweiz – und stösst damit auf grosses Echo.

Richard Clavadetscher
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Herr Girsberger, Sie misstrauen Meldungen, wonach der Werkplatz Schweiz bezüglich Frankenstärke nochmals mit einem blauen Auge davongekommen sei. Weshalb?

Michael Girsberger: Lassen Sie mich zuerst sagen: Mir geht es nicht um Kritik am Entscheid der Nationalbank, den Frankenkurs freizugeben. Ich denke, sie hatte keine andere Wahl. Zu Ihrer Frage: Ich meine tatsächlich, dass die Situation schlimmer ist, als wir gegenwärtig annehmen. Die meisten Betriebe in der mittelständischen Fertigungsindustrie sind heute zwar noch gut ausgelastet und haben Aufträge. Das Problem aber liegt darin, dass es mit der Rentabilität nicht mehr stimmt, dass nicht mehr ausreichend verdient wird.

Die tatsächlichen Auswirkungen des Frankenhochs werden wir also in absehbarer Zeit erst noch zu sehen bekommen?

Girsberger: Ja, dem ist so. Die Betriebe haben heute noch eine gute Auslastung, sie müssen sich diese Auslastung aber quasi durch Preissenkungen erkaufen, um ihre Marktposition gegenüber der ausländischen Konkurrenz behaupten zu können. Das geht eine gewisse Zeit gut, auf Dauer aber kann dies keine Firma verkraften.

In einem Beitrag für die NZZ sprechen Sie von einem Umbruch von grosser Tragweite, der in der mittelständischen Fertigungsindustrie im Gange sei. Welcher Art ist er?

Girsberger: Es werden aufgrund des hohen Frankenkurses vermehrt und akzentuierter als zuvor Arbeitsplätze ins Ausland verlagert – wenn ein Unternehmen dort schon eine Tochterfirma hat. Jene Schweizer Unternehmen, die das nicht haben, gehen zu Zulieferern im Ausland. Beides reduziert die Zahl der Arbeitsplätze in der Schweiz.

Ist die Schweiz im Begriff, sich durch den starken Franken zu deindustrialisieren?

Girsberger: Ich will nicht dramatisieren, aber am Ende läuft es darauf hinaus. Wenn Arbeitsplätze einmal verlagert sind, passende Zulieferer im Ausland gefunden sind, werden Arbeitsplätze, die hier abgebaut worden sind, inskünftig nicht mehr wieder geschaffen.

Einher mit diesem Umbruch werde eine steigende Arbeitslosigkeit gehen – mit gravierenden Folgen, weil sie am Ende auch die öffentliche Hand betreffe, warnen Sie.

Girsberger: Ich denke tatsächlich, die Arbeitslosigkeit wird künftig höher liegen als heute erhofft und prognostiziert. Pro Firma mögen manchmal nur wenige Arbeitsplätze verlagert werden, aber in der Summe macht es dann eben doch eine grosse Zahl aus. Schliesslich gibt es ja auch eine grosse Zahl mittelständischer Unternehmen. Bei Verlagerungen von Arbeitsplätzen ins Ausland sind die Folgen nicht sofort spürbar. Die betroffenen Arbeitnehmer sind erst einmal gekündigt, arbeiten aber noch. Danach gibt es Abfindungszahlungen oder Sozialpläne. Erst wenn das alles ausläuft, werden diese Leute von der Statistik als Erwerbslose erfasst. Die öffentliche Hand schliesslich wird davon betroffen sein, weil diese Leute keine Einkommenssteuern und keine Sozialbeiträge mehr bezahlen.

Im Beitrag für die NZZ machen Sie Vorschläge, was nun zu tun sei. Dabei geht es etwa um eine verlängerte Wochenarbeitszeit bei gleichem Lohn. Neu ist dies nun nicht; es wird ja bereits praktiziert.

Girsberger: Ich denke, man muss dies noch viel umfassender tun. Die Erhöhung auf 45 Stunden pro Woche bei gleichem Lohn ist eine wirksame Methode, um die Kostensätze zu senken, was heute entscheidend wichtig ist.

Diese längere Wochenarbeitszeit bei gleichem Lohn ist Ihrer Meinung nach für Arbeitnehmer zumutbar. Arbeitnehmerorganisationen werden Ihnen hier wohl kaum applaudieren.

Girsberger: Ausnahmen sind selbstverständlich dort angezeigt, wo Schwerstarbeit verrichtet wird und wo es um höchste Konzentration und um die Sicherheit geht. Aber auch abgesehen davon begreife ich, dass die Arbeitnehmerorganisationen nicht generell zur 45-Stunden-Woche Ja sagen können. Meine Hoffnung ist, dass die Gewerkschaften firmenbezogen mindestens gesprächsbereit sind. Dies unter der Voraussetzung, dass diese Firmen auch hieb- und stichfest darstellen können, dass eine solche Massnahme gerechtfertigt und zielführend ist.

Sie verlangen indes nicht nur Opfer von den Arbeitnehmern, sondern Umfassenderes: eine vertraglich fixierte und von den Sozialpartnern überprüfbare Opfersymmetrie. Sind Unternehmer denn Ihrer Meinung nach zu so viel Transparenz bereit?

Girsberger: Ich kann natürlich nicht für alle sprechen. Aber ich nehme schon an, dass manche Firmeninhaber es sich noch nicht gewohnt sind, gegenüber den Arbeitnehmern und ihren Vertretern ihre Zahlen offenzulegen. Wenn der Geschäftsgang schlecht ist, wird das da und dort aber wohl leichterfallen, weil man aufzeigen will, dass Massnahmen notwendig sind. Das genügt aber nicht. Die Bereitschaft, Zahlen auf den Tisch zu legen, muss bei den Arbeitgebern auch vorhanden sein, wenn es wieder besser, wenn es gut läuft.

Ihre Vorschläge verlangen ein neues Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmerorganisationen. Man könnte es «unternehmerische Sozialpartnerschaft» nennen.

Girsberger: Ich gehe davon aus, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer am Ende ja dasselbe Ziel haben: nämlich zu verhindern, dass die Schweiz noch mehr Arbeitsplätze verliert. Dazu müssen beide Seiten umdenken, um eine transparente und verstärkt unternehmerisch agierende Sozialpartnerschaft zu etablieren. Nicht wahr, eine soziale Wirtschaft kann man sich wünschen. Möglich aber ist sie nur, wenn sie auch Profite macht. Deshalb müssen «die Gegenspieler in der Vergangenheit», also Arbeitgeber und Gewerkschaften, heute zu Verbündeten werden. Hierzu müssen Arbeitgeber Transparenz schaffen und bei schlechter Rentabilität vorbildlich auch ihre Löhne reduzieren. Bei den Gewerkschaften geht es darum, dass sie, nebst sozial, in Zukunft auch konsequent wirtschaftlich denken.

Man ist bei Ihren Vorschlägen fast schon an das Friedensabkommen der schweizerischen Metallindustrie vor rund 80 Jahren erinnert. So prekär sehen Sie inzwischen die Lage?

Girsberger: Ich meine, die Situation ist wirklich besorgniserregend. Bedenken Sie: Wenn wir im grösseren Umfang Arbeitsplätze im Fertigungsbereich verlieren, was dann? Längst nicht alle Arbeitnehmer können ihre Talente am Schreibtisch, am PC, zur Geltung bringen. Auch diese Leute müssen doch eine Arbeitsstelle haben. Und damit auch genau diese Arbeitsstellen in der Schweiz erhalten bleiben, brauchen wir die verstärkt unternehmerisch agierende Sozialpartnerschaft.

Ein neues Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wird ja nicht von sich aus Realität. Wer konkret soll tätig werden, um die skizzierten Ziele zu erreichen?

Girsberger: Meiner Meinung nach müssen es letztlich die Firmen selber angehen. Dies in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit ihren Mitarbeitenden und den Gewerkschaften. Es braucht dabei massgeschneiderte individuelle Lösungen. Meine Hoffnung ist, dass die Gewerkschaften mindestens mit gutem Willen zum Gespräch bereit sind mit Firmen, die in diesem Sinne etwas bewegen wollen – immer unter der Voraussetzung, dass die Arbeitgeber auch bereit zur Transparenz sind. Darüber hinaus aber muss in der Schweiz die allgemeine Diskussion zu diesem Thema geführt werden – in der Politik, in den Verbänden, in den Arbeitnehmerorganisationen.

Erhoffen Sie sich…

Girsberger: Bitte lassen Sie mich noch ergänzend bekräftigen: Um die heutige, schwierige Situation gemeinsam zu meistern, müssen die Arbeitgeber mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn die Arbeitnehmer bereit sind, Opfer zu bringen, müssen auch die oberen Führungskräfte bereit sein, einen substanziellen Beitrag dazu zu leisten. Sie können dies natürlich nicht über ihre Arbeitszeit tun, aber etwa über ihren Lohn: Sie können weniger Lohn beziehen – ohne versteckte Kompensation über Spesen und Boni, versteht sich.

Hoffen Sie sich auch politische Unterstützung?

Girsberger: Ja, ich erhoffe mir sie natürlich, mache mir aber auch keine allzu grossen Illusionen. Auch wenn solche Massnahmen letztlich zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ausgehandelt werden müssen, ist jede Unterstützung hilfreich, um den Prozess zu beschleunigen und zu verstärken – auch die politische.