Pro & Contra

Vaterschaftsurlaub: Solidarische Geste oder Auftakt zu masslosen Ausbauwünschen?

FDP-Nationalrätin Susanne Vincenz-Stauffacher ist für den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub, SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr dagegen.

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Pro: «Ein Ja für den Start eines Kindes ins Leben mit Mutter und Vater»

Susanne Vincenz, Nationalrätin, FDP

Susanne Vincenz, Nationalrätin, FDP

Quelle: Britta Gut

Es gibt Ereignisse im Leben, welche lebensprägend sind: zum Beispiel die Geburt eines Kindes oder der Bezug einer neuen Wohnung. Ein Umzug gleichbedeutend mit Familienzuwachs? Natürlich nicht! Aber die heutige gesetzliche Regelung nimmt genau diese Wertung vor: Sie sieht für den frischgebackenen Vater einen (!) bezahlten freien Tag vor – genau gleich viel, wie wenn er umzieht. Eine regelrechte Geringschätzung gegenüber Vätern – offenbar sind sie weder nützlich noch gefragt, wenn ihr Kind auf die Welt kommt. Was für ein seltsames Familienbild!

Wichtig ist aber auf jeden Fall die Frage, wie denn dieser «Urlaub» finanziert werden soll. Hier gilt: gleich wie bei den Müttern, über die Erwerbsersatzordnung. Dies kostet Arbeitgeberseite und Angestellte zusammen 0,06% der jeweiligen Lohnsumme. Bei einem monatlichen Bruttoeinkommen von 6000 Franken macht dies 3.60 Franken aus – also gleich viel wie eine halbe Olma-Bratwurst. Und ja: Auch Frauen und Männer, die nicht Vater werden, bezahlen mit.

Eine solidarische Geste – aber nicht ohne Gegenwert, haben wir als Gesellschaft doch alle etwas davon, wenn Familienzuwachs attraktiv ist. Verständlich ist neben den finanziellen Fragen die Sorge insbesondere kleiner KMU wegen der urlaubsbedingten Abwesenheiten ihrer Arbeitnehmer. Ein Selbsttest sollte dies aber relativieren: Wie viele der Angestellten Ihres Unternehmens sind in den vergangenen 12 Monaten Vater geworden? Und wie viele werden es immer wieder?

Bei einer Geburtenrate von 1,5 Kindern pro Frau wird dies für das einzelne KMU überschaubar sein. Darüber hinaus darf durchaus auch in die Waagschale geworfen werden, dass die jungen Väter durchschnittlich weniger Tage Militärdienst leisten als früher, womit zumindest einige der «Vatertage» kompensiert sind. Darum ein JA für den Start eines Kindes ins Leben mit Mutter und Vater und damit insbesondere ein JA für die Väter!

Contra: «Bestehende Sozialwerke sanieren statt neue schaffen»

Diana Gutjahr, Nationalrätin, SVP

Diana Gutjahr, Nationalrätin, SVP

Quelle: Benjamin Manser

Neu sollen Väter in den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes einen zweiwöchigen bezahlten Urlaub erhalten. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Vater im gleichen Haushalt wie die Kindsmutter und das Kind lebt, noch ob das Kind überhaupt in der Schweiz wohnt. Diese neue Vaterschaftsversicherung würde jährlich mit den Folgekosten rund eine Milliarde Franken kosten. Mit dem Vaterschaftsurlaub will man ein neues Sozialwerk einführen, obwohl AHV, IV und jetzt, coronabedingt, auch die Arbeitslosenversicherung langfristig nicht gesichert sind.

Kümmern wir uns also zuerst um die Sanierung der maroden bestehenden Sozialwerke, bevor wir neue schaffen. Alles andere ist keine seriöse Politik. Die aktuelle Lage zeigt: Wir dürfen unseren Werkplatz Schweiz nicht noch mit zusätzlichen Lohnabgaben belasten, sondern müssen uns auf das Wesentliche beschränken. Zudem ist es heute bereits möglich, individuelle Lösungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu finden. Oder der Vater kann bei der Geburt seines Kindes problemlos Ferien beziehen. Deswegen soll unser liberaler Arbeitsmarkt nicht mit einer zusätzlichen gesetzlichen Regelung eingeschränkt werden.

Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub werden nur der Anfang sein. Bereits stehen Forderungen nach 30 oder 38 Wochen Elternzeit inklusive einem Ausbau der Mutterschaftsentschädigung um sechs Wochen vor der Geburt im Raum. Dies macht klar: Bei der Volksabstimmung über den Vaterschaftsurlaub geht es bereits um viel mehr. Mit einem Volks-Nein beim zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub stoppen wir auch diese masslosen Ausbauwünsche.

Vergessen wir nicht, wofür wir Sozialversicherungen eingeführt haben. Zum Schutz vor Risiken von Armut und Notlagen. Dies zeigt uns die Coronakrise deutlich auf. Vater werden dagegen bedeutet keine Notlage. Darüber hinaus ist Vater- bzw. Elternschaft ein eigenverantwortlicher Entscheid. Da sind staatliche Eingriffe fehl am Platz. Solidarische Geste oder Auftakt zu masslosen Ausbauwünschen?

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