Unsichtbar, aber schädlich

Weil sich in den hiesigen Flüssen und Bächen immer mehr Pflanzenschutzmittel finden, will der Bund deren Einsatz drosseln. Der Bauernverband hält sich mit Kritik zurück – ganz im Gegensatz zu den Umweltorganisationen.

Tobias Bär
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In der Nähe von Landwirtschaftsland ist die Pestizidkonzentration im Wasser besonders hoch. (Bild: fotolia/George Kuna)

In der Nähe von Landwirtschaftsland ist die Pestizidkonzentration im Wasser besonders hoch. (Bild: fotolia/George Kuna)

BERN. Mit zwei Bussen karrte das Bundesamt für Umwelt (Bafu) diese Woche Medienschaffende an einen unscheinbaren Bach im Kanton Bern. Dort sprach der Chef der Bafu-Abteilung für Wasser, Stephan Müller, über den Zustand der Schweizer Flüsse und Bäche. Und was Müller sagte, das tönte zunächst erfreulich: «Die Zeiten von schäumenden Gewässern sind vorbei.»

Dank Abwasserreinigungsanlagen findet sich viel weniger Phosphor und Nitrat in den Gewässern. Gefahr für die Wasserqualität besteht aber weiterhin, sie lässt sich mit blossem Auge nur nicht mehr erkennen. Verantwortlich dafür sind Mikroverunreinigungen, hauptsächlich durch Pflanzenschutzmittel. Die gemessenen Werte sind für den Menschen ungefährlich – beeinträchtigen aber die Artenvielfalt.

Pro Natura gegen Bauern

In die Gewässer gelangen die Stoffe laut Bafu meist ausserhalb der Siedlungsgebiete. Die Schuldigen sind damit schnell gefunden: die Bauern. Pro Natura zeigte denn auch mit dem Finger auf sie. Bis zu 90 Prozent des hiesigen Pestizideinsatzes gehe auf das Konto der Landwirtschaft, schrieb die Organisation – um anzufügen, die Zahl beruhe auf einer Schätzung.

Der Ton ist schärfer geworden, seit Pro Natura eine Plakatkampagne gegen den Pestizideinsatz der Bauern lanciert hat. Dabei streitet die Landwirtschaft den Handlungsbedarf gar nicht ab: «Bei kleinen und mittleren Gewässern ist die Pestizidkonzentration ein Problem – aber in unterschiedlichem Mass und längst nicht überall», sagt David Brugger, der beim Bauernverband den Bereich Pflanzenbau leitet.

Die Bauern wollen nicht die Alleinschuldigen sein. Der Bafu-Bericht zeige, dass auch Arzneimittel einen gewichtigen Teil zur Mikroverunreinigung in den Fliessgewässern beitragen, so Brugger. «Und dies konstant – während die Pestizide die Gewässer vor allem zu den Einsatzzeiten im Frühjahr und Herbst belasten.»

Bauern gegen Lenkungsabgabe

Im Kampf gegen die Medikamentenrückstände werden in den nächsten Jahren rund 100 Abwasserreinigungsanlagen aufgerüstet, mehrheitlich auf Kosten des Bundes. Das Problem der Pestizide, die von den Feldern in die Gewässer gelangen, lässt sich dadurch zwar nicht beheben.

Die Verringerung der Pestizidkonzentration ist aber wichtiger Bestandteil eines Aktionsplans, den der Bund vergangene Woche vorgelegt hat. Das Ziel: Die Risiken von Pflanzenschutzmitteln sollen um die Hälfte reduziert werden. Der Entwurf enthält 50 Massnahmen, darunter die Förderung emissionsarmer Spritzgeräte oder eine Weiterbildungspflicht für den Pestizideinsatz.

Grundsätzlich bekundet der Bauernverband seine Unterstützung. Einzelne Punkte stossen aber durchaus auf Kritik. So etwa das Ziel, Unkraut vermehrt mechanisch statt mit Herbiziden zu bekämpfen. «Häufig sind die Böden zu nass für den Einsatz von Hackgeräten, das sieht man dieses Jahr besonders eindrücklich», sagt Brugger. Gar nichts anfangen kann der Verband mit der Idee einer Abgabe auf Pflanzenschutzmitteln. «Erfahrungen im Ausland zeigen, dass Preiserhöhungen kaum eine lenkende Wirkung haben», so Brugger. «Insgesamt beurteilen wir den Plan aber klar positiv.»

Auch Konsumenten gefordert

Wenn der Gegenspieler die Massnahmen grösstenteils begrüsst, dann können diese kaum den Wünschen der Umweltorganisationen entsprechen. Die Umweltallianz fordert «weitergehende Reduktionsziele und Verbote von besonders gefährlichen Pestiziden». David Brugger seinerseits sieht auch die Konsumenten und den Handel in der Pflicht: «Sind sie bereit, optische Mängel in Kauf zu nehmen? Bei einigen Produkten – etwa Zwiebeln oder Lauch – werden Pestizide nur aus ästhetischen Gründen eingesetzt.»

Pilzbefall wegen Regen

Primär dienen Pflanzenschutzmittel aber dem Kampf gegen Schadorganismen. Ihr Nutzen zeigt sich gemäss Brugger in diesem Jahr am Beispiel der extensiven Getreideproduktion, die ohne Insektizide und Fungizide auskommt – und wegen der starken Niederschläge unter einem Pilzbefall leidet. «Das Krankheitsrisiko für die diesjährige Ernte ist hoch», bestätigt Pierre-Yves Perrin, Geschäftsführer des Getreideproduzentenverbandes. «Das gilt aber nicht nur für die extensive, sondern auch für die konventionelle Produktion mit Pestiziden.»