Unsere Kinder, die Klimakiller

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Gottlieb F. Höpli
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Die meisten Anstrengungen, die wir zum Klimaschutz unternehmen, sind ja eher von bescheidener Wirkung. Wäsche mit kaltem Wasser zu waschen spart nur gerade 0,25 Tonnen Kohlendioxid pro Person und Jahr ein, sie zum Trocknen aufzuhängen statt in den Tum­bler zu stecken ebenfalls. Das lernen wir aus einer Grafik des «Tages-Anzeigers», die uns denn auch aus einem anderen Grund beeindruckt: Den absolut wirksamsten Klimaschutz – eine Einsparung von 58,6 Tonnen CO2 pro Jahr – erzielt nämlich, wer darauf verzichtet, ein Kind in die Welt zu setzen. Kinder zu produzieren ist demnach einer der massivsten Klimaschäden, den wir anrichten können. Kinder sind, so die Botschaft, wahre Klimakiller!

In der kanadischen Studie, über die berichtet wird, beklagen sich die Forscher denn auch darüber, dass die Jugendlichen kaum je «über die Umweltfolgen der Familiengrösse informiert werden». Auch wenn (wie der Berichterstatter der Zeitung fast bedauernd einschränkt) höchstens diejenigen den Rat, auf Kinder zu verzichten, befolgen werden, «denen Klimaschutz tatsächlich ein wichtiges Anliegen ist». Dabei sollte Klimaschutz doch für alle ein wichtiges Anliegen sein. Man könnte eigentlich erwarten, dass sich gegen diese Empfehlung zu derart radikalem Klimaschutz per Familienplanung ein Aufschrei erhebt. Aber auf der nächsten Leserbriefseite des «Tages-Anzeigers» findet sich kein Widerspruch. Im Gegenteil: Zwei von sechs Leserbriefen stimmen der Forderung sogar ausdrücklich zu, aus Umweltgründen weniger Kinder in die Welt zu setzen. «Verantwortliches und nach­haltiges Handeln bedeutet in allererster Linie: Sehr viel weniger Kinder zur Welt bringen», schreibt ein Leser aus dem Ausserrhodischen. Und ein anderer Leser meint, «man sollte gegenüber Jugendlichen nicht verschweigen, dass weitere Kinder dem Klima am meisten schaden».

Damit ist die Idee des Umwelt- und Klimaschutzes tatsächlich zu einem radikalen Ende gedacht. Denn es ist ja kaum zu bestreiten, dass der Mensch die grösste Gefahr für die Erde darstellt – und in Zukunft erst recht darstellen wird. Wer heute an den Untergang unseres Planeten denkt, der hat weniger die Offenbarung des Johannes als die Zerstörungswerkzeuge im Sinn, die dem modernen Menschen zur Verfügung stehen. Wie aber soll dieser Gefahr begegnet werden? Unsere Umweltbehörden mit ihren Heerscharen von Kommunikationsbeauftragten überschwemmen uns ja permanent mit unzähligen Broschüren, Flyern, Newslettern (zum Teil ziemlich überflüssig, aber gewiss nachhaltig und umweltschonend hergestellt). Aber, wie scharfe Klimarechner feststellen, mit recht bescheidener Wirkung.

Zwar scheint es manchmal, die immer gleichen Aufrufe, Wäsche nur bei 30 Grad zu waschen und dann zum Trocknen aufzuhängen, Stand-by- Geräte auszuschalten oder kurze Strecken zu Fuss zurückzulegen, hätten weniger mit Energieeffizienz und mehr mit Propaganda für geradezu ersatzreligiöse Verrichtungen zu tun. Die in ihrer Vielzahl – vom sparsamen Duschen am Morgen bis zum Ausschalten des Fernsehers am Abend – an die Verhaltensregeln erinnern, welche den Menschen einst von der Kirche vorgeschrieben wurden.

Nur dass die Mutter Kirche inzwischen von Mutter Erde abgelöst wurde, die ja einst als Göttin Gaia verehrt wurde und der man heute wieder den Tribut zu entrichten hat – bei Strafe apokalyptischer Umwelt- und Klimakatastrophen. Man fragt sich, wie weit das Denken enragierter Klimaschützer inzwischen gediehen ist. Was würden sie wohl, wenn sie könnten, zum Schutz der Erde vor den Menschen alles unternehmen oder doch tolerieren? Was würden sie gegen die Überbevölkerung unseres Planeten vorkehren, wenn man sie liesse?

Vielleicht wäre es angebracht, militante Umweltschützer hin und wieder auf dieses ganz grundsätzliche Dilemma anzusprechen, anstatt über Öko-Duschköpfe und Velowege zu diskutieren.