UNMUT: «Geprellte aller Züge, vereinigt Euch!»

Knapp zwei Monate nach der Inbetriebnahme des Basistunnels bezeichnen die SBB den Verkehr am Gotthard als stabil. Viele Bahnkunden sind aber mit der Nord-Süd-Verbindung trotz Zeitersparnis nicht zufrieden.

Gerhard Lob/Locarno
Drucken
Teilen
Seit der Inbetriebnahme am 11. Dezember sind 2816 Personen- und 3980 Güterzüge durch den Basistunnel gerollt. (Bild: Urs Flüeler/KEY)

Seit der Inbetriebnahme am 11. Dezember sind 2816 Personen- und 3980 Güterzüge durch den Basistunnel gerollt. (Bild: Urs Flüeler/KEY)

Gerhard Lob/Locarno

Am kommenden Samstag ist der Gotthard-Basistunnel genau zwei Monate in Betrieb. Der milliardenteure und längste Bahntunnel der Welt hat die Reisezeiten zwischen der Nord- und Südschweiz um 30 Minuten verkürzt. «Die Kunden-Pünktlichkeit im Personenverkehr am Gotthard hat sich seit Anfang Dezember erhöht: von 79,6 Prozent auf 86,8 Prozent», teilten die SBB gestern mit. Die Anschlusspünktlichkeit in Arth-Goldau sei in den ersten 57 Betriebstagen sogar von 94,4 Prozent auf 97,1 Prozent gestiegen.

Allerdings räumen die SBB anhaltende Schwierigkeiten ein, vor allem im Italienverkehr: So sind seit dem Fahrplanwechsel am 11. Dezember 43 EuroCity- Kompositionen zwischen Zürich und Mailand «mehrheitlich wegen Fahrzeugstörungen» ausgefallen. Dies entspricht fast einem Zugsausfall pro Tag, was angesichts eines Zwei-Stunden-Takts zwischen Zürich und Mailand besonders gravierend ist. Es handelt sich vor allem um italienisches Rollmaterial (ETR 610), da die von den SBB bei Stadler für den Gotthard-Verkehr bestellten Giruno-Züge noch nicht bereit sind. Viele EC-Züge treffen nach wie vor mit Verspätung aus Mailand in Chiasso ein.

Laut den SBB erlebte die Gotthardachse insbesondere über die Feiertage eine erfreulich hohe Nachfrage, durchschnittlich fuhren seit Mitte Dezember rund 8800 Personen pro Tag durch den Basistunnel, was eine Zunahme von 30 Prozent zum Vorjahreszeitraum bedeutet. Leider habe dies «punktuell» zu Engpässen bei den Sitzplätzen geführt. Erwartungsgemäss zurückgegangen sind die Frequenzen auf der alten Gotthard-Bergstrecke – unter 500 Personen pro Tag passieren den Scheiteltunnel.

Verspätungen und schlechte Platzverhältnisse

Für die Bahnkundenvereinigung Pro Bahn stellen die SBB die Verhältnisse am Gotthard jedoch geschönt dar. Man habe seit der Eröffnung des Basistunnels viele Reklamationen über so genannte gebrochene Anschlüsse in Arth-Goldau und Bellinzona, über Verspätungen und vor allem über ungenügende Platzverhältnisse in den Zügen erhalten, bilan- ziert Pro-Bahn-Schweiz-Präsident Kurt Schreiber. Dies bestätigt Romeo Degiacomi, stellvertretender Präsident der Sektion Zentralschweiz von Pro Bahn.

Die Zürich-Ausrichtung des Fahrplans, gekoppelt mit der Reduktion der Direktverbindungen von Basel/Luzern in Richtung Tessin/Italien, habe die Notwendigkeit erhöht, in Arth-Goldau umzusteigen. «Und die Züge von Zürich treffen meist schon überfüllt ein, so dass es schwer ist, einen Sitzplatz zu bekommen», hält Degiacomi fest. Das Gleiche gilt in umgekehrter Richtung. Insbesondere aus dem Locarnese sind viele Klagen zu hören, weil mit der Fahrplanumstellung alle direkten IR-Züge via Bergstrecke in die deutsche Schweiz gestrichen wurden. Umsteigen in Bellinzona ist also Pflicht. Und dort treffen die Züge von Lugano häufig schon voll besetzt ein, zudem muss beim Umsteigen fast 15 Minuten gewartet werden. In Gegenrichtung wiederum treffen die EC manchmal so früh in Bellinzona ein, so dass sich sogar 22 Minuten Wartezeit beim Umsteigen in Richtung Locarno ergeben – wahrlich keine Freude im windigen Hauptort des Kantons Tessin, vor allem nachts. Reisende aus der Leventina ärgern sich hingegen, dass sie nun für die Strecke bis Bellinzona extra bezahlen müssen, um dann durch den Gotthard-Basistunnel zu fahren. Denn verrechnet werden Streckenkilometer. Martin Steiner aus Zürich, der die Gotthard-Strecke wöchentlich fährt, klagt in einem Leserbrief über das Rollmaterial und nicht-funktionstüchtige Toiletten. Es handle sich nicht um Ausnahmen. Und angesichts steigender Fahrpreise fordert er gar: «Geprellte aller Züge, vereinigt Euch!»

«Druck auf den Ohren ist kaum zu ertragen»

Ein weiteres Thema unter Kunden ist der geringe Platz fürs Gepäck und die Lärmbelastung beim Durchfahren des Gotthard-Basistunnels. «Der IC hat zwar bequeme Wagen, ist aber im Tunnel sehr laut und der Druck auf die Ohren kaum zu ertragen; was bringt eine halbe Stunde Zeitersparnis, wenn die Reise ein Albtraum ist?», fragt Ursel Breitenbach aus Locarno-Monti in einem Leserbrief in der «Tessiner Zeitung».

Die SBB erklären auf Anfrage, dass im Rahmen des kommerziellen Vorbetriebs ein höherer Lärmpegel gemessen, aber nicht als kritisch wahrgenommen wurde. «Luft- und Rollgeräusche sind bei Tempo 200 naturgemäss höher als beispielsweise bei Tempo 140», heisst es zudem. Auch in Bezug auf diese Geräusche soll der neue Giruno-Zug von Stadler Abhilfe bringen.