Unklare Folgen für Zivildienst

Mit der Abschaffung der Wehrpflicht würde auch der Zivildienst freiwillig. Gegner der GSoA-Initiative befürchten Lücken in sozialen Einrichtungen. Die Initianten verweisen dagegen auf den erfolgreichen Freiwilligendienst in Deutschland.

Léa Wertheimer
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Bild: LéA WERTHEIMER

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Sie kochen in Altersheimen, schrubben Böden in Spitälern oder holzen in abgelegenen Berggebieten – und das, weil sie keinen Militärdienst leisten wollen: Die rund 30 000 Zivildienstleistenden in der Schweiz haben vergangenes Jahr 1,2 Millionen Diensttage absolviert. Bei den jungen Männern, die der Armee den Rücken kehren, finden soziale Einrichtungen am meisten Anklang. 46 Prozent der geleisteten Tage gehen zugunsten von Spitälern oder Behinderten- und Altersheimen. Tatsächlich arbeiteten «Zivis» 2012 während 182 000 Tagen mit älteren Menschen zusammen – oder zumindest im Auftrag von Betreuungsinstitutionen. Und die Arbeit wird geschätzt. Olivier Rüegsegger, Sprecher der eidgenössischen Vollzugsstelle für den Zivildienst, sagt: «Dank der Zivis können in verschiedenen Bereichen Leistungen in einer Qualität erbracht werden, die ohne Zivis nicht möglich wäre.»

Nicht gegen den Zivildienst

Mit ihrer Initiative stellt sich die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) gegen die Wehrpflicht. Geht es nach den Initianten, sollen künftig nur Freiwillige in den Tarnanzug steigen. Damit würde auch der Ersatzdienst entfallen, folgert Rüegsegger. «Natürlich werden der Zivildienst und der Zivilschutz, zwei notwendige Institutionen, nicht abgeschafft», betont GSoA-Sprecherin Seraina Patzen. Schliesslich sehe der Initiativtext einen freiwilligen Zivildienst vor. Unklar bleibt aber, ob genügend Schweizer zwanglos Zivildienst leisten würden – und welche Auswirkungen eine Annahme der Initiative auf soziale Einrichtungen hätte.

Zum Vergleich ein Blick über die nördliche Grenze: Deutschland hat die Wehrpflicht ausgesetzt und damit auch den Zivildienst eingestellt. An dessen Stelle ist der Bundesfreiwilligendienst getreten. Mit Erfolg: Aktuell werden gleich viele Arbeitstage freiwillig geleistet wie zu Zeiten, als es Pflicht für Kriegsdienstverweigerer war, heisst es aus Berlin auf Anfrage. Gratis ist dieser Erfolg nicht, immerhin fördert Deutschland die Freiwilligendienste mit rund 350 Millionen Euro.

Öffnung für Frauen

Das Musterbeispiel Deutschland bemüht auch die GSoA. Sie rechnet vor: Auf die Schweiz heruntergebrochen gäbe es etwa 8000 Zivildienstler, der Zivildienst würde für Frauen und andere Altersgruppen geöffnet. «Heute leisten um die 5000 Männer Zivildienst.» Bei der Vollzugsstelle für den Zivildienst in Bern wagt man keine Prognose. «Ob ein freiwilliger Zivildienst in der Schweiz erfolgreich wäre, hängt primär von den Rahmenbedingungen ab», sagt Rüegsegger.

Eine Umfrage bei verschiedenen Einrichtungen zeigt, dass Zivildienstler geschätzt werden. «Sie sind eine Bereicherung für den Spitalalltag», sagt Hans-Ruedi Meier, Personalchef des Luzerner Kantonsspitals. Laut Meier sind im Spital durchschnittlich 35 Zivildienstleistende beschäftigt. Sie würden vor allem als Hilfspfleger, im Patiententransport, in der Reinigung und im Gebäudeunterhalt eingesetzt. «Es ist schon vereinzelt vorgekommen, dass ausgebildete Ärzte im Rahmen des Zivildiensteinsatzes auf ihrem Beruf eingesetzt werden konnten.»

Monika Weder ist Mitglied der Geschäftsleitung von Curaviva, dem Verband Heime und soziale Institutionen Schweiz. «Zivis können in der Regel kein qualifiziertes Pflegepersonal ersetzen», sagt sie. Aber gerade in Pflegeheimen sei die Arbeit der Zivildienstler sehr wertvoll. «Sie haben Zeit für Gespräche, Spaziergänge oder Ausflüge mit den Bewohnern. Dafür fehlen den Festangestellten teils die Kapazitäten.»

Reeller Mehrwert

Auch das Erziehungsheim Jugenddorf im luzernischen Knutwil beschäftigt regelmässig Zivildienstler. Das Heim sucht gezielt nach gelernten Schlossern, Schreinern, Malern und Lackierern, wie Bereichsleiter Oskar Schöpfer sagt. «Die Zivis bringen uns einen reellen Mehrwert, da sie produktiv mitarbeiten und somit den Betrieb entlasten», sagt Schöpfer. Einrichtungen wie das Jugenddorf profitieren auch finanziell von den Zivildienstler. Schöpfer bestätigt dies: «Zwar ginge es auch ohne die Zivis, aber mit ihrer Hilfe gelingt es uns einfacher, unsere Umsatzziele zu erreichen. Sie belasten unser Lohnbudget deutlich geringer als eine normale Arbeitskraft.»