Im Kanton Wallis hat es im Parlament vor allem eines: Männer – «wo sind hier die Frauen?»

Das Wallis hat fast nur Männer ins Parlament gewählt. Das will der Kanton ändern. Zu Besuch an einem Anlass in Naters, wo Frauen Tipps erhalten zu Themen wie Umgang mit Medien, Staatskunde – und Mode.

Benjamin Weinmann, Naters
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Franz Ruppen (bisher), SVP.
Mathias Reynard (bisher), SP.
Benjamin Roduit (bisher), CVP.
Christophe Clivaz (bisher), Grüne.
Philippe Nantermod (bisher), FDP.
Philipp Matthias Bregy (bisher), CVP.
Sidney Kamerzin (neu), CVP.
Jean-Luc Addor (bisher), SVP.

Quelle: Keystone / Montage kca

Es ist kalt und dunkel draussen. «Ra­clette ab 17 Uhr» steht auf einer Kreidetafel vor der Eingangstür des Restaurants Melodie, nahe des Bahnhofs. Die Verlockung, in der warmen Stube Käse zu schmelzen, ist gross.

Doch rund 20 Frauen haben sich für einen Anlass gleich nebenan entschieden, im World Nature Forum. Das Thema: «Unter­repräsentation der Oberwalliser Frauen in der Politik». Geladen hat die parteiübergreifende Gruppe Üpag.

In der Einladung werden die Fakten für das deutschsprachige Oberwallis schonungslos aufgeführt: In den Gemeinderäten beträgt der Frauenanteil 15 Prozent. Nur 5 der 63 Oberwalliser Gemeinden werden von einer Frau präsidiert.

Während bei den Eidgenössischen Wahlen der Frauenanteil im Nationalrat auf rekordhohe 40 Prozent stieg, wählten die Walliser acht Männer in die grosse Kammer. Null Frauen.

«Die Buben interessieren sich mehr für Politik als die Mädchen»

Im Publikum sitzt Rafaela Andermatten aus Stalden. Die 18-jährige Fachfrau Gesundheit ist alleine gekommen und hat neben der pensionierten Lehrerin Beatrice Mathieu aus Brig Platz genommen.

Beide Frauen sind CVP-Wählerinnen. Andermatten ist seit zwei Jahren Mitglied der Jungpartei. Und weshalb kam sie alleine? «Bei uns in Stalden interessieren sich die Buben mehr für Politik als die Mädchen. Ich bin da ein bisschen eine Exotin.»

Ihre Sitznachbarin, die 67-jährige Beatrice Mathieu, ist nicht überrascht: «Viele Frauen müssten sich halt etwas mehr interessieren, es liegt auch an ihnen.» Aber ein Geschlechterproblem habe das Wallis nicht. «Es hat sich viel verändert, seit ich jung war.» Und überhaupt: Mit Marianne Maret habe man im zweiten Wahlgang ja doch noch eine Frau in den Ständerat gewählt.

Maret, die erste Frau, die den Bergkanton in der kleinen Kammer vertritt, hatte kurz nach ihrer Wahl für Empörung bei gewissen Personen gesorgt. Vom lokalen Fernsehmoderator gefragt, was sie am Morgen vor der Wahl getan habe, antwortete sie: «Ich habe das getan, was alle Hausfrauen tun, wenn sie sich langweilen. Ich habe das Haus heraus­geputzt.»

Sowohl Mathieu als auch Andermatten verstehen die Aufregung nicht. Insbesondere die Rentnerin enerviert sich: «Was hätte Frau Maret denn sonst machen sollen? Yoga?» Sie ordnet die Kritik linken Frauen zu. «Die fordern Gleichberechtigung überall, aber ins Militär wollen sie dann doch nicht und später in Rente auch nicht.»

Zudem gäbe es ja durchaus Männer, die zu Hause aufräumen würden. «Aber vielleicht getrauen sie sich nicht, es zu sagen.» Die Stimmung ist gemütlich, der Kreis der Interessierten klein. Kampf- oder Proteststimmung, wie man sie nach der Einladung vielleicht hätte erwarten können, kommt keine auf. Es wird höflich zugehört und bei jedem Referenten geklatscht.

Praxistipps, die für beide Geschlechter gelten

Der Stargast des Abends, Brigitte Hauser-Süess, Beraterin im Verteidigungsdepartement, spricht in ihrem Referat über den Umgang mit Medien. Hauser-Süess weiss, wovon sie spricht. Sie war selbst einst Politikerin, dann Sprecherin im Departement von Ruth Metzler, später Informationschefin und engste Mitarbeiterin von Eveline Widmer-Schlumpf.

Sie unterstützte Doris Leuthard in ihrem Präsidialjahr, und zuletzt galt sie als Strippenzieherin bei der Wahl ihrer Freundin Viola Amherd in den Bundesrat. Kein Wunder gilt sie als «die Frau, die Bundesrätinnen macht».

Hauser-Süess gibt einen nüchternen Vortrag mit generellen Praxis-Tipps, die für beide Geschlechter gelten. Keinen Kugelschreiber in der Hand halten, wenn man öffentlich auftritt. Nur über das sprechen, was man versteht. Und so reden, dass man es versteht. Zum Schluss dann doch noch ein Ratschlag, der sich nur an die Frauen richtet: «Vorsicht bei Jupes. Die rutschen beim Sitzen rauf, dann fängt man an zu zupfen. Und: Nicht zu kurze Röcke. ­Sowieso.»

Es ist die passende Überleitung für den nächsten Referenten, Dario Seiler vom lokalen Modehaus Seiler, einem über 100-jährigen Briger Familienbetrieb. Das Thema: «Passend gekleidet.» Zusammen mit seiner Angestellten Sheila gibt er den Anwesenden eine Übersicht zu modischen Definitionen und den dazugehörigen «No-Gos», wie zum Beispiel Casual (keine freizügigen Décolletés!) oder Business (Absatzhöhe maximal 7 Zentimeter!). Gute Beispiele haben die beiden Referenten am Kleiderständer hängen, den sie mit auf die Bühne gebracht haben.

Modetipps nur für Politikerinnen? In städtisch-liberalen Kreisen dürfte wohl nur schon der Titel des Modereferats für einen feministischen Aufschrei sorgen. Nicht in Naters an diesem Abend. Der Ärger über die männliche Dominanz scheint hier inexistent. Charlotte Salzmann vom Organisationskomitee und sogenannte Grossratsuppleantin der Oberwalliser CVP, erklärt das mit dem zurückhaltenden Charakter vieler Einwohner.

«In den Walliser Tälern kennt jeder praktisch jeden. Viele Frauen haben Angst, sich zu exponieren und zu einer Partei Stellung zu nehmen.» Doch ist es wirklich nur die soziale Kontrolle? «Das konservative Familienbild, wonach Männer politisieren und die Frauen sich um die Familie kümmern, ist hier sicher noch präsenter als anderswo», sagt Salzmann. «Leider.»

Der einzige Moment der Empörung

Dann aber doch noch. Es ist bereits kurz vor 21 Uhr, das letzte Referat an diesem Abend. Der ehemalige Walliser Grossrat Markus Truffer liefert mit Hilfe einer Powerpoint-Präsentation Grundwissen zur Staatskunde. Die Schweiz hat zwei Kammern im Parlament.

Das macht die Legislative, das die Exekutive. Et cetera. Truffer klickt und es erscheint eine neue Slide. Zu sehen sind die Nationalräte des Wallis. Acht an der Zahl. Nur Männer.

Aus der ersten Reihe entfährt es einer Zuhörerin: «Und wo sind hier die Frauen?» – «Eben», sagt ihre Kollegin leise zu ihr. Da ist er, der Moment der Empörung. Es bleibt der einzige an diesem Abend.

Das Kantonale Amt für Gleichstellung und Familie plant in den kommenden Monaten weitere Kurse, um Frauen für die Politik zu begeistern. Auch ohne Protestwelle wäre es wohl ein Trugschluss zu glauben, dass sich Walliserinnen sich um die Politik foutieren. Dafür reicht ein Blick in die Geschichte: 1957 gingen in der Walliser Gemeinde Unterbäch erstmals in der Schweiz Frauen an die Urne.

Das war lange bevor die 18-jährige Rafaela Andermatten auf der Welt war. Dass sie heute wählen kann – eine Selbstverständlichkeit. Und mit dieser Selbstverständlichkeit verrät sie auch ihr Ziel: „Ich wäre gerne irgendwann Gemeindepräsidentin.“