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Umweltschützer nehmen Gülle ins Visier

In vielen Schweizer Seen finden die Fische nur noch mit Mühe genügend Sauerstoff zum Leben. Schuld daran sind die Bauern, die zu viel düngen, sagt der Bund. Der hohe Viehbestand der Landwirte kommt zunehmend unter Beschuss.
Roger Braun
Zu wenig Sauerstoff: Mit dieser Station wird der Baldeggersee künstlich beatmet. Bild: Manuela Jans-Koch (Retschwil, 26. Juli 2018)

Zu wenig Sauerstoff: Mit dieser Station wird der Baldeggersee künstlich beatmet. Bild: Manuela Jans-Koch (Retschwil, 26. Juli 2018)

Für Badefreudige ist die Schweiz dieser Tage ein Paradies. Die Temperaturen sind hoch, der nächste See nicht weit und die Wasserqualität tadellos. Doch was für Schwimmer richtig ist, gilt für Fische nur bedingt. Denn vielerorts fehlt ihnen die Luft zum Atmen. Von 20 grossen Schweizer Seen, welche die Kantone regelmässig untersuchen, leiden mehr als die Hälfte unter Sauerstoffmangel (siehe Karte). Gemäss Gewässerschutzverordnung des Bundes darf der Sauerstoffgehalt in keiner Seetiefe weniger als 4 Milligramm pro Liter betragen, um den Fischbestand nicht zu gefährden. Bei 12 der untersuchten Seen wird dieser Wert jedoch unterschritten. Das Bundesamt für Umwelt geht zudem davon aus, dass kleinere Seen in noch schlechterer Verfassung sind. So ergab eine Untersuchung des Kantons Bern, dass es in sieben der acht Kleinseen des Kantons an Sauerstoff mangelt.

Hauptverantwortlich für die Sauerstoffarmut ist der Phosphor, der durch Fäkalien in die Seen gelangt. Phosphor treibt das Wachstum der Algen voran. Sterben diese ab, sinken sie zu Boden und werden durch Bakterien abgebaut, die den Sauerstoff aufzehren. Dieser Sauerstoff fehlt dann für die heimischen Felchen, Eglis und Forellen. Es zeigt sich denn auch, dass sauerstoffarme Seen erhöhte Phosphorwerte aufweisen; zuvorderst der Zugersee, der ein Mehrfaches an Phosphor innehat, als es seinem natürlichen Zustand entspricht. Auch die Phosphorwerte im Baldeggersee sowie im Sempachersee liegen über dem umweltverträglichen Mass.

Gülle gefährdet den Bestand der Fische

Der Kampf gegen den Phosphor gestaltet sich schwierig. Mit dem Bau von Kläranlagen ab den 60er-Jahren vermochte die Schweiz den Phosphor aus den menschlichen Fäkalien zu filtern, bevor er in die Gewässer gelangte. Auch phosphorhaltige Textilwaschmittel wurden in den 80er-Jahren verboten. Was blieb, war die Belastung durch die tierischen Ausscheidungen, welche der Landwirtschaft als Dünger dient.

Das Bundesamt für Umwelt sieht die Landwirtschaft gefordert, denn in mindestens der Hälfte der sauerstoffarmen Seen tragen die Bauern die Hauptverantwortung für die hohen Phosphorwerte. In einem Bericht von Ende 2016 warnt die Umweltbehörde vor Fischsterben und einem Verlust der Artenvielfalt. «Beim Baldegger-, Murten- und Zugersee sowie bei den Kleinseen mit landwirtschaftlich geprägten Einzugsgebieten wird das Ziel ohne einschneidende Massnahmen, die eine substanzielle Verringerung der Phosphoreinträge aus der Landwirtschaft bewirken, nicht erreicht», schreibt das Amt. Von einschneidenden Massnahmen hat die Politik bisher abgesehen. Stattdessen versuchen die Behörden lokal zu intervenieren. Im Kanton Luzern beispielsweise werden drei Seen mit Sauerstoff belüftet, um den Fischbestand zu halten (siehe Kasten). Bauern, die zurückhaltend güllen, werden finanziell belohnt. In unmittelbarer Nähe der Seen ist das Düngen zudem verboten.

Zunehmend verliert die Politik allerdings die Geduld mit den Bauern. «Wir müssen das Problem endlich an der Wurzel anpacken, anstatt in mühsamer Sisyphusarbeit die Symptome zu bekämpfen», sagt die Fraktionschefin der Grünliberalen, Tiana Moser. Die Wurzel des Problems sieht sie im hohen Tierbestand. «Es ist eine einfache Rechnung», sagt sie. «Je mehr Vieh in der Schweiz gehalten wird, desto mehr Gülle fällt an – und desto mehr Phosphor gelangt in die Böden und schliesslich in die Gewässer.» Sie verweist auf Zahlen des Bundesamts für Statistik, die einen Phosphorüberschuss von durchschnittlich 4000 Tonnen pro Jahr anzeigen. Das heisst: Die dem Boden zugeführte Phosphormenge ist deutlich grösser als jene Menge, die dem Boden in Form landwirtschaftlicher Produkte wieder entzogen wird.

Moser wird in der Herbstsession einen Vorstoss einreichen, um die Viehhaltung weniger attraktiv zu machen. Bauern sollen nicht mehr so viel Gülle austragen dürfen; Futtermittelimporte sollen verteuert werden; und der Zollschutz beim Fleisch soll sinken. Für sie liegt ein Systemfehler vor. «Es ist widersinnig, Milliarden von Steuerfranken auszugeben für eine Landwirtschaft, die unsere natürlichen Lebensgrundlagen ruiniert», sagt Moser.

Mit ihrer Diagnose ist Moser nicht allein. Im Januar reichte ein Bürgerkomitee die Trinkwasser-Initiative ein, die ebenfalls die intensive Landwirtschaft in Frage stellt. Demnach sollen Bauern nur noch Subventionen erhalten, wenn sie pestizidfrei produzieren und nicht mehr Tiere halten, als sie mit selbst hergestelltem Futter ernähren können.

Bauernverband beklagt pauschale Verurteilung

Die Landwirte fühlen sich zu Unrecht beschuldigt. Bauernpräsident Markus Ritter stellt in Abrede, dass es überhaupt einen Phosphorüberschuss gibt. «Wir Bauern sind gesetzlich verpflichtet, nicht mehr Dünger auszutragen, als die Pflanzen für ihr Wachstum benötigen. Werden diese Regeln eingehalten – und das wird kontrolliert –, kann es zu keinem Überschuss kommen», sagt der CVP-Nationalrat. Für ihn ist das Problem allenfalls ein lokales, «das man vor Ort angehen muss, anstatt die Bauern pauschal zu verurteilen». Viele Bodenseefischer beklagten sich zum Beispiel, dass der Phosphorgehalt so tief sei, dass die Fische nicht mehr genug Nahrung fänden.

Für Moser sind das billige Ausflüchte. «Anstatt die Fakten anzuerkennen und an Lösungen zu arbeiten, stellt sich der Bauernverband taub», kritisiert sie. Für sie geht das nicht auf. «Wer seine Produkte als nachhaltig und hochstehend anpreist und gleichzeitig unser Ökosystem schädigt, verliert irgendwann die Glaubwürdigkeit.»

Vier Seen werden künstlich beatmet

Es war eine zweifelhafte Premiere. Im Jahr 1982 wurde am Baldeggersee weltweit die erste Belüftungsanlage in Betrieb genommen. Seither bläst ein Röhrensystem jeden Sommer 400 Tonnen Sauerstoff in den See. Im Winter unterstützt die Infusion von Druckluft zudem die Zirkulation des Wassers, damit sich der Sauerstoff besser im See verteilt.
Die Installation der Anlage war das Eingeständnis, dass dem hohen Phosphorgehalt im See mit natürlichen Methoden nicht beizukommen war. Einst hatte es im Baldeggersee von Felchen gewimmelt, doch ab 1900 kippten die Dörfer immer mehr Abwasser in den See. Der Bau von Kläranlagen löste dieses Problem. Doch gleichzeitig intensivierte sich die Landwirtschaft. Dank der künstlichen Zufuhr von Sauerstoff konnte die Situation mittlerweile stabilisiert werden. Allerdings liegen die Phosphoreinträge der Landwirtschaft noch immer doppelt so hoch, wie es für den See verträglich ist. Belüftet werden neben dem Baldeggersee auch der Hallwiler-, der Sempacher- und der Greifensee. (rob)

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