Umdenken bei Umfragen

Um eine genauere Voraussage für die eidgenössischen Wahlen zu erhalten, setzen die Meinungsforscher auf eine Kombination mehrerer Instrumente – auch auf Umfragen der Konkurrenz.

Lukas Leuzinger
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Kombiniert mehrere Umfrageinstrumente und berechnet einen Durchschnittswert: Wahlforscher Claude Longchamp. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Kombiniert mehrere Umfrageinstrumente und berechnet einen Durchschnittswert: Wahlforscher Claude Longchamp. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Welche Partei legt bei den eidgenössischen Wahlen am 18. Oktober am meisten zu? Wer stürzt in der Wählergunst ab?

Diese Fragen beschäftigen in der Schweizer Politik derzeit am meisten. Mögliche Antworten gibt etwa das Wahlbarometer, eine Umfrage, die das Forschungsinstitut GFS Bern regelmässig durchführt. Allerdings sind solche Umfragen nicht ohne Schwächen, wie auch der Leiter von GFS Bern, Claude Longchamp, weiss. Mit rund 2000 Leuten wird jeweils nur ein Bruchteil der Stimmberechtigten befragt. Entsprechend sind die Angaben stets mit einem gewissen Fehler behaftet.

Kantonale Wahlen beiziehen

Ein alternativer Weg ist, vergangene kantonale Wahlen zu analysieren und daraus eine Prognose für die nationalen Wahlen abzuleiten. Der Vorteil dieser Methode: Statt ein paar tausend lassen sich sämtliche rund 5 Millionen Stimmbürger «befragen». Die Wahltermine liegen jedoch alle mehrere Monate oder Jahre zurück. Longchamp weist zudem darauf hin, dass die Beteiligung bei kantonalen Wahlen jeweils deutlich tiefer liegt als bei nationalen. «Bei den Eidgenössischen Wahlen sind Mobilisierungseffekte viel wichtiger. Daher eignen sich kantonale Wahlen nur bedingt als Gradmesser.»

Jede Methode habe ihre Vor- und Nachteile, bilanziert der Meinungsforscher. Deshalb versucht er es nun mit einem neuen Ansatz: Er kombiniert mehrere Instrumente und berechnet daraus einen Durchschnittswert. In der Fachsprache nennt man diese Methode «Combining».

Konkret lässt er folgende Indikatoren ins Modell einfliessen:

• Das Wahlbarometer, das letztmals im August erhoben wurde.

• Die Wahlumfrage von «20 Minuten». Im Unterschied zum Wahlbarometer werden die Leute hier online und nicht am Telefon befragt, zuletzt im Juni.

• Die Wahlbörse des «Tages-Anzeigers»: Hier werden die Teilnehmer nicht gefragt, wen sie wählen würden, sondern sie können auf die Wähleranteile der Parteien wetten.

• Die Ergebnisse der kantonalen Wahlen seit 2011, nach Kantonsgrösse gewichtet und zu einem Index zusammengefasst.

Die Zahlen der ersten drei Instrumente wurden zusammengerechnet und haben zusammen das gleiche Gewicht wie die kantonalen Wahlen. Gerundet hat Longchamp indes nach den ersten drei Instrumenten.

«Jedes Instrument hat seine Stärken und Schwächen, aber wenn man sie kombiniert, hat man die Chance, zufällige Ausreisser auszugleichen», erklärt Longchamp die Idee hinter dem Ansatz. Gemäss diesem Modell hat die FDP die besten Aussichten, ihren Stimmenanteil am 18. Oktober zu steigern. Ihr wird ein Zuwachs von 1,1 Prozent vorhergesagt – das sind etwas weniger als in den jüngsten Umfragen. Demgegenüber sieht das Bild für GLP und BDP besser aus als beim Wahlbarometer, das letzte Woche publiziert wurde und beiden Parteien einen Verlust von mehr als einem Prozent bescheinigte. Die BDP verliert mit dem neuen Modell «nur» 0,4 Prozent, die Grünliberalen können ihre Stärke von 2011 sogar halten. Das hat damit zu tun, dass sie in den meisten kantonalen Wahlen gut abschnitt, in den Umfragen zuletzt aber an Zuspruch verlor. Konstant ist der Trend bei den Grünen, die sowohl in den Kantonen als auch in den Umfragen verloren.

In anderen Ländern erprobt

Neu ist die «Combining»-Methode nicht. In den USA und in Deutschland habe sie sich bei den letzten Wahlen bewährt, so Longchamp. Den Ansatz verfolgte auch Nate Silver: Der amerikanische Statistiker erlangte bei den Präsidentschaftswahlen 2012 Berühmtheit, weil er den Sieger in allen 50 Gliedstaaten korrekt vorhersagte, ohne selbst eine einzige Umfrage durchgeführt zu haben. Er bediente sich der Daten, die vorhanden waren, nahm sie zusammen und liess sie in sein Modell einfliessen.

Longchamps Methode unterscheidet sich insofern von Silvers, als sie die einzelnen Instrumente nicht speziell gewichtet oder anpasst, sondern einfach den Durchschnitt berechnet. Das ist laut dem Politikwissenschafter durchaus gewollt. Dass «gute» Daten durch «schlechte» verzerrt würden, könne zwar ein Problem sein. Man wisse aber im Voraus nicht, welche Daten «gut» und welche «schlecht» seien, gibt er zu bedenken. Dennoch gibt das Vorgehen auch zu Kritik von Kollegen Anlass. Zwar sei es grundsätzlich besser, unterschiedliche Methoden zu kombinieren, sagt etwa Daniel Bochsler, Assistenzprofessor an der Uni Zürich. Er fragt sich jedoch, ob es nicht besser wäre, die jeweiligen Stärken der einzelnen Instrumente zu kombinieren, anstatt diese blind zu mischen.

Problem der Beeinflussung

Michael Hermann hält die «Combining»-Methode für einen «sehr guten Ansatz». Der Politgeograph leitet das Forschungsinstitut Sotomo, welches die «20 Minuten»-Umfrage auswertet. «Ein Problem ist, dass Umfragen nicht völlig unabhängig voneinander sind», sagt Hermann. Umfrageinstitute beobachteten sich und achteten unbewusst darauf, nicht zu weit voneinander abzuweichen. Wahlbörsen reagierten wiederum stark auf Umfragen. Dieser so genannte «Herding»-Effekt zeigte sich bei den Wahlen in Grossbritannien: Die Meinungsforscher unterschätzten allesamt die Stärke der Konservativen. «Wenn sich alle in die gleiche Richtung täuschen, funktioniert die Combining-Methode nicht», sagt Hermann.