Zwischen Krieg und Alltag, zwischen Bunker und Oper: Die Reportage aus der Westukraine

Ukraine-Krieg
Zwischen Krieg und Alltag, zwischen Bunker und Oper: Die Reportage aus der Westukraine

Die Oper spielt, die Bars sind offen, es wird geheiratet: Im Westen der Ukraine geht das Leben trotz Sirenenalarm und Treibstoffmangel weiter. Ein Augenschein aus Lviv.

Chiara Stäheli, Lviv
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Die Restaurants, Läden und Bars haben offen, die Oper spielt, es wird getrunken, gelacht, gejoggt. Die Leute flanieren durch die Strassen, es wird Musik gespielt, Essen geliefert und viele gehen ihrer gewohnten Arbeit nach. Der öffentliche Verkehr ist in Betrieb, die Autos rollen über die Pflastersteine, es wird gehupt, geflucht und geschimpft.

Alles normal, könnte man meinen. Wären da nicht die Sandsäcke vor den Kellerfenstern zum Schutz vor Granatsplittern, die Luftalarme, die bewaffneten und mit Schutzwesten ausgerüsteten Militärpatrouillen, die mit Gerüsten ummantelten Statuen, die verbarrikadierten Fenster, die Checkpoints auf den Strassen oder die Ausgangssperre abends ab 23 Uhr. Wäre da nicht seit bald drei Monaten der Krieg.

Die Kellereingänge sind zum Schutz mit Sandsäcken blockiert.

Die Kellereingänge sind zum Schutz mit Sandsäcken blockiert.

Bild: Chiara Stäheli (Lviv, 14. Mai 2022)

Zehntausende Menschen wurden im Zuge des Krieges getötet - vor allem im Osten der Ukraine kommen täglich unzählige weitere Kriegsopfer dazu. Die Angriffe halten an, die Bedrohung ist nach wie vor gross. Doch davon scheinen sich die Einheimischen im Westen des Landes nicht einschüchtern zu lassen. Die Bewohner von Lviv gehen ihrem Alltag nach. Sie suchen die Normalität in dieser unsicheren Zeit und lernen dadurch, mit der Bedrohung zu leben.

Er darf nicht ausreisen

Da ist zum Beispiel ein Mann, dunkles, kurzes Haar, Mitte dreissig, der sich seit zwei Monaten in Lviv aufhält und dort eine kleine Wohnung gemietet hat. Er ist einer der über 400'000 Binnenvertriebenen, die aus anderen Teilen des Landes Zuflucht in Lviv gefunden haben. Zum Vergleich: Die Stadt zählt zu normalen Zeiten rund 720'000 Einwohner.

Im Gespräch erzählt der Mann in gebrochenem Englisch, dass er aus Charkiw komme und mit seiner Familie hierher geflüchtet sei. Er fühle sich hier zwar einigermassen sicher, wäre aber lieber wie seine Frau nach Polen weitergereist. Doch weil er im wehrpflichtigen Alter ist, muss er im Land bleiben und erhält auch kein Geld vom Staat wie andere Binnenvertriebene. Der Soundtechniker sucht deshalb dringend einen Job, noch 100 Dollar habe er, dann sei er pleite. Mit einem Teil dieses Geldes kaufe er nun Equipment, damit er kommende Woche zumindest eine Ballettaufführung als Soundtechniker begleiten und damit etwas Geld verdienen könne.

Schülerinnen sammeln für ihren Lehrer

Oder da sind die beiden jungen Frauen, sie besuchen eine weiterführende Schule in Lviv und sammeln heute im Stadtzentrum Geld für ihren Lehrer, der für die ukrainische Armee an der Front kämpft. In einer Stunde wollen die beiden Studentinnen gemeinsam mit ihren Schulkollegen auf dem grossen Platz vor der Oper auftreten und den Passantinnen und Passanten erzählen, wofür sie Geld sammeln.

Die Studentinnen wollen ihren Lehrer im Krieg auch finanziell unterstützen. Seine Truppe bräuchte dringend ein Auto.

Die Studentinnen wollen ihren Lehrer im Krieg auch finanziell unterstützen. Seine Truppe bräuchte dringend ein Auto.

Bild: Chiara Stäheli (Lviv, 14. Mai 2022)

Noch aber sind sie auf der Suche nach einer Steckdose für das Mikrofon. Während eine der beiden Frauen zu diesem Zweck mit einem Bekannten telefoniert, erzählt die zweite von vergangener Woche: Sie wohne mit ihrer Familie etwas ausserhalb von Lviv. «Dort hatten wir letzte Woche wegen einem Angriff weder Wasser noch Strom, das hat mir schon Angst gemacht und mich beunruhigt.» Sie gehe deshalb auch jedes Mal, wenn die Sirenen heulen in einen Bunker. Die Sirenen kündigen Luftangriffe an.

Die beiden jungen Frauen sammeln gemeinsam mit ihren Schulkollegen Geld für ihren Lehrer.

Die beiden jungen Frauen sammeln gemeinsam mit ihren Schulkollegen Geld für ihren Lehrer.

Bild: Chiara Stäheli (Lviv, 14. Mai 2022)

Das tun aber längst nicht mehr alle: Ertönt der Alarm in der Stadt, scheint das viele Einheimische nicht zu kümmern. Weil die Angriffe hier im Westen meist auf strategisch wichtige Standorte abzielen, geht ein Grossteil der Lviverinnen und Lviver nicht von einem Raketenangriff auf die zivile Bevölkerung aus. Zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt.

Und da ist auch das Paar, das heiratet an diesem Samstag. Die junge Frau, die auf der Wiese im Park sitzt und ein Buch liest. Die älteren Herren, vertieft in ein Schachspiel. Der Mann mit dem Hut, der Zuckerwatte verkauft. Die Familie, die den Nachmittag auf dem Markt verbringt. Sie alle leben in einem Land, das mit seinem grossen Nachbar im Krieg steht.

Schlangen vor den Tankstellen

Wenn es auch das Leben in der Stadt Lviv nicht direkt vermuten lässt: Der Krieg beeinträchtigt die Menschen auch hier - wenn auch in deutlich geringerem Ausmass als im Osten. Wer dieser Tage sein Auto tanken will, muss dafür nicht selten mehrere Stunden Schlange stehen. Vielerorts fehlt es an Benzin oder an Diesel, manchmal an beidem. Es bilden sich Hunderte Meter lange Kolonnen vor den Tankstellen.

Auch die Sirenenalarme sind belastend. Vergangene Woche war es zwar mehr als fünf Tage lang ruhig, es gab keine Angriffe auf die Stadt und die nähere Umgebung mehr. Doch in den Wochen davor mussten die Bewohner von Lviv mehrmals täglich für mehrere Stunden im Bunker verbringen und warten, bis der Luftalarm wieder vorbei ist. Auch in der Nacht auf Sonntag heulten um halb vier Uhr in der Früh die Sirenen. Es geht vom Bett direkt in den Bunker. An Schlaf ist in solchen Momenten nicht mehr zu denken.

Ein Junge schiesst mit einer Spielzeugwaffe auf die Darstellung von Putins Kopf.

Ein Junge schiesst mit einer Spielzeugwaffe auf die Darstellung von Putins Kopf.

Bild: Chiara Stäheli (Lviv, 14. Mai 2022)

Was die Ukrainerinnen und Ukrainern weiterhin stark macht, ist ihre Hoffnung, ihre Solidarität, ihr Zusammenhalt. Diese Werte spürt man nicht nur im Gespräch, sie sind auch sichtbar: In den Strassen von Lviv hängen Fahnen in den Farben der Nation. Viele tragen T-Shirts mit Statements, die gegen den russischen Angreifer gerichtet sind oder stecken ein blau-gelbes Band an ihre Jacke. An einem Strassenstand können Kinder mit einem Spielzeuggewehr auf ein Ziel schiessen: ein Abbild von Putins Kopf auf weissem Papier.