Tschechow auf der Couch

Yana Ross therapiert das Personal von «Der Kirschgarten» und stösst mit einem tollen Ensemble auf verdeckte Familiengeheimnisse.

Valeria Heintges
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Das Niveau des Ensembles ist gestiegen.

Das Niveau des Ensembles ist gestiegen.

zvg

Tschechows Kirschgarten – ein Hirngespinst? Nur eine Projektion für Zeiten voller Glück und Wohlstand? «Meine Mutter kriegt den Kirschgarten nicht mal mit, wenn man sie reinstellt», sagt Tochter Anja. Anjas Mutter, Gutsbesitzerin Ljuba Ranjewskaja ist krank. In Yana Ross’ Zürcher «Der Kirschgarten. Nach Anton Tschechow» ist sie eine entwurzelte Frau. Ihr erster Auftritt zeigt eine Partyqueen, mit Kopfhörern auf den Ohren, zwischen Abhängigkeit, Depression und Entrückung.

Ljuba kommt verschuldet zurück, nach Jahren in Paris. Der Verkauf des heimatlichen Besitzes ist die einzige Möglichkeit für die Familie, um zu Geld zu kommen. Aber ausser Geschäftsmann Heinz, der bei Tschechow Lopachin heisst, scheint das keinen zu interessieren. So weit, so Tschechow. Aber in Zürich spielt das Geschehen in einer teuren Privatklinik, von der aus «man den Kirschgarten fast sehen kann» und in der sich die Mutter therapieren lassen soll. Während Ljuba behandelt wird, treiben sich die anderen in Warte- und Gästezimmern herum. Werden auch therapiert.

Tief wühlt die russisch-lettisch-amerikanische Regisseurin Ross in den Psychotiefen der Figuren; entlarvt Lügen, Eitelkeiten, Geheimnisse. Nur wenige Anpassungen sind für den Tschechow auf der Couch nötig: aus dem Diener Firs wird der Therapeut Dr. Firs, aus der Gouvernante Charlotta Lover Karl, aus Adoptivschwester Warja eine Babs (stimmig: Lena Schwarz), aus Bruder Gajew Schwager Leo. Den spielt Michael Neuenschwander als Lebemann, der an der Welt leidet und doch nichts tut. Thomas Wodianka gibt den Geschäftsmann Heinz (Lopachin) kaltschnäuzig, hat er doch das Gut schon vor fünf Jahren gekauft.

Ross muss nur wenig drehen, um Tschechow an Schweizer Verhältnisse anzupassen; etwa wenn aus dem Leibeigenen ein Verdingkind wird. Oder Leo in SVP-Manier zu einer Eloge auf die Heimat ansetzt. Da passt auch, dass auf der Bühne nicht nur (wenig) Original-Tschechow mit (viel) überschriebenen Passagen gemixt, sondern auch englisch, deutsch und polnisch parliert wird – Zürichs Expat-Gemeinde lässt grüssen. Grossartig das körperliche Spiel der Polin Danuta Stenka. Sie sagt, sie fühle sich mit der Sprache blockiert, und spuckt dabei die Worte aus, als lägen sie wie Würfel im Mund. Sie ist ein deutliches Zeichen dafür, wie stark das Niveau und die Spielfreude des Ensembles unter der Intendanz von Nicolas Stemann und Sebastian Blomberg gestiegen sind.

Am Ende wird Ljuba Anja zurücklassen. Die Glasbox wird zum Käfig für Wiebke Mollenhauer, die nach «Mama!» schreit. Die nächste Generation wird wieder neue Geheimnisse haben, die ihr das Leben schwer machen. Aber auch sie wird wieder so tun, als sei nichts gewesen, und lieber zu Wein und Oliven nach Italien fahren. Da ist Ross, trotz aller Freiheiten, wieder ganz nah bei Tschechow.