Treicheln für «taube» Bundesräte

Zehntausend Schweizer Bauern wehrten sich gestern gegen die geplanten «massiven Kürzungen im Agrarbudget» mit einer Grosskundgebung auf dem Bundesplatz. Dem Bundesrat zeigten sie die «rote Karte» mit Glockengeläut.

Denise Lachat
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Die Schweizer Bauern mobilisieren gegen geplante Leistungskürzungen: Rund zehntausend marschierten gestern vor das Bundeshaus. (Bilder: ky/Lukas Lehmann)

Die Schweizer Bauern mobilisieren gegen geplante Leistungskürzungen: Rund zehntausend marschierten gestern vor das Bundeshaus. (Bilder: ky/Lukas Lehmann)

BERN. Kurz vor elf ziehen die Vertreter des Schweizer Bauernverbands (SBV) mit feierlicher Miene auf den Bundesplatz, gefolgt von Treicheln schwingenden Bauern in weissen Kutten und ohrenbetäubendem Lärm. Konstant schwillt die Menschenmenge an, es kommen Tausende nach. Am Ende der Veranstaltung wird SBV-Präsident Markus Ritter zufrieden die von der Polizei bestätigte Teilnehmerzahl bekanntgeben: Zehntausend Bauern sind gekommen, die Mobilisierung war noch grösser als bei der Demonstration vor zehn Jahren gegen die WTO. Denn inzwischen, so der Thurgauer SVP-Nationalrat Hansjörg Walter im Gespräch mit unserer Zeitung, sind etwa 8000 Bauernhöfe eingegangen.

«Nicht gratis arbeiten»

Gegen dieses «Bauernsterben» begehren die Demonstranten auf Spruchbändern auf, gegen «Blumen statt Butter» auch. Produzieren wollen sie. Und dafür bezahlt werden: «Wir sind bereit, hart zu arbeiten. Aber gratis arbeiten wollen wir nicht», ruft Ritter der beifallklatschenden Menge zu. Einer nach dem anderen klagen sie am Rednerpult die Geringschätzung der Bauern durch die Regierung an, vor allem aber den «Verrat». Die Bauern hätten zu zusätzlichen Leistungen in der Agrarreform 2014 bis 2017 Ja gesagt im Glauben an das Versprechen, dass der Zahlungsrahmen beibehalten wird. Jetzt aber muss der Bundesrat sparen – und er setzt auch bei der Landwirtschaft an. 800 Millionen sollen aus dem Zahlungsrahmen 2017 bis 2021 gekippt werden, und spätestens seit dieser Ankündigung überläuft das Fass. Die Bauern seien nicht hier, um mehr zu verlangen, sondern um Kürzungen zu verhindern, so die Botschaft. Im laufenden Jahr sinke das bäuerliche Einkommen um elf Prozent, sagte SBV-Direktor Jacques Bourgeois.

Einem Vertreter der Bundeskanzlei wurde zuhanden des Bundesrats ein Forderungspapier überreicht und dazu eine Ess- und eine Heugabel. Ständeratspräsident Claude Hêche (SP/JU) hingegen wurde mit einem Produktekorb beschenkt. Denn die Finanzkommission des Nationalrats hat die Bauern bisher beim Sparen geschont, nun richten sich die Hoffnungen auf die Schwesterkommission. Und um den für die Forderungen der Bauern «tauben Bundesrat zu wecken», schloss die Kundgebung mit einem mehrminütigen Glockengeläut.

Rasch löst sich die Versammlung wieder auf.

Fondue ohne Plausch

Ein Demonstrant aus Freiburg aber kniet auf dem Bundesplatz und rührt zusammen mit einem Kollegen im Fonduecaquelon. Die Milch für den Käse stammt von seinen zwanzig Kühen, doch froh macht ihn das nicht. «Wir gehen einer Katastrophe entgegen», sagt der 40-Jährige mit düsterem Blick. Für einen Angestellten reicht das Einkommen nicht, Familie hat er selber keine, der Freiburger macht alles allein und kommt so gerade durch. Wenn sich nichts ändere, würden sich viele Milchwirtschafts-betriebe «totlaufen», sagt ein junger Bauer aus dem Kanton Schwyz. Bereits bei einem Milchpreis von 70 Rappen pro Liter sei kostendeckendes Wirtschaften kaum möglich, mit 60 Rappen «geht es an die Substanz». Investitionen könnten nicht abgeschrieben, neue nicht getätigt werden. Ohne Zusatzeinkommen gehe es schlicht nicht. Der Schwyzer ist 32, hat eine Vollzeitstelle als Liftinstallateur – und führt mit dem Vater einen Hof mit 50 Kühen. Seine «normale» Arbeitswoche beschreibt er so: Zwei Stunden vor und zwei Stunden nach seiner Arbeit als Installateur ist er Bauer, samstags den ganzen Tag über, am Sonntag nochmals drei Stunden lang.

Preisdruck durch Grenzöffnung

Der rekordtiefe Milchpreis ist allerdings ein Marktproblem und keine direkte Folge der Agrarreform, wie Urs Schneider, SBV-Kommunikationschef, einräumt. Der Preis sei aber die Folge eines politischen Entscheids. Seit der vollständigen Öffnung der Grenzen im Milchmarkt stünden die Schweizer Preise unter ausländischem Konkurrenzdruck, seit die EU die Kontingentierung aufgehoben hat und die Produktion rasant gestiegen ist, erst recht. Dass der Bundesrat den Bauern in diesem schwierigen Umfeld noch Kürzungen bei den Direktzahlungen zumute, gehe zu weit.

Die Interessen der Bauern werden aber auch durch die Branche selber schlecht gewahrt: Rund dreissig Milchhandelsorganisationen unterbieten sich gegenseitig, lachende Dritte sind die beiden Grossverteiler Migros und Coop.

SBV-Präsident Markus Ritter (CVP/SG) appelliert an den Bundesrat. (Bild: LUKAS LEHMANN (KEYSTONE))

SBV-Präsident Markus Ritter (CVP/SG) appelliert an den Bundesrat. (Bild: LUKAS LEHMANN (KEYSTONE))