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«Toxische Männlichkeit»: Jeder fünfte junge Muslim in der Schweiz toleriert Gewalt gegen Frauen

Gewaltforscher haben Tausende Jugendliche zu «toxischer Männlichkeit» befragt. Das Resultat: Einen entscheidenden Einfluss für die Gewaltbereitschaft hat die Religion, aber nicht nur die islamische.
Andreas Maurer
Ken kickt Barbie: Dieses Bild wurde in einer Kunstgalerie im Nordosten Englands gezeigt. Es musste abgehängt werden, weil es Kinder verstören könnte. (Bild: Zur Verfügung gestellt)

Ken kickt Barbie: Dieses Bild wurde in einer Kunstgalerie im Nordosten Englands gezeigt. Es musste abgehängt werden, weil es Kinder verstören könnte. (Bild: Zur Verfügung gestellt)

«Wenn eine Frau ihren Mann betrügt, darf der Mann sie schlagen.» Und: «Der Mann ist das Oberhaupt der Familie und darf sich notfalls auch mit Gewalt durchsetzen.» Diese beiden Aussagen haben 8300 Jugendliche im Alter von 17 und 18 Jahren, die Hälfte ist männlich, während einer Schulstunde bewertet. Sie besuchen Berufsschulen, Übergangsausbildungen, Gymnasien und Fach- sowie Wirtschaftsmittelschulen in zehn Kantonen der Schweiz. Die zwei Sätze sind Teil eines riesigen Fragebogens, den die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften erstellt hat. Zu anderen Themen hat sie bereits Studien publiziert. Aus aktuellem Anlass hat sie die Daten aus dem Jahr 2017 neu ausgewertet zum Thema «Toxische Männlichkeit».

(Bild: CH Media)

(Bild: CH Media)

Nun liegen die Resultate vor: Jeder dreizehnte junge Mann in der Schweiz befürwortet Gewalt innerhalb der Familie. Das bedeutet, dass er in der repräsentativen Umfrage den beiden Aussagen zugestimmt hat.

Die Gruppe dieser jungen Männer ist klein, aber sie ist gefährlich. Denn in der gleichen Befragung geben diese 17- und 18-Jährigen überdurchschnittlich häufig an, kürzlich eine Gewaltstraftat verübt zu haben.

Jeder fünfte junge Muslim toleriert Gewalt gegen Frauen

Die Wissenschafter haben nach den Ursachen gesucht. Die Auswertung zeigt: Einen entscheidenden Einfluss hat die Religion. Innerhalb der Muslime befürwortet jeder fünfte junge Mann Gewalt in der Familie. Unter den Gleichaltrigen, die einen protestantischen oder keinen Glauben angegeben haben, ist es hingegen nur jeder zwanzigste. Doch der Islam ist nicht die einzige Religionsgruppe, in der veraltete Rollenmuster signifikant höher verbreitet sind. Auch unter katholischen jungen Männern stellen die Forscher ein erhöhtes Gewaltpotenzial fest. «Auf den ersten Blick hat mich dieses Resultat überrascht», sagt Dirk Baier, Studienautor und Leiter des Zürcher Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention. Doch wenn man darüber nachdenke, mache der Zusammenhang Sinn: «Auch in typisch katholischen Ländern wie Italien ist der Macho-Gedanke verbreitet.»

Der Islam und der Katholizismus liefern gemäss Baier recht klare Bilder davon, wie Männer und Frauen sein sollten: Der Mann ist dominant und der Ernährer der Familie; die Frau ist untergeordnet und kümmert sich um Haushalt und Familie. Den Männern werde zugestanden, Gewalt anzuwenden. Relevant sei aber nicht, was im Koran oder in der Bibel stünde, sondern wie diese Geschlechterrollen vorgelebt und übernommen würden. Baier: «Und hier denke ich, dass das konservative Rollenmodell im Islam und Katholizismus noch stärker vorgelebt wird. Personen ohne Religionszugehörigkeit haben entsprechend ein weniger eindeutiges Geschlechterbild.» Und folglich auch keine gefährliche Vorstellung von Männlichkeit.

Als weiteren Einflussfaktor wird in der Studie die nationale Herkunft identifiziert. Unter den Schweizern befürwortet nur jeder zwanzigste junge Mann Gewalt in der Familie. Unter den Gleichaltrigen, die aus Sri Lanka, Mazedonien und dem Kosovo stammen, denkt hingegen jeder fünfte so.

Interessant ist, welche Eigenschaft keinen Einfluss hat: der soziale Status. Weder das Bildungsniveau der Eltern noch der Bezug von Fürsorgegeldern spielen eine Rolle. Einen Stadt-Land-Unterschied gibt es ebenfalls nicht.

Die Zürcher Forschungsgruppe hat zudem untersucht, wie die jungen Männer reagieren würden, wenn ihre Familie angegriffen würde. Sie mussten folgende Aussage bewerten: «Ein Mann sollte bereit sein, seine Frau und Kinder mit Gewalt zu verteidigen.» Ein Ja gilt als Ausdruck von toxischer Männlichkeit. Dabei wäre ein Ja eigentlich die normale Antwort, schliesslich geht es um Notwehr. Dies sei tatsächlich der Schwachpunkt der Studie, räumt Baier ein. Bei der nächsten Studie werde er dies präzisieren. Die anderen Resultate hätten aber unabhängig davon ihre Gültigkeit.

Der toxische Mann ist die Steigerung des Machos

Toxische Männlichkeit ist ein Konzept, das aus dem Feminismus stammt und nach der MeToo-Debatte plötzlich auch in Fernsehstudios diskutiert wurde. Die Zürcher Forschungsgruppe ist nach eigenen Angaben die erste im deutschsprachigen Raum, die das Thema wissenschaftlich bearbeitet.

Der toxische Mann ist die Steigerung des Machos. Sein negatives Verhalten wird nicht nur belächelt, sondern als gefährlich eingestuft. Das Rollenbild gilt als gemeingefährlich, weil es Gewalt gegen Frauen befürwortet, und es gilt als selbstgefährlich, weil die Männer ihre eigene Gesundheit vernachlässigen.

Gewaltforscher Baier ist überzeugt, dass toxische Männlichkeit etwas ausdrückt, wofür bisher Worte gefehlt haben. Er sagt: «Wir können damit möglicherweise erklären, warum Männer bei einer Depression oder einer Sucht keine Hilfe suchen. Wir können auch erklären, warum manche Männer eher aggressiv auf Provokationen reagieren, andere nicht. Weil sie sich in ihrer Ehre verletzt fühlen.»

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