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Tötungsdelikt in Frankfurt: Täter soll an Paranoia gelitten haben - doch was heisst das genau?

Der mutmassliche Täter von Frankfurt leidet laut Medienberichten an Paranoia, also an Verfolgungswahn. Was ist das - und was bedeutet es? Fünf Fragen und Antworten dazu.
Maja Briner
Passanten stehen im Frankfurter Hauptbahnhof vor den Blumen und Stofftieren, die an den getöteten Achtjährigen erinnern. (Bild: Keystone/dpa/Arne Dedert)

Passanten stehen im Frankfurter Hauptbahnhof vor den Blumen und Stofftieren, die an den getöteten Achtjährigen erinnern. (Bild: Keystone/dpa/Arne Dedert)

Die Tat entsetzt: Ein Mann hat einen achtjährigen Buben in Frankfurt vor einen einfahrenden Zug gestossen. Das Kind starb. Der mutmassliche Täter, ein 40-jähriger Eritreer aus der Schweiz, litt offenbar an Verfolgungswahn: Ein Arzt habe bereits Monate vor der Tat bei ihm Paranoia diagnostiziert, berichtete der «Tages-Anzeiger». Der Mann habe sich unter anderem von Zugpassagieren verfolgt gefühlt.

Thomas Noll, Leiter der Fachstelle Forensik im Amt für Justizvollzug Zürich, hält es für plausibel, dass der Mann an Verfolgungswahn leidet. Die paranoide Schizophrenie, die häufigste Ursache von Paranoia, kommt laut Noll vergleichsweise oft vor - zu Gewaltdelikten komme es aber nur in seltenen Fällen.

1. Wie äussert sich Paranoia?

Zunächst ziehen sich Betroffene immer stärker zurück, sind sehr misstrauisch und verhalten sich zum Teil merkwürdig. In der akuten Phase fühlen sich die Betroffenen verfolgt. «Häufig hören sie Stimmen, etwa von Gott oder vom Teufel», sagt Noll. In selteneren Fällen gebe es auch visuelle oder olfaktorische Halluzinationen – Betroffene sehen oder riechen also etwas, das es nicht gibt.

Das Perfide dabei: Für die Betroffenen ist es unmöglich zu erkennen, was real ist und was nicht. «Sie leben nicht mehr in der Realität», sagt Noll. In der Gerichtspraxis würden Täter, die in totaler Psychose gehandelt haben, daher in der Regel für schuldunfähig erklärt.

2. Wie viele sind betroffen?

Die paranoide Schizophrenie, die häufigste Ursache von Paranoia, kommt vergleichsweise oft vor: Etwa ein Prozent der Bevölkerung leide daran, sagt Noll. «Zu Gewaltdelikten kommt es aber nur in seltenen Fällen.»

Die Krankheit hat laut Noll eine «stark genetische Kompetente»: Manche Menschen haben also genetisch bedingt ein höheres Risiko, daran zu erkranken. Konkrete Auslöser eines wahnhaften Zustandes seien häufig Stresssituationen, sagt der Psychiater.

3. Warum kommt es zu Gewalt?

An paranoider Schizophrenie erkrankte Menschen werden häufiger gewalttätig als gesunde. «In Gefängnissen leiden etwa 5 Prozent der Insassen an paranoider Schizophrenie», sagt Noll. Betroffene greifen oft zu Gewalt, weil sie sich bedroht fühlen – obwohl dies nicht der Fall ist. Noll spricht von «vermeintlicher Notwehr», der deutsche Psychiater Hans-Ludwig Kröber von «wahnhafter Gegenwehr».

Kröber hat selbst zwei Täter begutachtet hat, die Anfang der 2000er Jahre in Berlin Personen vor die U-Bahn stiessen. Beide hätten zunehmend ein «massives Verfolgungsempfinden» gehabt, erzählt er in eine Interview mit der Zeitschrift «Spiegel»: «Sie fühlten sich von schwer zu fassenden, unbekannten Mächten bedroht und beobachtet, sie bildeten sich ein, jederzeit Opfer eines Angriffs werden zu können. »

4. Was sind die Schwierigkeiten bei der Behandlung?

Die Betroffenen selbst halten sich oft für gesund. Deshalb ist es schwierig, sie zu einer Therapie zu überzeugen. Und jene, die sich in Behandlung begeben, brechen diese nach einer gewissen Zeit relativ häufig ab, wie Noll sagt. Denn die Therapie erfolgt in erster Linie mit Medikamenten – und diese haben Nebenwirkungen wie zum Beispiel eine gedämpfte Wahrnehmung.

«Es kommt oft vor, dass Patienten die Medikamente nach einer gewissen Zeit absetzen, weil sie sich wieder gesund fühlen und die Nebenwirkungen sie stören», sagt Noll. «Und dann kommt die Psychose zurück.»

5. Was kann man bei gefährlichen Personen tun?

«Wenn eine an Paranoia leidende Person gefährlich ist, braucht es eine engmaschige Betreuung», sagt Noll. Möglich sei in solchen Fällen auch eine sogenannte Depotmedikamentation: Dabei spritzt ein Arzt dem Patienten das Medikament regelmässig, damit dieser es nicht absetzen kann.

Die präventive Wirkung der Medikamente ist gut, wie Noll sagt: Menschen, die an paranoider Schizophrenie erkrankt sind und behandelt werden, werden sogar weniger häufig gewalttätig als gesunde Menschen.

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