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TODESFALL: Der "bekannteste Politikerbruder der Schweiz" ist tot

Gerhard Blocher, der Bruder von SVP-Chefstratege Christoph Blocher, ist gestorben. Der ehemalige Pfarrer von Flawil und Hallau starb am Mittwochmorgen im Alter von 82 Jahren. Das bestätigt die Familie.
Richard Clavadetscher
Gerhard Blocher, der ältere Bruder von Christoph Blocher, in einer Aufnahme von 2009. (Bild: Selwyn Hoffmann/Schaffhauser Nachrichten)

Gerhard Blocher, der ältere Bruder von Christoph Blocher, in einer Aufnahme von 2009. (Bild: Selwyn Hoffmann/Schaffhauser Nachrichten)

De mortius nil nisi bene – Von Toten soll man nur Gutes reden: Was nun den eben verstorbenen Gerhard Blocher, den älteren Bruder des weit wirkungsmächtigeren Christoph Blocher, angeht, fällt dies nicht ganz leicht.

Dass es nicht ganz leicht fällt, hat mit der skurrilen Art des Verstorbenen zu tun. Es ist nun mal hierzulande nicht üblich, dass ein Pfarrer, der er war, eine amtierende Bundesrätin öffentlich als «Wildsau» bezeichnet, eine andere als «physiognomisch absolut bedauernswert» – und gleich den ganzen Bundesrat «einen Sauladen». Das alles hat Gerhard Blocher gesagt – und noch viel mehr: Dem Fernsehzuschauer ist er auch als mit dem Sackmesser fuchtelnder Greis bekannt, der Bruder Christoph als letztes Mittel gegen seine Gegner «Nahkampf und Blut» empfahl.

Flawiler Vergangenheit
Seine unzimperliche und provokative Art führte Gerhard Blocher auf ein einschneidendes Ereignis in jungen Jahren zurück, wie er in mehreren Interviews sagte: Vater Wolfram Blocher wurde nach langen Jahren als Pfarrer in Laufen am Rheinfall Ende der Fünfzigerjahre schliesslich abgewählt. Dies hatte auch für seinen Sohn Gerhard, damals angehender Pfarrer, Konsequenzen: Er verlor seine Praktikumsstelle in Neuhausen. Er kam dann im zürcherischen Thalwil unter. Seine erste Stelle als Pfarrer trat Blocher in der Ostschweiz an. In Schönengrund im Kanton Appenzell Ausserrhoden war er von 1959 bis 1967 im Amt.

Das spätere Wirken Gerhard Blochers in der Ostschweiz stand unter keinem guten Stern: Als reformierter Pfarrer von Flawil, der ab 1967 war. Laut seinen Aussagen verkrachte er sich schnell mit dem Freisinn am Ort. Er habe halt keine anderen Meinungen geduldet, erinnert man sich in Flawil. Den Rubikon überschritt der Geistliche schliesslich mit der Weisung, in der Kirche keinen Christbaum mehr aufzustellen, da dieser ein heidnisches Symbol sei. Auch weigerte er sich, an einer Abdankung ein Jödelchörli singen zu lassen. Jedenfalls hatten die Flawiler nach zehn Jahren genug von ihrem Pfarrer Blocher: Als erster Pfarrherr in der Geschichte der evangelisch-reformierten St.Galler Kantonalkirche wurde er abgewählt.

Blochers Wahl zum Gemeindepräsidenten
Blocher verliess darauf den Kanton St.Gallen, fand im Schaffhausischen, im konservativen und religiösen Hallau, einen neuen Job. Hier blieb er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1998 – allerdings wiederum nicht, ohne Aufsehen zu erregen: Sein Buch «Gottes Lachen im Leichenzug der <Kirche>» war eine Abrechnung mit deren Repräsentanten. Die Kirche war aus seiner Sicht «verkommen», ihre geistige Kraft liege im Sterben, habe «wohl gar ihre Seele schon ausgehaucht».

Erstaunliches geschah dann im Jahr nach der Pensionierung Blochers: Die Hallauer wählten Blocher zum Gemeindepräsidenten – obwohl er gar nicht kandidiert hatte. In diesem Amt soll er während einer Gewerkschafts-Demonstration am Ort einem anwesenden Journalisten eine Kopfnuss verpasst haben – was Blocher allerdings bestritt: Er will dem Journalisten nur in der Erregung mit dem Finger an die Stirn getippt haben. Auch Schaffhauser Kantonsrat wollte der pensionierte Pfarrer noch werden. Dies 2012. Seine Kandidatur auf der Liste der SVP-Senioren scheiterte indes.

"Löli-Bundesrat und Dummköpfe"
Gerhard Blocher und die Medien – dies ist nicht nur wegen der «Kopfnuss-Sache» eine ganz besondere, eine schlagzeilenträchtige Geschichte. Im Fernsehfilm «Zwei Tage im Dezember» über Menschen im Umfeld von Christoph Blocher, gesendet 2003 nach dessen Wahl in den Bundesrat, äusserte sich Gerhard Blocher in sehr abschätziger Weise über die politischen Gegner seines Bruders und die bisherige Landesregierung: «Löli-Bundesrat». In einem weiteren Dokumentarfilm, der kurz vor der Bundesratswahl im Jahr 2007 ausgestrahlt wurde, legte er dann noch eins drauf: Nicht nur dass er Nationalräte als Dummköpfe und allerletzte Menschen bezeichnete, er zückte auch – wie oben bereits beschrieben – sein Sackmesser und phantasierte von Nahkampf und Blut. Einige meinen, der skurrile Auftritt des Bruders im Film habe zur Abwahl Christoph Blochers mindestens beigetragen.

Gerhard Blocher blieb davon unbeeindruckt, sass auch in der Folgezeit nicht auf dem Maul. Er trat weiterhin in der Öffentlichkeit auf – am bizarrsten wohl im Jahr 2012 in Roger Schawinskis Talkshow, wo er, konfrontiert mit seinen früheren Auftritten, nichts Falsches daran zu erkennen vermochte.


Seit einiger Zeit schon lebte Gerhard Blocher im Altersheim in Hallau. Er habe sich wie General Guisan in Réduit zurückgezogen, sagte er dazu im Jahr 2013. Am Mittwochvormittag ist er nun im Alter von 82 Jahren friedlich eingeschlafen.

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