Tinner-Urteil wird heute bekannt

Vor Bundesstrafgericht sind in der Atomschmuggelaffäre Hintergründe zum Deal der Tinners mit den US-Geheimdiensten bekanntgeworden. Heute fällt das Urteil.

Gerhard Lob
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BELLINZONA. Heute nachmittag dürfte der Schlussstrich unter die Affäre Tinner gezogen werden. Die Strafkammer des Bundesstrafgerichts unter Vorsitz von Walter Wüthrich will um 16.30 Uhr bekanntgeben, ob es den Deal zwischen Bundesanwaltschaft (BA) und der Familie Tinner im verkürzten Verfahren absegnet. Gemäss dieser Einigung werden Friedrich Tinner (75) und seine Söhne Urs (46) und Marco (43) zwar wegen Verstosses gegen das Kriegsmaterialgesetz zu Freiheitsstrafen bis 50 Monate verurteilt. Doch niemand muss mehr ins Gefängnis. Durch die teilweise sehr lange Untersuchungshaft sind die Strafen bereits abgegolten. Dazu kommen noch Geldstrafen und die Übernahme der Gerichtskosten.

Einen korrekten Schlussstrich

«Es ist besser, dass wir hier einen rechtsstaatlich korrekten Schlussstrich ziehen, als über Jahre ein Verfahren mit offenen Ausgang zu führen», meinte Bundesstaatsanwalt Peter Lehmann gestern in seinem kurzen Plädoyer. Wegen der Vernichtung von Beweismaterial sei fraglich, ob ein faires Verfahren ausserhalb dieser Einigung überhaupt möglich sei. Bekanntlich hatte der Bundesrat Ende 2007 auf Druck der US-Behörden die Vernichtung umfangreicher Akten angeordnet. Die Brisanz des Falls spiegelte sich gestern auch im Publikum wider: Unter anderen verfolgte Bundesanwalt Michael Lauber und der frühere UN-Waffeninspektor David Albright die Verhandlung.

Die Befragung der Tinners gestaltete sich wegen der Protokollierung zäh, aber in der Sache teils aufschlussreich. Einzig wenn es darum ging, wie die Zusammenarbeit mit dem US-Geheimdienst ab 2003 bis zur Verhaftung konkret aussah, verweigerten sie die Antwort. Sie anerkannten aber, dass sie über Jahre für das Netzwerk von Abdul Qadeer Khan, des «Vaters der pakistanischen Atombombe», gearbeitet hatten.

Es zeigte sich, dass Vater Tinner der Kopf der Operationen war. Dass er mit der geringsten Strafe – 24 Monate bedingt – davonkommen soll, verteidigte Staatsanwalt Lehmann mit Verweis auf das Alter und den Entschluss, mit den US-Behörden zusammenzuarbeiten: «Friedrich Tinner braucht keine Resozialisierung, er hat sein Fett schon weg.»

Offenbar Gewissensbisse

Den Ingenieur beschlichen offenbar seit 1998 Gewissensbisse, weil er mit den gelieferten Gütern eine Hilfestellung zur Urananreicherung bereitstellte. Aber erst Anfang 2003 wandte er sich an die Behörden. Doch ihn dürfte auch die Aussicht auf Geld gereizt haben, zumal sich die familieneigene Firma in Schwierigkeiten befand. Eine Million Dollar in bar erhielten die Tinners. Davon sind noch rund 300 000 Dollar übrig, die sie nun gemäss dem Deal mit der BA zur Deckung der Gerichtskosten verwenden müssen.

Die Söhne Urs und Marco wurden vom Vater unterrichtet. Dabei willigten sie in den Deal mit den Amerikanern ein, denn dieser erschien ihnen als einzige Möglichkeit, «aus dieser Geschichte auszusteigen».

Bescheidenes Auskommen

Gemäss einer vor Gericht gezeigten Expertenaufstellung hat das Familienunternehmen Tinner über 20 Millionen Franken an Gutschriften von Dritten umgesetzt. Von Millionen ist aber schon lange nicht mehr die Rede. Vater Tinner lebt im Kanton St. Gallen mit seiner Frau von der AHV und kommt gerade über die Runden. Sohn Urs hat sich nach der Entlassung aus der U-Haft mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, lebt im elterlichen Haus. Zurzeit baut er einen Handel mit Aquarien auf. Kontakt zu seinen Kindern hat er «wegen dieser Geschichte» seit 15 Jahren keinen mehr. Marco Tinner hingegen lebt mit seiner Familie in Thailand. Er arbeitet nach eigenen Angaben nicht. Seine Frau erwirtschafte ein kleines Einkommen mit Schneidern und dem Hüten von Immobilien.