TIERSCHUTZ: Bund will Versuchstiere besser schützen

Wer in der Schweiz Tierversuche durchführen will, soll künftig nach dem Willen des Bundes einen Tierschutzbeauftragten bestimmen müssen. Damit geben sich Verbände und Politiker aber nicht zufrieden.

Dominic Wirth
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72 Prozent der Tiere für die Versuche in den Laboren sind Mäuse oder Ratten. (Bild: Robert F. Bukaty/AP)

72 Prozent der Tiere für die Versuche in den Laboren sind Mäuse oder Ratten. (Bild: Robert F. Bukaty/AP)

Dominic Wirth

Hunderttausende Tiere werden in der Schweiz jedes Jahr eingesetzt, um etwa die Wirkung von Medikamenten zu testen. Im Jahr 2015 waren es insgesamt 682233, Mäuse vor allem, auch Vögel und Fische – und eine ganze Reihe anderer Arten. Geht es nach dem Willen des Bundes, soll künftig in Schweizer Laboren und Instituten mehr auf das Tierwohl geachtet werden. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) will Tierschutzbeauftragte zur Pflicht machen. Vielerorts sind solche Fachpersonen schon heute Standard. Künftig sollen sie auch per Gesetz vorgeschrieben sein.

Tierschützer begrüssen die Massnahme. Hansuli Huber vom Schweizer Tierschutz (STS) sagt etwa, sie sei «ein Schritt in die richtige Richtung». Und die grüne Nationalrätin Maya Graf formuliert es so: «Es ist wichtig, dass die Tiere nicht mehr leiden als unbedingt notwendig. Deshalb braucht es gut ausgebildete Tierschutzverantwortliche, die vor Ort sind – und gegebenenfalls auch hinterfragen, was gemacht wird», sagt die Baselbieterin. Allerdings: Sowohl Huber als auch Graf finden, dass es mit einem Tierschutzbeauftragten allein nicht getan ist.

Zahl der Versuchstiere stieg zuletzt wieder

Hansuli Huber sagt, es gehe momentan nicht ohne Tierversuche. Aber er findet auch, dass man diese stets hinterfragen müsse. Im Dezember veröffentlichte die Universität Bern eine Studie, die wenig beachtet wurde, aber einiges an Sprengkraft bietet. Die Forscher untersuchten die wissenschaftliche Qualität der Tierversuche in der Schweiz. Und sie kamen zu einem Ergebnis, das aufhorchen lässt. Denn sie berichten etwa von «verbreiteten Mängeln in der Forschungspraxis». Das ist brisant, weil Tierversuche ein ethischer Drahtseilakt sind. Laut Tierschutzgesetz sind sie auf das «unerlässliche Mass» zu beschränken. Und sie müssen einen Erkenntnisgewinn liefern. Für Hansuli Huber lässt die Studie nur einen Schluss zu: «Jedes Jahr werden Hunderttausende Tiere sinnlos geopfert, weil uns das Resultat schlicht nicht weiterbringt.»

Die Zahl Tiere, die für Versuche verwendet werden, ist in der Schweiz seit 20 Jahren mehr oder weniger stabil. Noch 1983 waren es fast zwei Millionen gewesen; danach sank die Zahl rasch und erreichte im Jahr 2000 mit 566398 einen Tiefststand. Zuletzt nahm sie allerdings wieder deutlich – um 75000 Tiere innerhalb eines Jahres – zu. 21 Prozent der Tiere waren dabei einer mittelschweren, 2 Prozent einer schweren Belastung ausgesetzt. Bei 72 Prozent der verwendeten Tiere handelte es sich um Nager wie Mäuse oder Ratten.

«Die Schweiz hat Nachholbedarf»

In den Augen von Maya Graf sind diese Zahlen nach wie vor viel zu hoch. Und sie nimmt – wie Hans­uli Huber – den Bund in die Pflicht. Beide verlangen, dass künftig weniger öffentliches Geld für Tierversuche eingesetzt wird. Heute passiert das etwa, wenn an Hochschulen Grundlagenforschung betrieben wird. Stattdessen soll der Bund mehr Mittel in die Suche nach Methoden investieren, die Tierversuche ersetzen können. Dies steht zwar schon seit über 20 Jahren im Tierschutzgesetz, passiert aber für Graf noch zu wenig. «Wir haben hier viel Zeit verloren – und jetzt einigen Nachholbedarf», sagt die Nationalrätin.

Das BLV ortet ebenfalls Handlungsbedarf. In einem Bericht schlägt es deshalb die Schaffung eines nationalen Kompetenzzentrums vor. Dieses soll sich ganz dem 3R-Prinzip widmen, mit dem Tierversuche ersetzt, reduziert und verbessert werden sollen. Das Kompetenzzentrum soll die Forschung in diesem Bereich fördern – und Ergebnisse umsetzen. Derzeit erarbeitet Swissuniversities im Auftrag des Bundes einen entsprechenden Vorschlag. Graf und Huber begrüssen diesen Plan. «Es ist aber wichtig, dass auch genug Geld zur Verfügung steht. Nur dann kann die Schweiz bei diesem Zukunftsthema mithalten», sagt die grüne Nationalrätin.