Tierdramen an der Grenze: Pferdebesitzer dürfen nicht in ihre deutschen Ställe fahren

Vom Bodensee bis nach Basel: Viele Schweizer Pferdebesitzer haben ihre Tiere in deutschen Ställen. Der Zoll kennt auch für sie keine Gnade. 

Lucien Fluri
Drucken
Teilen

Manuela Jans-Koch

Plötzlich war da wieder eine Grenze. Eine geschlossene Grenze. Und Marithé Schweingruber hatte ein Problem. Denn sie lebt in Beringen, eine mittelgrosse Schaffhauser Gemeinde, gelegen in einem Zipfel der Schweiz, der grösstenteils von Deutschland umgeben ist.

Nun stehen Schweingrubers zwei Pferde auf der anderen Seite der Grenze. Und sie hat keine Möglichkeit, die Tiere zu sehen und ihren Aufgaben als Tierhalterin nachzukommen. Schweingruber, die sonst vier mal pro Woche die Grenze der Pferde wegen überquert, sorgt sich um Pflege und Gesundheit ihrer Tiere, hatte sie sich doch selbst um diese gekümmert. Jetzt hat diese Aufgabe zwar die Besitzerin des Reitstalles übernommen. Doch damit sind für Schweingruber auch Schwierigkeiten verbunden. Beispielsweise musste sie jemanden organisieren, der sich um die Hufe kümmert. Dazu brauche es Vertrauen, sagt sie. «Da möchte man beim ersten Mal zuschauen.» Und: «Es gibt unzählige Pferde, die auf regelmässige, kontrollierte Bewegung angewiesen sind.»

Schweingruber ist nicht die einzige Betroffene: Von Basel bis an den Bodensee haben viele Pferdebesitzer ihre Tiere auf der anderen Seite der Grenze untergebracht.  Dem Bundesamt für Landwirtschaft sind mehrere Fälle bekannt. Seit Anfang April würden Deutschland und Frankreich verschärfte Regulierungen anwenden, schreibt es in einem Dokument auf seiner Homepage. Die Meldungen von Tierbesitzern hätten zugenommen.

Deutschland erlaubt nur absolute Notfälle - und droht mit Bussen

«Laut unseren Informationen wird die Abweisung dieser Personen damit begründet, dass solche Grenzübertritte nur noch in medizinischen Notfällen möglich seien», schreibt das Bundesamt. Den Besitzern sei gar mit Bussen gedroht worden. Das Amt selbst hat dafür wenig Verständnis. Aus seiner Sicht stellt «der regelmässige Grenzübertritt für in der Schweiz wohnhafte Pferdebesitzer eine Notwendigkeit dar, damit ihre Tiere tierschutzkonform versorgt werden können.» Doch Deutschland erlaubt Ausnahmen nur «bei medizinisch unübertragbaren Tätigkeiten». Diese müssen durch einen Tierarzt schriftlich bestätigt werden. Die Schweiz dagegen gestattet die Einreise, wenn die «Pflege oder Abholung und Lieferung von Tieren persönlich vorgenommen werden muss, weil die Tiere anderenfalls Schaden nehmen oder verenden».

Marithé Schweingruber konnte ihre Pferde seit Mitte März nur drei Mal besuchen. Mit Ach und Krach nur habe dies jeweils geklappt. Mehrfach scheiterten ihre Versuche, die Grenze zu überqueren am deutschen Zoll. Dort musste sie sich Kommentare anhören, sie solle doch die Tiere in die Schweiz nehmen. Doch dies sei ebenso schwierig wie beispielsweise jemanden für die Hufe zu finden. Vor allem aber machen die Restriktionen aus ihrer Sicht epidemiologisch keinen Sinn.

«Wir sitzen ins Auto, fahren zum Stall und gehen wieder nachhause. Da gibt es keine Ansteckungen.»

Schweingruber hofft, dass der Grenzverkehr in eingeschränktem Rahmen wiederbelebt wird. Doch momentan ist die Lage schwierig. Man denke über Öffnungen nach, sagte Bundesrätin Karin Keller-Sutter am Mittwoch im Nationalrat. Es bringe aber nichts, einseitig Öffnungen zu vollziehen. Offenbar ist man in Deutschland derzeit wenig gewillt, Lockerungen vorzunehmen – auch weil die Schweiz als Transitland gilt und an Italien grenzt. Nicht einmal Liebespaare dürfen sich über die Grenze hinweg sehen. Deutschland hat die entsprechenden Regeln diese Woche bis zum 15. Mai verlängert. Dass sie danach rasch aufgehoben werden, davon kann nicht ausgegangen werden.