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Bald werden erste Löcher gebohrt: Standortsuche für Tiefenlager geht in die Endrunde

Seit Jahren erforscht der Bund mögliche Standorte, um radioaktiven Abfall zu lagern. Jetzt kann in den potenziellen Gebieten das Gestein genauer untersucht werden. Die erste Tiefenbohrung für 15 Millionen Franken beginnt im März in Bülach.
Gabriela Jordan

Dicht muss der Untergrund für das Tiefenlager sein, damit kein Wasser oder Gas hinein- und hinausdringt. Stabil ebenso, damit er künftigen Erschütterungen und Erosionen standhält. Das Gebiet muss zudem genügend Platz in der bevorzugten Tiefe bieten – und schliesslich braucht es eines fernen Tages noch die Zustimmung der Bevölkerung. Kurz: Es gibt Einfacheres, als einen geeigneten Standort für die Lagerung radioaktiver Abfälle zu finden. Entsprechend langwierig gestaltet sich die Suche, seit vier Jahrzehnten sind die Bundesbehörden intensiv mit ihr beschäftigt. Jetzt geht die Standortsuche in die finale Phase: Um die Gesteinsschichten in den drei favorisierten Regionen genauer untersuchen zu können, führt die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) ab diesem Jahr sogenannte Sondierbohrungen durch. Dabei bohrt sie mit einem rund 30 Meter hohen Bohrgerät bis zu 1300 Meter in die Tiefe. Kosten und Dauer pro Bohrung: 15 Millionen Franken und sechs bis acht Monate.

Die erste Bohrung startet Mitte März in Bülach im Gebiet Nördlich Lägern, die zweite ein paar Wochen später in Trüllikon im Gebiet Zürich Nordost. Auch in der dritten möglichen Standortregion Jura Ost sind Sondierbohrungen geplant, deren Bewilligung steht aber noch aus.

«Wir sind natürlich sehr gespannt, was wir bei den Bohrungen herausfinden», sagt Geologe Philipp Senn, der bei der Nagra als Programmkoordinator das Auswahlverfahren begleitet. «Solche Tiefbohrungen sind in der Schweiz nicht völlig aussergewöhnlich, aber doch selten. Der erwartete Erkenntnisgewinn ist deshalb ein Meilenstein für Fachleute, Ämter und Politik und lässt das Herz eines jeden Geologen höher schlagen.»

Wie dick und tief ist das bevorzugte Wirtgestein?

Als Tiefbohrung gilt, wenn die 400-Meter-Grenze überschritten wird. Bisher sind hierzulande um die 100 solcher Bohrungen durchgeführt worden, etwa wegen des Tunnelbaus oder der Fernwärme. Nun kommen mindestens sechs weitere hinzu – die Nagra geht davon aus, dass pro Region zwei bis drei Bohrungen nötig sein werden, um sich «ein schlüssiges Bild» vom Untergrund zu machen. Insgesamt werden somit Kosten von ungefähr 100 Millionen Franken entstehen. Welche Erkenntnisse sollen die Bohrungen also bringen? Wie muss der Untergrund beschaffen sein, damit in etwa 25 Jahren das Tiefenlager gebaut werden kann? Als Schlüssel zum Erfolg gilt das Tongestein Opalinuston, das die radioaktiven Stoffe dank seiner Dichte sehr gut einschliessen kann und deshalb als Wirtgestein dienen soll (siehe Kasten). «Wir wissen, dass dieses Gestein an allen drei Orten vorhanden ist», sagt Senn. «Jetzt geht es darum, die exakte Tiefe und Dicke zu messen. Auch interessieren uns der Mineraliengehalt und die Zusammensetzung des darunter- und darüberliegenden Gesteins. Zwischen den Regionen könnten sich hierbei Nuancen zeigen, die für die Standortwahl entscheidend sein können.»

Warum sich Opalinuston als Endlagergestein eigent

Während der Standortsuche für ein Tiefenlager hat der Bundesrat das Tongestein Opalinuston als alleinigen Wirt für hochaktive Abfälle und schwach- und mittelaktive Abfälle festgelegt. Wegen seiner Eigenschaften bildet es die beste geologische Barriere: Der Opalinuston ist sehr dicht und lässt wenig Wasser und Gas durch. Er verfügt zudem über das Potenzial zur Selbstabdichtung: Beim Auftauchen von Wasser quillt er leicht auf und verdichtet sich. So kann er radioaktive Stoffe selbst bei Rissen zurückhalten. Ein anderes Gestein, das zu Beginn für schwach- und mittelaktive Abfälle in Frage kam, ist die Sedimentschicht des Braunen Doggers. Diese ist wegen des beschränkten Tonmineralgehalts aber wasserführend und somit nicht als Barriere für das Tiefenlager geeignet. (gjo)

Der Opalinuston erstreckt sich in einer relativ ähnlichen Zusammensetzung nördlich der Alpenkette – von der Ost- und Westschweiz bis Stuttgart. Vor Millionen von Jahren ist er auf dieser Fläche im Meer abgelagert worden. Unterschiede gibt es laut Philipp Senn vor allem bezüglich der Tiefe: In der Region Jura Ost befindet sich der Opalinuston etwa 500 Meter unter der Erdoberfläche, in Zürich Nordost etwa 750 Meter und in Nördlich Lägern etwa 900 Meter.

Um das Endlager zu bauen, ist eine sehr tiefe Lage des Opalinuston aber nicht unbedingt von Vorteil. Im Gegenteil: Da Hohlräume im Gestein ausgegraben werden müssen, stellt die Tiefe auch eine bautechnische Herausforderung dar. Das Tongestein rund um den Hohlraum sollte möglichst intakt bleiben. Die Nagra wollte Nördlich Lägern als Standortregion vor drei Jahren deswegen zurückstellen und sich auf Jura Ost und Zürich Nordost fokussieren. Auf Druck des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi), das die Zurückstellung «als nicht robust begründet» sah, wurde Nördlich Lägern aber wieder ins Rennen aufgenommen.

Das Zwischenlager für radioaktive Abfälle in Würenlingen im Kanton Aargau. Bild: Gaëtan Bally/Keystone (9. November 2010)

Das Zwischenlager für radioaktive Abfälle in Würenlingen im Kanton Aargau. Bild: Gaëtan Bally/Keystone (9. November 2010)

So spannend die Standortsuche für Fachleute ist, so emotional ist sie für die betroffene Bevölkerung. Von Beginn an wird der Prozess von Widerstand begleitet (siehe Text unten). In den letzten Jahren scheint die Akzeptanz für ein Tiefenlager allerdings gewachsen zu sein – an vielen Orten hat man sich mit dem Gedanken, eine Standortregion zu werden, abgefunden. Dies zeigen Gespräche mit den Präsidenten der Regionalkonferenzen, welche den betroffenen Gemeinden die Möglichkeit zur Mitsprache geben sollen. Beispielsweise stellt Ueli Müller, Gemeindepräsident von Riniken und Präsident der Regionalkonferenz Jura Ost, fest, dass die Leute das Thema umso pragmatischer sehen, je mehr sie sich damit befassen. «Natürlich jubelt niemand. Aber es wächst das Verständnis, dass die Abfälle irgendwo entsorgt werden müssen.» Hilfreich sei auch das relativ grosse Vertrauen der Bürger in die Nagra und ins Ensi. Bis auf wenige Ausnahmen sei es momentan deshalb ruhig. Ob das so bleibt, kann Müller aber nicht einschätzen.

Regionen profitieren durch finanzielle Abgeltung

Tröstlich dürfte für die betroffenen Regionen sein, dass sie – sollten sie als Standort für das Tiefenlager ausgewählt werden – eine finanzielle Abgeltung ­erhalten. Im Stilllegungs- und Ent­sorgungsfonds für Kernanlagen sind 300 Millionen Franken für schwach- und mittelaktive Abfälle sowie 500 Millionen Franken für hochaktive Abfälle rückgestellt. Wie viel die Abgeltung letztlich genau betragen wird und wie sie zwischen den Regionen und Gemeinden aufgeteilt wird, muss noch verhandelt werden.

Bis die Anlagen wirklich stehen, dauert es noch Jahrzehnte: Der abschliessende Standortentscheid des Bundes­rates wird für 2029 erwartet. Sagen auch das Parlament und das Volk Ja, könnte das Tiefenlager für schwach- und mittelaktive Abfälle etwa 2050 und jenes für hochaktive Abfälle etwa 2060 in Betrieb genommen werden. Bis zur Einlagerung ins Tiefenlager werden die radioaktiven Abfälle in Würenlingen AG zwischengelagert (Zwilag).

Der Kampf gegen das Tiefenlager in den Regionen

Mahnwachen und Proteste: Vielerorts lehnte sich die Bevölkerung gegen das Tiefenlager auf – oder tut es noch. Hier eine Übersicht über den Widerstand in den sechs Regionen, die als mögliche Standorte im Rennen sind oder waren.

Wellenberg

Vor allem aus der Region Wellenberg (NW, OW) schlug dem Bund geballter Widerstand entgegen. Mehrmals sagten die Nidwaldner an der Urne Nein zu einem Tiefenlager. Vergangenen November entschied der Bundesrat, dass Wellenberg als Reserveoption im Verfahren bleibt. In der aktuellen Etappe 3 wird die Region nicht vertieft untersucht.

Südranden

Auch im Kanton Schaffhausen war der Widerstand gegen den Endlagerstandort Südranden gross. Wie Wellenberg gilt das Gebiet seit vergangenem November als Reserveoption. Aufgrund der geografischen Nähe lehnt die Schaffhauser Kantonsregierung auch den Standort Zürich Nordost ab.

Jura-Südfuss

Wie Wellenberg und Südranden wurde Jura-Südfuss (SO, AG) als Reserveoption eingestuft. Die Region kam als Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle in Frage. Im Vergleich zu Nidwalden war der Widerstand weniger aufgeregt – aber nicht weniger kritisch. Gegner reagierten mit Genugtuung auf den Entscheid.

Zürich Nordost

Im Zürcher Weinland rund um die Gemeinde Benken kämpfen Landwirte und Atomgegner gemeinsam gegen ein mögliches Tiefenlager in der Region Nordost (ZH, TG). Die Widerstandsgruppe «Klar!Schweiz» (Kein Leben mit atomaren Risiken) ist dort sehr aktiv. Die Region Zürich Nordost wird ab diesem Jahr vertieft untersucht.

Nördlich Lägern

Auch das Gebiet Nördlich Lägern wird ab diesem Jahr vertieft untersucht. Es kommt als Lager für hochaktive Abfälle in Frage. Dagegen kämpft der Verein Loti (Nördlich Lägern ohne Tiefenlager), der nach der erneuten Aufnahme der Region in den Auswahlprozess «wieder auferstanden» ist. Der Verein plant in diesem Jahr diverse Aktionen.

Jura-Ost

Jura Ost (AG) wird ebenfalls als möglicher Standort für hochaktive Abfälle gehandelt. Widerstand gibt es etwa von den Gruppen Kaib (Kein Atommüll in Bözberg) und ARI (Interessengemeinschaft Attraktives Riniken). Letztere kämpft explizit gegen Bohrungen in Riniken.

(gjo)

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