Nun wird das Parlament auf Italienisch geführt: Tessinerin wird Nationalratspräsidentin

Die Tessiner SP-Nationalrätin Marina Carobbio wird am Montag zur neuen Präsidentin der Grossen Kammer gewählt. Die höchste Schweizerin wird die Plenarsitzungen auf Italienisch abhalten.

Gerhard Lob
Merken
Drucken
Teilen
Marina Carobbio an der diesjährigen 1.-Mai-Veranstaltung in Locarno. (Bild: Alessandro Crinari/Keystone)

Marina Carobbio an der diesjährigen 1.-Mai-Veranstaltung in Locarno. (Bild: Alessandro Crinari/Keystone)

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer langen Politikkarriere. Am Montag wird Marina Carobbio Guscetti zur Nationalratspräsidentin. Es ist schon selten genug, dass ein Parlamentarier aus dem Tessin die Grosse Kammer präsidiert. Doch eine Tessiner Sozialdemokratin? Das gab es noch nie. Alle bisherigen sieben NR-Präsidenten aus dem Tessin seit 1848 gehörten der CVP oder FDP an.

Nur wenige Tage vor der Wahl treffen wir Marina Carobbio in ihrem Zuhause in Lumino. Das Dorf mit seinen 1400 Einwohnern liegt nördlich von Bellinzona, am Eingang zum Valle Mesolcina, das zum San-Bernardino-Pass führt. Die 52-Jährige wohnt in einem Einfamilienhaus mit ihrem Mann, der als Ingenieur bei den SBB arbeitet, und der 14-jährigen Tochter, während der 22-jährige Sohn mittlerweile an der ETH studiert.

Aus dem Schatten von Vater Werner

Marina Carobbio ist in Lumino aufgewachsen und politisiert worden. Ihr Vater, Werner Carobbio, war Lehrer und Vollblutpolitiker. 24 Jahre, von 1975 bis 1999, sass er für die Tessiner SP im Nationalrat. «Zu Hause haben wir natürlich viel über Politik diskutiert», erzählt Marina Carobbio. Und fügt an, dass es für sie zu Beginn ihrer politischen Karriere schwierig war, weil sie stets als «Tochter von Werner» gesehen wurde. Doch dank ausgeprägter dialektischer Fähigkeiten, Intelligenz, Belesenheit und einer unbestreitbaren Eloquenz emanzipierte sie sich schnell von der Vaterfigur. In der Sache blieb sie stramm links. Soziale Gerechtigkeit, Emanzipation, Einheitskrankenkasse, Umweltschutz, Entwicklungspolitik, Migration, Mieterrechte: Das sind ihre Kernthemen. Die politische Karriere begann früh. Nach dem in Basel absolvierten Medizinstudium wurde sie mit 24 Jahren in den Grossen Rat gewählt, dem sie 16 Jahre angehörte; dort stieg sie zur Fraktionschefin auf. Inzwischen ist sie bald 12 Jahre Nationalrätin und wird es wohl bis 2023 bleiben. Ihre Kantonalpartei hat soeben eine massgeschneiderte Statutenänderung akzeptiert, welche eine vierte Legislatur ermöglicht. Somit kann sie im Herbst 2019 nochmals antreten.

Vier Jahrzehnte Carobbio im Nationalrat. Erst der Vater, dann die Tochter. Im Tessin spricht man gelegentlich vom Carobbio-Clan, aber das findet die Nationalrätin verfehlt: «Es stimmt, wir sind eine grosse Familie, aber Clan … Nein, das kommt nicht hin, denn wir haben keine Macht.» Vielleicht nicht Macht, aber doch Einfluss. Das Wort von Marina Carobbio zählt in der SP Tessin.

Die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Politik gehört zu den Urforderungen linker Frauen. Doch für sie selbst war es nicht leicht, all ihre Aufgaben unter einen Hut zu bekommen. Die Reise von Lumino nach Bern dauert rund dreieinhalb Stunden. Dank des neuen Gotthard-Basistunnels geht es nun etwas schneller. Wegen ihrer Ämter in parlamentarischen Kommissionen muss sie praktisch jede Woche in die Hauptstadt, wo sie dann im Hotel nächtigt. «Ich habe das nur dank eines guten Netzwerks geschafft, das es in meiner Familie und in meinem Ort gibt», sagt sie.

Als SP-Frau repräsentiert Carobbio politisch heute eine Minderheit im Tessin. Im Südkanton weht der Wind seit Jahren rechts-populistisch. Die europafeind­liche Lega dei Ticinesi gibt den Ton an. Von den acht Nationalräten und zwei Ständeräten aus dem Südkanton gehört nur Carobbio einer linken Partei an. Warum schwächelt die SP im Tessin so? «Ich glaube, wir sind zu institutionell; wir müssen wieder näher zu den Leuten», gibt sie sich selbstkritisch.

Reise nach Ruanda und Rom geplant

Nun steht das Präsidialjahr an – und es beginnt mit einem Paukenschlag, der Ersatzwahl von zwei Bundesräten. Carobbio hat schon angekündigt, die Plenumsitzungen auf Italienisch zu führen. «Das ist nicht nur symbolhaft», hält sie fest. Die italienischsprachige Schweiz und die italienische Sprache liegen ihr am Herzen. Auch die ein oder andere Auslandsreise steht auf dem Programm, etwa nach Ruanda oder Rom. Doch die Ausmasse werden bescheiden sein. «2019 ist auch das Jahr der eidgenössischen Wahlen», sagt die künftige Prima Cittadina des Landes.