Symbolischer Entscheid

Vor einem Monat sprach sich die Mehrheit der Berner Stimmberechtigten in einer Konsultativabstimmung für den Bau eines neuen Atomkraftwerks Mühleberg aus.

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Vor einem Monat sprach sich die Mehrheit der Berner Stimmberechtigten in einer Konsultativabstimmung für den Bau eines neuen Atomkraftwerks Mühleberg aus. Auch wenn das Ergebnis mit 51,2 Prozent knapp war, es passte zum Trend, der nicht nur in der Schweiz zu beobachten war: Eine Generation nach Tschernobyl gab es für die Atomenergie wieder wachsende Akzeptanz.

Davon zeugen nicht nur Rahmenbewilligungsgesuche für drei neue AKW in der Schweiz, auch Deutschland verlängerte die Betriebsbewilligungen für bestehende Kraftwerke, in den USA gab es Überlegungen, zwanzig neue Meiler zu bauen, und in Asien konstatierte man einen AKW-Boom. Basis für diese Entwicklung war vor allem die Klimadiskussion: Die Möglichkeit, dank AKW über bezahlbare CO2-freie Energie zu verfügen, war verlockend.

Die Renaissance der friedlich genutzten Atomenergie ist nun zu Ende, bevor sie richtig Fuss gefasst hat: Die in alle Welt übertragene Explosion des Reaktorgebäudes von Fukushima ist der Grund. Sie dürfte ähnliche Symbolkraft erlangen wie seinerzeit die Bilder von 9/11, vom Einsturz der Twin Towers. Ob sich die Atomenergie jemals davon erholen wird?

Die für Atomenergie zuständige Bundesrätin Doris Leuthard scheint die Bilder von Fukushima ebenfalls so zu interpretieren – sonst hätte sie kaum in einem für Schweizer Verhältnisse geradezu atemberaubenden Tempo die Sistierung der drei Rahmenbewilligungsgesuche verfügt «bis die Sicherheitsstandards überprüft und allenfalls angepasst sind».

Leuthard hofft, mit ihrem Entscheid die öffentliche Diskussion über die Atomkraft zu beruhigen. Denn von praktischer Bedeutung ist er kaum: Neue Erkenntnisse zur Verbesserung der Sicherheit wären auch in ein weiter laufendes Bewilligungsverfahren eingebracht worden. Alles andere entspräche schlicht nicht den Usanzen.

Richard Clavadetscher

r.clavadetscher@tagblatt.ch