Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Sterben hinter Gittern: Für Schweizer Häftlinge soll es Suizidzellen geben

Ein Strafvollzugsexperte fordert drei Sterbezimmer in Schweizer Gefängnissen. Der Basler Bischof warnt davor. In der Debatte gehe es nur vordergründig um ein Selbstbestimmungsrecht.
Andreas Maurer
Spezialisiertes Personal soll gemeinsam mit einer Freitodorganisation die Insassen betreuen, schlägt der Experte vor. (Bild: Pius Amrein)

Spezialisiertes Personal soll gemeinsam mit einer Freitodorganisation die Insassen betreuen, schlägt der Experte vor. (Bild: Pius Amrein)

Peter Vogt, 68, pädophiler Serienvergewaltiger, lädt das Schweizer Fernsehen in die Strafanstalt ­Bostadel (ZG) ein. Ein übergewichtiger alter Mann tritt vor die Kamera, er atmet schwer. Seit 14 Jahren hat Vogt seine Strafe abgesessen, doch voraussichtlich wird er für immer verwahrt bleiben, denn er gilt als gemeingefährlich. Irgendwann wird er hier sterben. Vogt möchte den Zeitpunkt selber bestimmen. Er ist der erste Schweizer Häftling, der Suizidhilfe für sich verlangt. Er spricht ins Mikrofon: «Das Leben hat doch keinen Sinn mehr. Wofür soll ich am Leben bleiben? Damit man mich einsperren kann?»

Rechtlich war bisher ungeklärt, wie der Staat mit diesem Gesuch umgehen soll. Die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren hat deshalb ein Grundlagenpapier in Auftrag gegeben, das 2019 vorliegen soll.

Recht auf Selbstbestimmung auch bei Häftlingen

Benjamin Brägger prescht nun vor. Er ist Sekretär des Strafvollzugskonkordats der Nordwest- und Innerschweiz, das die Anstalten von elf Kantonen koordiniert. Zudem ist er Chefredaktor der Schweizerischen Zeitschrift für Kriminologie. Dort analysiert er in einem Fachbeitrag die recht­lichen Rahmenbedingungen des Sterbens hinter Gittern. Er kommt zum Schluss, dass Justizvollzugsanstalten Suizidhilfe in ihren Räumen zulassen müssten. Das Recht auf Selbstbestimmung des Todes dürfe bei Gefangenen nicht von ihrem strafrechtlichen Status abhängig gemacht werden. Dies gelte nicht nur für Verwahrte, die ihre Strafe abgesessen haben, sondern auch für Täter im Strafvollzug. Sogar nicht rechtskräftig verurteilte Häftlinge sollten sich umbringen dürfen.

Brägger sagt auf Anfrage: «In jedem der drei Strafvollzugskonkordate der Schweiz sollte je eine Anstalt ein Sterbezimmer einrichten.» Dafür fordert er spezialisiertes Aufsichtspersonal, das die Insassen gemeinsam mit Freitodorganisationen betreut. Die Sterbebegleitung müsse professionalisiert werden. In der Fachwelt werde das Thema schon länger diskutiert: «Jetzt ist dringend eine politische Diskussion nötig.»

Suizidhilfe hinter Gittern wird in der Schweiz aus drei Gründen zum Thema. Erstens steigt die Zahl der über 60-jährigen Insassen, weil die Lebenserwartung steigt. Zweitens wird die Haftdauer tendenziell länger, weil die Bereitschaft, Rückfälle zu riskieren, gesunken ist. Drittens entspricht Suizidhilfe einem gesellschaftlichen Trend.

In der Fachwelt stösst der Vorschlag auf kontroverse Reaktionen. Peter Schaber, Ethikprofessor der Universität Zürich, unterstützt den Vorschlag:

«Wenn ein Insasse die normalen Bedingungen für Suizidhilfe erfüllt, sollten aus humanitärer Sicht die gleichen Kriterien gelten wie ausserhalb des Gefängnisses.»

Es müsste darum gehen, einem unheilbar Kranken ein qualvolles Leiden zu ersparen. Es sollte aber nicht darum gehen, dass sich ein gesunder Gefangener durch einen assistierten Suizid seiner Strafe entziehen könnte, sagt er.

Psychiater Josef Sachs ist hin und her gerissen. Er sieht drei heikle Punkte. Die Gesellschaft müsse einen Konsens finden, wie sie mit diesen umgehe. Erstens: «Hat die Person den Entscheid tatsächlich wohlerwogen? Für ­einen assistierten Suizid im Gefängnis bräuchte es zusätzliche Abklärungen.» Zweitens: «Würde die Person auch Suizid begehen, wenn sie nicht in Haft wäre? Wenn nein, wäre das problematisch.» Das wäre wie eine freiwillige Todesstrafe, sagt Sachs. Auf Langzeitgefangene würde ein gesellschaftlicher Druck entstehen, weil die Öffentlichkeit viel Geld sparen könnte. «Das fände ich heikel. Zudem würde so auch die Todesstrafe rasch wieder ein Thema.» Drittens: «Gefangene könnten mit der Forderung nach einem assistierten Suizid Druck auf die Haftbedingungen ausüben.» Wie bei einem Hungerstreik könnte die appellative Wirkung im Vordergrund stehen. Sachs fragt: «Wie gehen wir damit um?»

«Eine bedenkliche Entwicklung»

Der reformierte Pfarrer Alfredo Díez präsidiert den Schweizer Verein für Gefängnisseelsorge. Er persönlich sei in seiner 20-jährigen Laufbahn als Gefängnisseelsorger vielen Menschen begegnet, die Suizidabsichten äusserten. Aber niemand habe Suizidhilfe tatsächlich in Anspruch nehmen wollen. Er schliesse zwar nicht aus, dass ­dieses Bedürfnis bei anderen vorhanden sei. Er fände es aber falsch, wenn es erfüllt werden würde: «Ein Mensch in Haft ist in einer sehr vulnerablen Lebens­situation und nicht im gleichen Masse frei wie ein Mensch, der in Freiheit lebt.» Der Basler Bischof Felix Gmür lässt über seinen Sprecher ausrichten, dass es in der Debatte vordergründig um das Selbstbestimmungsrecht gehe. Hintergründig gehe es jedoch darum, welche Lebensformen gesellschaftlich als lebenswert betrachtet würden. Die Debatte weite sich immer mehr auf vermeintlich «unproduktives» Leben aus, auf Langzeitpatienten, betagte Menschen und jetzt auf Verwahrte. «Insgesamt eine bedenkliche Entwicklung», sagt Gmürs Sprecher.

Die für Vogt zuständigen Justizbehörden versuchen derweil, den lebensmüden Verwahrten in einen anderen Kanton zu verlegen, in die Solothurner Justizvollzugsanstalt Schachen. Nach Vogts Fernsehbeitrag beantragten sie den Umzug. Vogts Anwalt unterstellt den Behörden, sie wollten das Problem auf diese Weise vom Tisch haben. Vogt wehre sich dagegen: Er habe keine Kraft mehr für einen Umzug.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.