Sturz einer Ikone

Nach dem Rücktritt der Stadträtin Valérie Garbani fragen sich in der Neuenburger SP einige, ob man nicht besser auf sie hätte aufpassen sollen.

Denise Lachat
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Valérie Garbani (Bild: ky/Sandro Campardo)

Valérie Garbani (Bild: ky/Sandro Campardo)

Valérie Garbani mag schwere Motorräder, und sie gab auch als Politikerin kräftig Gas. Kaum war sie 1996 der Neuenburger SP beigetreten, ging es Schlag auf Schlag: 1999 ermunterte die Genferin Christiane Brunner sie zur Kandidatur für den Nationalrat, prompt wurde Garbani gewählt. Ein Jahr später war Garbani Sekretärin des potenten Westschweizer Mieterverbands Asloca, und von da an ständiger Gast in den Medien. Kämpferisch im Auftritt, prononciert links wie ihre Waadtländer Kollegen Pierre-Yves Maillard und Pierre Chiffelle, wurde Garbani zur Ikone der SP-Frauen in ihrem Kanton. Auf diese Popularität setzte die Partei, als sie die blendend wiedergewählte Nationalrätin (2003) im Jahr 2004 für die Wahlen in die Stadtexekutive und damit für ein Doppelmandat aufstellte. Die Idee: Soll die Mehrheit der Linken gewahrt bleiben, braucht es ein Zugpferd wie Garbani, denn zum ersten Mal werden die Mitglieder der Neuenburger Stadtregierung vom Volk gewählt. Die Rechnung geht auf, Garbani wird Stadträtin, lässt aber, wie bei der Wahl ins Bundeshaus, erneut einen Mann auf der Strecke. Man lässt sie die internen Spannungen in der SP spüren, doch die ambitionierte Politikerin beisst sich durch.

«Sie wollte gar nicht mehr»

2007 lässt sie sich von der Neuenburger SP für eine dritte Amtszeit im Nationalrat überreden – und schafft erstmals eine Wahl nicht. «Es war ein Schock für sie», sagt Didier Berberat, der mit Garbani acht Jahre im Nationalrat verbracht hat und persönlich mit ihr befreundet ist. Matthieu Béguelin, Präsident der SP der Stadt Neuenburg, widerspricht. «Sie war erleichtert.» Denn Garbani habe aus Solidarität mit der Partei und den SP-Frauen kandidiert, «eigentlich wollte sie gar nicht mehr, die Belastung war zu gross», sagt er und kritisiert das Drängen der Kantonalpartei. Im Fehler sieht sich diese indes nicht. «Die privaten Probleme kamen erst später. Als sie kandidierte, lief alles noch gut», sagt der heutige SP-Chef Eric Flury, damals noch nicht im Amt. Allerdings wurde Garbani schon im Juni 2007 in alkoholisiertem Zustand an einem Dorffest ausfällig. «Wir haben die Kandidatin nach Kräften unterstützt», erzählt Didier Berberat. Doch er betont auch: Viel sagen lasse sich Garbani nicht.

Letzte Chance vertan

Eigenwillig, unabhängig, kämpferisch: So kennen die Neuenburger ihre Stadträtin, die sich ihr Rechtsstudium selbst verdiente und zunächst als Sekretärin gearbeitet hat. Doch immer häufiger erlebten sie Garbani als psychisch angeschlagene Frau, die mit ihren privaten Problemen nicht zu Rande kommt. Als sie kurz vor den Kommunalwahlen wegen Polizistenbeleidigung und häuslicher Gewalt schweizweit Schlagzeilen machte, sprach ihr die Partei das Vertrauen aus, und die Bevölkerung bestätigte sie glanzvoll im Amt. Die letzte Chance, die sich Garbani nach einem erneuten Zwischenfall selbst einräumte, hat sie am Wochenende mit Ausfälligkeiten in einem Nachtclub unter Alkoholeinfluss vertan und mit ihrer Rücktrittsankündigung die Konsequenzen gezogen.

«Zu wenig begleitet»

Béguelin betont auch heute noch den rein privaten Charakter der Probleme einer brillanten Politikerin, Berberat kritisiert, da mache es sich die Stadtsektion zu einfach. «Garbani hätte besser begleitet werden müssen, denn sie blieb auch im Privatleben eine streng beobachtete öffentliche Person.» Einig sind sich die SP-Exponenten lediglich in ihrem Bedauern. «Wir wünschen ihr, dass sie jetzt endlich in Ruhe gesund werden kann.»

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