«Stupide Präsenzpflicht»: Trotz Schulverbot müssen mancherorts alle Lehrer in die Schule gehen - das stösst auf Unverständnis

Ausgerechnet in einzelnen Schulen gilt das Wort des Bundesrats offenbar nicht viel: Die Lehrer müssen anwesend sein  – trotz Corona-Virus. Betroffene Lehrer beschweren sich.

Maja Briner
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Ein verwaistes Klassenzimmer.

Ein verwaistes Klassenzimmer.

Keystone

Der Unterricht in der Schule ist verboten, die meisten Schüler und Schülerinnen bleiben zuhause. Dennoch gilt an manchen Orten für die Lehrer und Lehrerinnen Präsenzpflicht: Sie müssen in die Schule kommen – auch dann, wenn sie dort keine Kinder zu betreuen haben. Das stösst auf Unverständnis. Einige Lehrer machen  ihrem Ärger darüber in den sozialen Medien Luft.

Eine Lehrerin aus dem Kanton Zürich ruft dazu auf, sich gegen die «stupide Präsenzpflicht» zu wehren. Es sei verantwortungslos, mit dem ÖV zu pendeln, wenn die Arbeit auch von zuhause aus erledigt werden könne, kritisierte sie. Eine Lehrperson aus dem Kanton St. Gallen klagt, sie müsse in der Schule sein, auch wenn es keine Kinder zu betreuen gebe – während ihre eigenen Kinder fremdbetreut würden. Andere Lehrer berichten von Sitzungen, die unnötigerweise noch in der Schule abgehalten würden, und von Weiterbildungen, die trotz Corona-Virus nicht abgesagt würden.

Es dürfte sich dabei um Einzelfälle handeln. Viele Schulen haben die Lehrer dazu aufgerufen, wenn immer möglich von zuhause aus zu arbeiten. Teilweise heisst es sogar, nur in dringenden Fällen dürften Lehrer in die Schulen gehen. Doch auch wenn es Einzelfälle sind: Dass ausgerechnet einzelne staatliche Schulen die Lehrpersonen zur Anwesenheit verpflichten, wenn der Bundesrat zum Homeoffice aufruft, irritiert.

Lehrerverband: «Sicher nicht sinnvoll»

Der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer hat Kenntnis von der Präsenzpflicht für Lehrpersonen an einigen Schulen. «Die Situation wird derzeit unterschiedlich gehandhabt», sagt Zentralsekretärin Franziska Peterhans. Für sie ist der Fall jedoch klar: Eine Präsenzpflicht sei nur zulässig, sofern der Arbeitgeber das Notwendige zum Schutz seiner Mitarbeitenden vorgekehrt hat. Und aktuell brauche es angepasste Lösungen – Präsenzpflicht für alle sei sicher nicht der richtige Weg.

«Der Bundesrat war deutlich: Wenn immer möglich muss auf Homeoffice umgestellt werden. Es ist sonnenklar, dass die Schulen sich daran halten müssen», sagt sie. Selbstverständlich müssten einige Lehrpersonen weiterhin vor Ort sein – insbesondere, um Kinder zu betreuen. «Aber alle Lehrpersonen in der Schule zu versammeln, um den weiteren Unterricht zu besprechen, ist sicher nicht sinnvoll.»

Das findet auch der Präsident des Schweizer Schulleiter-Verbands, Thomas Minder. Zu Beginn der Woche sei eine Präsenzpflicht noch sinnvoll gewesen, erklärt er. Denn die Schulen wussten noch nicht, wie viel Kinder betreut werden müssen. Nun müssten die Schulen vor Ort entscheiden, welche Massnahmen Sinn ergäben, erklärt Minder. Er schiebt aber nach: «Unseres Erachtens kann es nicht sein, dass noch Anwesenheitspflicht in Schulen gelten kann.» 

Kantone spielen Ball Gemeinden und Schulleitern zu

In den sozialen Medien beschwerten sich unter anderem Lehrpersonen aus den Kanton St. Gallen und Zürich. Nachfrage bei den Behörden: Halten sie eine Präsenzpflicht für Lehrpersonen aktuell für sinnvoll? Deutlich äussert sich St. Gallen: Der Kanton empfehle, die Anwesenheitspflicht vor Ort «auf das Nötigste zu beschränken», erklärt Alexander Kummer, Leiter des Amts für Volksschule. Wie es die Schulen mit Präsenzpflicht und Homeoffice konkret handhaben, regelt jedoch nicht der Kanton St. Gallen abschliessend, sondern die Gemeinden selbst, da die Lehrpersonen bei ihnen angestellt sind.

Weniger klar äussert sich Zürich. Der Kanton spielt den Ball der jeweiligen Schulleitung vor Ort zu. Diese entscheide, wo die Arbeit geleistet wird, erklärt Amtschefin Marion Völger. Die Schulleiter müssten dabei die Vorsorgemassnahmen der Behörden beachten. Weitere Vorgaben macht der Kanton nicht: Die örtlichen Voraussetzungen seien sehr unterschiedlich, eine einheitliche kantonale Regelung daher nicht zielführend, heisst es. Nur am ersten Tag des Schulverbots hatte der Kanton eingegriffen und alle Lehrpersonen aufgefordert, in die Schule zu kommen.

Schulschliessungen könnten länger dauern

Schliesslich war Anfang Woche nicht klar, wie viele Kinder in der Schule betreut werden, weil sie nicht zuhause oder bei Nachbarn sein können. Laut Franziska Peterhans vom Lehrerverband ist dies je nach Schule sehr unterschiedlich. «Von einzelnen Klassen ist die Hälfte der Kinder anwesend, von anderen fast niemand.» 

Die aussergewöhnliche Situation wird laut Peterhans insgesamt gut gemeistert. «Ich bin überzeugt, dass die Lehrerinnen und Lehrer zusammen mit den Schulleitungen einen guten Job machen.» Die Lehrpersonen arbeiteten viel, um zu klären, wie in der nächsten Zeit unterrichtet werden kann.

Gerade in den unteren Schulstufen müsse erst einmal abgeklärt werden, ob die Schüler und Schülerinnen beispielsweise einen Mail-Zugang hätten. Die Schulen müssten sich einrichten für den Fernunterricht, sagt Peterhans: «Es wird immer klarer, dass die Schulschliessungen länger dauern könnten. Das beste Szenario wäre, wenn wir nach den Frühlingsferien wieder regulären Unterricht machen könnten. Doch das scheint aktuell eher unwahrscheinlich.»

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