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STUDIE: Viele Verdingkinder wollen keine Hilfe

Zahlreiche Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen verzichten auf den Solidaritätsbeitrag. Ein Grund dafür ist ihr Misstrauen gegenüber den Behörden.

Noch bis im März können ehemalige Verdingkinder und andere Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen beim Bund ein ­Gesuch für einen Solidaritätsbeitrag von 25000 Franken einreichen. Bisher sind 4525 Gesuche eingegangen. Die Zahl der Opfer ist aber viel höher: Der Bund geht von 12000 bis 15000 Anspruchsberechtigten aus.

Warum sich viele nicht melden, ist nun wissenschaftlich untersucht worden. Die Gründe seien vielfältig, teilte die vom Bundesrat eingesetzte Expertenkommission zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der adminis­trativen Versorgungen (UEK) mit. Mit Sicherheit falsch wäre es, aus der Gesuchszahl zu folgern, dass es weniger Opfer gebe als angenommen.

Ein Grund für die tiefe Gesuchszahl ist gemäss der UEK, dass viele Betroffene verstorben sind oder sich in einem schlechten gesundheitlichen Zustand ­befinden. Noch lebenden Opfern fehlen teilweise die emotionalen oder gesundheitlichen Ressourcen, um ein Gesuch zu stellen. Ein weiterer Grund ist ein Misstrauen gegenüber den Behörden und die Angst vor erneuter Diffamierung und Stigmatisierung. Um einen Solidaritätsbeitrag zu erhalten, müssen die Betroffenen belegen, dass sie Opfer waren. Das bedeute die Konfrontation mit den Akten der damaligen ­Behörden, was für die Betroffenen enorm belastend sei, schreibt die UEK. Viele wollten endlich «Ruhe finden».

Schamgefühle und Angst vor Reaktionen

Weiter gibt es Personen, die schlicht nichts von den Behör-den verlangen wollen, auch keinen Solidaritätsbeitrag. Die ­erschwerten Startbedingungen haben sie dazu gebracht, auf Di­stanz zu den Behörden zu gehen. Die Einreichung eines Gesuches bedeute, sich als Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen erkennen zu geben, schreiben die Forscher. Viele Betroffene hätten jahrzehntelang versucht, genau das zu vermeiden und ihre Vergangenheit vor ihrem Umfeld ­geheim zu halten.

Die Erkenntnisse stützen sich auf insgesamt rund 100 biografische Interviews. Diese führten Forscher der UEK und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Das Bundesparlament hatte im Herbst vor einem Jahr 300 Millionen Franken für Solidaritätsbeiträge bewilligt. (sda)

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