Strommarkt
Notlösung für die Stromversorgung – wieso die Schweiz bald ein Energie-Problem haben könnte

Dank einer technischen Vereinbarung kann die Schweiz die Versorgungssicherheit beim Stromhandel mit dem Ausland verbessern. Doch der Vertrag gilt nur mit den südlichen Nachbarregionen und bloss für ein Jahr. Die grundlegenden Probleme bleiben ungelöst - wegen dem Streit zwischen dem Bund und der EU.

Stefan Bühler
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Mit den südlichen Nachbarregionen der Schweiz klappt der Informationsaustausch über den Handel: Stromleitung durch die Alpen.

Mit den südlichen Nachbarregionen der Schweiz klappt der Informationsaustausch über den Handel: Stromleitung durch die Alpen.

Keystone

Die Mitteilung der Schweizer Strom-Übertragungsnetzbetreiberin Swissgrid kurz nach Neujahr fand nur wenig Beachtung: «Swissgrid unterzeichnet Vertrag mit der Kapazitätsberechnungsregion Italy North». Das ist kein Hingucker. Doch hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich eine Geschichte über die Versorgungssicherheit der Schweiz und über Kosten, die sich früher oder später in unseren Stromrechnungen niederschlagen.

Zur Region Italy North gehören neben Norditalien auch die Übertragungsnetzbetreiber Österreichs, Sloweniens und von Teilen Frankreichs. Dank dem Vertrag erhält Swissgrid nun Zugang zu den Informationen über alle im Zuge des internationalen Handels geplanten Stromflüsse in den Übertragungsnetzen an der Schweizer Südgrenze.

Schweizer Stromnetz ist international vernetzt

Das ist wichtig. Denn das Schweizer Übertragungsnetz ist technisch voll integriert in das europäische Leitungsnetz. 41 Punkte verbinden es mit dem Ausland. Und weil sich Strom stets den Weg des geringsten Widerstands sucht, kann es zum Beispiel vorkommen, dass er auf seinem Weg vom Kraftwerk eines deutschen Anbieters zum französischen Verbraucher durch Schweizer Leitungen fliesst. Oder aus Deutschland durch die Schweiz zurück nach Deutschland. Solche ungeplanten Stromflüsse können das Schweizer Übertragungsnetz stark belasten.

Doch trotz dieser vollständigen Vernetzung gilt der Bund aus Sicht der EU als Drittstaat. Die zuständigen Stellen, darunter Swissgrid, haben keinen Zugang zu wichtigen Institutionen und entsprechenden Informationen in der EU. Der technischen Integration steht eine rechtliche und politische Abkapselung gegenüber.

Dies, weil die Schweiz mit der EU kein Stromabkommen abgeschlossen hat und noch längere Zeit nicht abschliessen wird. Denn erstens müsste sie hierfür ihren Strommarkt liberalisieren. Und zweitens die institutionellen Fragen mit Brüssel regeln, was nach dem Aus des Rahmenvertrags in weiter Ferne liegt.

Vertrag mit Italy North entschärft das Problem, aber löst es nicht

Dank dem privatrechtlichen, von den zuständigen Regulierungsbehörden gutgeheissen Vertrag mit der Region Italy North, kann Swissgrid diese Probleme nun etwas entschärfen. Er ermöglicht es ihr, die Belastung des Schweizer Netzes besser vorherzusehen und zu planen. Damit kann Swissgrid die Netzspannung mit geringerem Aufwand gewährleisten, das Netz besser auslasten und muss weniger Strom in Reserve halten um Schwankungen auszugleichen. Das spart Kosten.

Doch handelt es sich lediglich um eine Notlösung. «Nach 12 Monaten müssen die Regulierungsbehörden der involvierten EU-Übertragungsnetzbetreiber den Vertrag erneut genehmigen», sagt Swissgrid-Sprecherin Stephanie Bos. Und noch fehlt eine entsprechende Vereinbarung mit den Übertragungsnetzbetreibern im Norden. Kommt hinzu, dass sich der Strom-Binnenmarkt und das entsprechende Recht laufend weiterentwickeln.

Bald kein europäischer Strom mehr für die Schweiz?

Nicht zum Vorteil der Schweiz. So müssen bis spätestens 2025 die Übertragungsnetzbetreiber in der EU 70 Prozent ihrer Leitungskapazitäten für den Handel zwischen den EU-Mitgliedsstaaten freihalten. Ein Ziel, von dem mehrere Staaten noch weit weg sind. Sie stehen unter Druck. Geschäfte mit der Schweiz können aber laut Swissgrid nicht angerechnet werden, entsprechend ist es für EU-Anbieter weniger interessant in die Schweiz zu liefern.

«Damit werden die Import- und Exportkapazitäten der Schweiz potenziell massiv beschnitten, ohne dass wir etwas dagegen tun können», sagt Bos. «Dies kann sich allgemein negativ auf die Netzstabilität und insbesondere im Winterhalbjahr auf die Versorgungssicherheit der Schweiz auswirken, denn im Winter ist die Schweiz auf Stromimporte angewiesen.» Hinzu kommt, dass mit der zu erwartenden Zunahme des Stromhandels in der EU auch die ungeplanten Stromflüsse durch die Schweiz zunehmen werden.

Entsprechend hält Bos fest, dass privatrechtliche Verträge wie jetzt mit Italy North, die Probleme nicht nachhaltig lösen: «Ein Stromabkommen wäre deshalb aus unserer Sicht nach wie vor die effizienteste und wirksamste Lösung für eine zuverlässige Stromversorgung der Schweiz.»

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