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Kommentar

Stress ist keine Frage der Quantität

Jeder fünfte Angestellte fühlt sich bei der Arbeit laut einer neuen Studie gestresst. Meist wird die zu starke zeitliche Belastung als Grund angeführt, dabei hat Stress am Arbeitsplatz oft mit fehlender Freude und Leidenschaft im Job zu tun.
François Schmid-Bechtel

Ich gucke wie Bambi. Jedenfalls versuche ich es. Das ist nicht einfach, wenn man gleichzeitig aus der Puste ist. Ich schaue kurz zu meinem Sohn, der sich einsam am Boden mit Spielzeugautos vergnügt, deute ein Lächeln an, ehe ich wieder auf Bambi-Modus umschalte. Ich stammle zur Kita-Frau etwas von Stress bei der Arbeit und Stau auf der Strasse. Zugegeben: Das mit dem Stress bei der Arbeit ist etwas dramatisiert. Finalisieren könnte ich mein Tageswerk auch, wenn der Kleine im Bett liegt. Doch der Frau von der Kita muss ich das nicht explizit erzählen. Mit strenger Miene schaut sie auf ihr Handgelenk. Das animiert mich, es ihr gleichzutun. 18.30 Uhr – heiliger Bimbam. Die Frau von der Kita tippt mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf die Uhr und sagt: «15 Minuten zu spät. Sie wissen, was passiert, wenn das noch einmal vorkommt.» Klar: Der Elternabend liegt erst wenige Wochen zurück. Beim zweiten Mal gibts Gelb, beim dritten Mal Rot. «Sorry, kommt nicht wieder vor. Ich versprechs.» Flexible Arbeitszeiten sind ein Grundpfeiler für eine intakte Work-Life-Balance. Flexible Arbeitszeiten vergrössern unseren Freiraum und unsere Selbstbestimmung. Erst recht, wenn die Stechuhr den Tagesablauf der Kinder diktiert. Der Gewinn wäre aber wesentlich grösser, wenn auch der Kinderalltag etwas flexibler gestaltet würde. Dazu später.

Stechuhr und Stempelkarte haben ausgedient

Als sehnten sich die Gewerkschaften nach den Zeiten, als jeder Angestellte eine Stempelkarte hatte, wehren sie sich gegen einen Vorstoss der bürgerlichen Parteien, die das Arbeitsgesetz reformieren wollen. Flexibilisierung, heisst der Zankapfel. Verdächtig. Sollten nicht die Gewerkschaften das grösste Interesse haben, Lösungen für bestmögliche Arbeitsbedingungen zu unterstützen? Klar, doch. Aber die Gewerkschaften befürchten durch die Aufhebung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit von 45 Stunden eine zusätzliche Belastung für die Arbeitnehmer. Dabei fühlt sich bereits jetzt jeder Fünfte in seinem Job gestresst (Ausgabe von gestern). Die Bürgerlichen, angeführt vom Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber indes argumentieren, dass a) das Jahresarbeitszeitmodell nicht alle betrifft und b) unter dem Strich die Angestellten nicht länger arbeiten würden als unter heutigem Regime.

Gewiss gibt es auch heute noch Arbeitgeber, die es mit den gesetzlichen Bestimmungen nicht so ernst nehmen. Ihre Position würde mit dem neuen Arbeitsgesetz weder gestärkt, noch geschwächt. Aber die Angestellten, die würden profitieren. In Kombination mit dem demografischen Wandel gingen die Arbeitnehmer sogar als klare Sieger hervor. Denn die UBS kommt in einer Studie zum Schluss, dass bis zum Jahr 2030 in der Schweiz mindestens 300 000 Arbeitskräfte fehlen werden. Noch Fragen, wer in einigen Jahren am längeren Hebel sitzt? Und wenn es dann noch Arbeitgeber gibt, die ihre Angestellten wie Stallburschen behandeln, werden sie Probleme kriegen. Die Zeiten, als das Förderband um sieben Uhr morgens gestartet und um 18 Uhr abgestellt wurde, sind längst passé. Heute sind wir eine Dienstleistungsgesellschaft. 24 Stunden an sieben Tagen die Woche im globalen Wettbewerb. Allein die Konkurrenzfähigkeit bedingt flexible Arbeitszeiten.

Freude und Leidenschaft als Rezept gegen Stress

Gewiss ist es bedauerlich, dass sich jeder Fünfte in der Schweiz bei der Arbeit gestresst fühlt. Abenteuerlich ist indes, wenn nun das neue Arbeitsgesetz mit flexiblen Arbeitszeiten – beispielsweise wenn auf eine 50-Stunden-Woche eine 33-Stunden-Woche folgt –als zusätzlicher Stressfaktor herhalten muss. Wobei Stresssymptome nicht bagatellisiert werden sollen. Im Gegenteil. Aber das beste Rezept gegen Stress, so banal es klingt, lautet Freude und Leidenschaft am Arbeitsplatz. Stress bei der Arbeit ist weniger eine Frage der Quantität, sondern der Qualität. Und natürlich ist eine behagliche Lebenssituation stressmindernd. Wobei auch der Kinderalltag eine Rolle spielt. Sagen wir Ja zu einem modernen Arbeitsmarkt, sollten wir auch Ja zu einem flexibleren Schul- und Kinderbetreuungssystem sagen. Von der Detailhandelsangestellten wird erwartet, dass sie bis nach 20 Uhr arbeitet. Aber gerade sie kann nicht um 18.15 Uhr mit der Kasse unter dem Arm in die Kita stürmen und ihre Arbeit zu Hause fertig machen.

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