Streit um neue Gotthardröhre

Das Volk entscheidet über die zweite Gotthard-Strassenröhre. Diese torpediere die Verlagerung, warnt der Kanton Uri. Für den Bau kämpft das Tessin – aus Furcht, abgehängt zu werden.

Tobias Gafafer
Drucken
Teilen
Im Gotthard-Strassentunnel soll es künftig keinen Gegenverkehr mehr geben. (Bild: ky/Urs Flüeler)

Im Gotthard-Strassentunnel soll es künftig keinen Gegenverkehr mehr geben. (Bild: ky/Urs Flüeler)

BERN. Das Gotthard-Gebirge bewegt seit jeher die Gemüter. Am 28. Februar 2016 entscheidet das Stimmvolk über die emotionale Frage der zweiten Strassenröhre. Schon vor Wochen eröffneten Befürworter und Gegner den Abstimmungskampf. Der vor 35 Jahren eröffnete Tunnel muss saniert werden. Der Bundesrat will eine zweite Röhre bauen und danach die bestehende sanieren. Die Gesamtkosten veranschlagt Bern auf rund 2,8 Milliarden Franken. Beide Röhren sollen nur mit je einer Spur und einem Pannenstreifen betrieben werden. Die Einschränkung soll neu auch gesetzlich verankert werden und garantieren, dass der Alpenschutzartikel in der Verfassung eingehalten wird. Zur Erinnerung: Dieser verbietet einen Ausbau der Transitstrassen im Alpengebiet und verlangt die Verlagerung des alpenquerenden Nord-Süd-Verkehrs auf die Schiene.

Konkurrenz für Neat

50 Organisationen wie die Alpen-Initiative, der Verkehrsclub VCS und die GLP, Grünen und die SP ergriffen dagegen erfolgreich das Referendum. Das Volk habe den Bund 1994 beauftragt, die Menschen in den Alpen vor dem Strassen-Transitverkehr zu schützen. Eine zweite Röhre würde die milliardenteure Neat konkurrenzieren und die Strassenkapazitäten erhöhen. Die Gegner rechnen mit noch mehr Lastwagen aus dem Ausland, da der Druck für eine volle Nutzung der zweiten Röhre wachsen werde. Zudem seien die 2,8 Milliarden falsch investiert, in den Agglomerationen etwa herrschten grössere Verkehrsprobleme.

Stattdessen schlagen sie eine Alternative vor: Während der Tunnelschliessung soll zwischen Göschenen und Airolo ein Autoverlad eingerichtet werden, wie er vor der Eröffnung des Strassentunnels bestand. Lastwagen würden mit einer rollenden Landstrasse der Bahn durch den Gotthard-Basistunnel befördert. Auch der Bund verfolgte die Idee, verwarf sie aber, unter anderem weil die Anlagen wieder abgebaut werden müssten.

Neben den linken Gegnern kämpft ein bürgerliches Komitee, darunter die Ständeräte Konrad Graber (CVP/LU) und Thomas Minder (SH/parteilos) sowie Nationalrat Markus Hausammann (SVP/TG) und weitere Politiker, gegen die zweite Röhre. Auch der Urner Regierungsrat spricht sich klar dagegen aus: Eine zweite Röhre erhöhe zwangsläufig die Attraktivität für den Schwerverkehr auf der Strasse, schreibt er. Mit der Verlade-Lösung sei eine reine Sanierung wirtschaftsverträglich möglich. Allerdings fordert der Kanton zusätzlich eine rollende Landstrasse von Grenze zu Grenze.

Mehr Sicherheit, Nachhaltigkeit

Für die vom Gewerbeverband angeführten Befürworter stellt dieser Vorschlag bloss eine nicht nachhaltige Scheinlösung dar. Auch in Zukunft müsste der Gotthard-Strassentunnel alle 40 Jahre saniert werden. Der Bau einer zweiten Röhre ohne Gegenverkehr bringe für den gefährlichen Tunnel zudem mehr Sicherheit. Sie warnen, eine längere Schliessung des Tunnels schädige die Wirtschaft der betroffenen Kantone Tessin, Uri und Graubünden. «Unternehmen aus dem ganzen Land sind auf eine funktionierende Strassenverbindung angewiesen.»

Volk gegen vier Spuren

Im Pro-Komitee sitzen Politiker wie CVP-Fraktionschef Filippo Lombardi oder die Ständeräte Karin Keller-Sutter (FDP/SG) und Brigitte Häberli-Koller (CVP/TG), die Tessiner alt Regierungsrätin Patrizia Pesenti (SP) sowie viele weitere bürgerliche Parlamentarier. Für die zweite Röhre kämpft ebenso das Tessin: Regierungspräsident Norman Gobbi warnt, der Kanton wäre während Jahren vom Rest des Landes isoliert. Es gehe auch um den nationalen Zusammenhalt.

Schon vor elf Jahren entschied das Stimmvolk im Rahmen der Avanti-Initiative über den Bau einer zweiten Gotthard-Strassenröhre – und sagte mit 62,8 Prozent Nein. Allerdings ging es damals im Gegensatz zur Abstimmung vom Februar auch um eine Lockerung des Alpenschutz-Artikels.