STRASSENVERKEHR: Neue Autobahn spaltet Biel

In Biel wird endlich der erste Teil der Umfahrung eröffnet. Der Widerstand gegen die 2,2 Milliarden Franken teure Fortsetzung wächst jedoch von Tag zu Tag. Bereits sind 600 Einsprachen gegen die Ausführungspläne eingegangen.

Reto Wissmann
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Demonstranten protestieren in Biel gegen den geplanten Westast. Am Freitag rollt erstmals der Verkehr auf dem Ostast. (Bild/Grafik: KEY/sand)

Demonstranten protestieren in Biel gegen den geplanten Westast. Am Freitag rollt erstmals der Verkehr auf dem Ostast. (Bild/Grafik: KEY/sand)

Reto Wissmann

Der kommende Freitag ist ein Freudentag für die Region Biel. Nach zehn Jahren Bauzeit wird der Ostast der Autobahnumfahrung eröffnet. Bisher endeten die Hochleistungsstrassen aus dem Jura sowie aus den Richtungen Solothurn, Bern und Neuenburg alle vor den Toren der Stadt. Mit dem ersten Teilstück wird nun endlich zumindest ein Teil davon miteinander verbunden. So sollen das chronisch überlastete lokale Strassennetz entlastet und die Nerven von Anwohnern und Autofahrern geschont werden.

Das knapp fünf Kilometer lange Autobahnstück ist ein Bauwerk der Superlative. Gekostet hat es 1,2 Milliarden Franken. Über 80 Prozent verlaufen in Tunneln. Während des normalen Bahnbetriebs musste die Jurasüdfuss-Hauptachse der SBB unterquert werden. Und bereits nach Abschluss der Planung wurde auf Wunsch der Region noch ein zusätzlicher Vollanschluss in Orpund eingebaut. Am Schluss hat trotzdem alles geklappt. «Wir hatten die Technik im Griff, wir hatten den Zeitplan im Griff und wir hatten die Kosten im Griff», freut sich der langjährige Projektleiter Aldo Quadri. Die Freude über die Schliessung einer der letzten Lücken im Nationalstrassennetz ist allerdings getrübt. Seit Monaten wird in Biel mobil gemacht gegen den Bau des Westastes, des zweiten Teils der Umfahrung.

Dieser soll die Ringautobahn vervollständigen und die Stadt weiter vom Verkehr entlasten. Obschon auch hier der grösste Teil unter dem Boden verlaufen wird, ist das Projekt ungleich umstrittener als der bereits vollendete Ostast. Im Komitee «Westast – so nicht!» haben sich 1700 Personen organisiert. Kürzlich sind über 3000 Leute auf die Strasse gegangen, um gegen den Bau zu protestieren. Und gegen die Ausführungspläne sind 600 Einsprachen eingegangen. Da sind einmal die enormen Kosten von 2,2 Milliarden Franken, die den Gegnern sauer aufstossen. Mit 800 Millionen Franken pro Kilometer werde dies die teuerste Autobahn, die je in der Schweiz gebaut worden sei.

Der Westast wird mitten durch die Stadt verlaufen. Da die Tunnel im Tagebau erstellt werden, müssen rund 70 Häuser abgerissen werden, darunter ein Maschinenmuseum, die Technische Fachschule sowie ein Teil der Schule für Gestaltung. Wegen verschärfter Sicherheitsvorschriften muss zudem ein Anschluss im Stadtzentrum offen geführt werden, wodurch ein 18 Meter tiefer, 270 Meter langer und 45 Meter breiter Graben entsteht. «Autobahnsünden der Sechziger- und Siebzigerjahre werden in Biel wiederholt», befürchten die Gegner.

Das aktuelle Projekt geht auf eine 50-jährige Planungsgeschichte zurück. Vor fünf Jahren hat eine Arbeitsgruppe unter der Leitung des heutigen SP-Ständerats und ehemaligen Bieler Stadtpräsidenten, Hans Stöckli, letztmals die Wünsche der Region aufgenommen.

Keine Volksabstimmung vorgesehen

Die lokalen und kantonalen Behörden stehen hinter dem Vorhaben. Ein grosser Teil der Bevölkerung ist allerdings erst erwacht, als es eigentlich schon zu spät war. Die Ausführungspläne sind bereits öffentlich aufgelegen, eine Volksabstimmung wird es nicht geben und in drei Jahren sollen die Bagger auffahren. Die Autobahngegner werden trotzdem versuchen, das Projekt in der heutigen Form mit allen Mitteln zu verhindern.

Davon wird am Freitag zwischen Festreden und Stehapéro keine Rede sein. Zuerst soll nun einmal die Eröffnung des Ostastes gefeiert werden. Ob und wann die Fortsetzung gebaut wird, ist völlig offen. Sicher ist nur, für die Planung sind bereits über 60 Millionen Franken ausgegeben worden und bei der Eröffnung des Westastes werden die Politiker, die heute das Sagen haben, kaum mehr am Steuer sein.